„Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel herab gekommen
und ist Mensch geworden ...“
(Röm 16, 25 - 27; Lk 1, 26 - 38)
Liebe Schwestern und Brüder in Christus !
Wir haben uns heute die Aufgabe gestellt, aus dem großen Glaubensbekenntnis den Satz „(wir glauben:) Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel herab gekommen“ zu betrachten.
Wenn ich den deutschen Text mal vergleiche mit dem lateinischen und dem griechischen, gibt es eine interessante Feststellung: Alles was über Jesus Christus gesagt wird, ist in der deutschen Sprache in mehreren kleinen Sätzen ausgedrückt. Was ich eben vorgelesen habe, ist der erste Teil eines Satzes, der dann weitergeht: „hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria ... usw“. Schaue ich in den lateinischen Text, wird der Satz , den wir eben in Deutsch gehört haben, mit dem davor gehenden durch ein -qui - verbunden, d.h. also durch ein Relativpronomen, „qui propter nos homines et propter nostram salutem descendet de coelis“ ˜ „der für uns Menschen ...“. Schaue ich in die griechische Sprache wird das, was über Jesus Christus gesagt wird, in einem ungeheuer langen Satz, in einem einzigen Satz ausgedrückt. Das ist nur möglich, indem alle Aussagen über Jesus Christus in Partizipalformen aneinandergefügt werden. Das ist eine Sprechweise, die unserer Sprache Gewalt antut, weil wir uns nicht so ausdrücken. Den Verfassern in der griechischen Sprache kam es darauf an, dass man nicht der Gefahr erliegt, von Jesus Christus gewissermaßen in Sätzlein nebeneinander zu sprechen, sondern in einem Atemzug das auszusprechen, was wir von Jesus Christus bekennen. Man sah in der damaligen Zeit die Gefahr, dass man durch Zerstückeln des Textes den gesamten Duktus verliert. Die Gefahr ist natürlich in unserer Spreche gegeben, in der lateinischen abgemildert durch Relativsätze. Die lateinische Sprache kann das nicht so nachahmen, wie das in der griechischen vorgegeben ist. So merken wir also: In der Übersetzung von einer Sprache in die andere gibt es Verluste und Defizite.
Wir müssen, wenn wir heute besonders den einen Satz betrachten „Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel herab gekommen“, das andere mitdenken, was von Jesus Christus gesagt ist. Sozusagen im Hinterkopf müssen wir gespeichert haben, was schon vorher gesagt worden ist und was noch zu sagen ist: Es endet nämlich in der griechischen Sprache erst mit dem Hinweis, „dass er kommen wird, zu richten die Lebenden und die Toten“. So ist also der gesamte Heilsweg in einen einzigen Satz hinein genommen.
Wir wollen heute de deutschen Sprache folgen und riskieren, dass wir auch gewisse Verkürzungen, weil wir halt nicht immer alles auf einmal denken können, in Kauf nehmen müssen. Wenn man etwas näher sich mit diesem kurzen Satz beschäftigt stellt man fest: Er ist eine kurze Zusammenfassung der vier Evangelien. Ich habe mich immer gefragt, bevor ich mich damit beschäftigt habe, warum so wenig Bezug genommen wird im Glaubensbekenntnis auf das, was die Evangelien so lang und ausführlich über das Leben Jesu schreiben. Heute ist es mir klar geworden: Es ist sozusagen zusammen gezogen in einem einzigen Satzstück, was die Hauptakzente des Lebens Jesu sind. Es will also das Glaubensbekenntnis nicht das Lesen des Evangeliums ersetzen, sondern nachdem man sich gesättigt hat am Wort Gottes und man vor der Frage steht, kurz und knapp zu bündeln, was war denn eigentlich der entscheidende Akzent im Leben Jesu, dann versteht man diese Kurzfassung des Evangeliums.
Zunächst einmal heißt es von diesem Jesus, dass er herabgestiegen ist vom Himmel - deszendere - man nennt diese Theologie „Deszendenztheologie“, die Paulus sehr eindrücklich im Philipperbrief dargestellt hat: „Er war Gott gleich [wir kennen diesen Hymnus], hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich“. Sein Leben war das eines Menschen, es wird also in dieser Weise der Beschreibung des Kommens Jesu Wert darauf gelegt, dass er von Gott kommt.
Das Wort Himmel ist sehr missverständlich. Vieles stellen sich die Menschen vor. Guardini hat einmal gesagt, es sei der Himmel die „Vorbehaltenheit Gottes“. Das ist also für uns Menschen unzugänglich, GOTT - was wir damit bezeichnen. Himmel will ausdrücken: Das ist nicht ein Raum, das ist nicht irgendein Ort, den ich mir vorzustellen habe, sondern das ist Gott selbst, den wir nicht fassen können, den wir nirgendwo erfassen und definieren können, der letztlich unbegreiflich für uns ist. Aus dieser Unbegreiflichkeit Gottes kommt Jesus Christus. Und er kommt zu uns! Denselben Gedanken hat Johannes im Prolog ausgedrückt (also in dem Vorwort seines Evangeliums): Niemand hat Gott je gesehen, der Einzige, der Gott ist und der am Herzen des Vater ruht, der hat Kunde gebracht. Also: auch Johannes sieht Jesus Christus im Lichte Gottes und der ist der kompetente Zeuge Gottes, weil er von Gott her kommt. Aber dieses Kommen zu uns wird beschrieben: Um unseret willen geschieht das, um des Menschen willen. Es ist also nicht die Art Gottes, zu den Menschen zu kommen, um seine gewaltige Macht zu demonstrieren. So wünschen sich ja manche Menschen das Kommen Gottes. Sie haben immer insgeheim im Hinterkopf den Gedanken, den Vorwurf an Gott, warum er so armselig, so ohnmächtig unter uns gegenwärtig ist. Wir wünschten uns einen Gott, der so auftritt, dass er unübersehbar die Menschen in die Knie zwingt.
Das ist nicht die Weise, wie Gott erfahren wird und werden kann. Er ist unter uns wie ein Mensch, wie uns Menschen begegnen. Das hat er gewollt von Anfang der Heilsgeschichte an. Wenn man nämlich das Stichwort nimmt „für uns Menschen“, dann ist das bereits in der Schöpfungsgeschichte zu finden. Denn der Satz, den wir hier hören, wird im Vorausgehenden so eingeleitet: „Durch ihn (Jesus Christus), ist alles geschaffen“. Es wird also der Schöpfungsplan Gottes mit dem Kommen Jesu Christi in dieser Zeit mit einander verknüpft, es ist also nicht ein total neues Erfahren Gottes in Jesus Christus gekommen, sondern die Bilder vom ersten Tag der Schöpfung sind so gestaltet, dass Gott gewissermaßen auf Du-und-Du mit dem Menschen im Paradiesesgarten lebt. Er ist zugänglich, und der Mensch hat zu jeder Zeit die Möglichkeit, mit seinem Gott ins Gespräch zu kommen. Er hat dieses Gespräch beendet, aber Gott hat es nicht aufgekündigt.
Und so ist das ganze sogenannte Alte Testament die Spur Gottes zum Menschen hin.
Abraham usw., wir könnten die ganze Heilsgeschichte durchbuchstabieren: Sie ist das Bemühen Gottes, beim Menschen anzukommen. Und wenn wir an den Wüstenzug denken, die Gegenwart Gottes im Zelt, er zeltet bei den Menschen! Wenn wir heute die erste Lesung gelesen hätten, da steht drin, dass David sich schämt in einem Zedern-Palast zu wohnen. Und nun möchte er gerne seinem Gott einen Tempel bauen. Und durch den Propheten Nathan muss er erfahren: Das brauchst du nicht zu tun, ich war doch immer bei euch, ich bin mitgewandert, sagt Gott, im Zelt war ich unter euch.
Und darum wird im Prolog des Johannes-Evangeliums nicht ohne Grund dieser Gedanke aufgegriffen: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gezeltet“: Das was der Herr und Gott immer schon getan hat, dass er bei den Menschen sein will. Darum ja auch der Gruß im AT, und im NT aufgegriffen: Der Herr mit euch! Das ist das, was wir uns jedes Mal neu sagen. Das ist also das Prinzip der Geschichte des Heiles mit den Menschen, dass Gott bei uns sein will. Ja das Buch der Weisheit sagt sogar, dass er mit uns spielen möchte, wie ein Kind möchte er mit uns spielen, bei uns die Freude teilen.
Das ist also in dem Satz drin: „Für uns Menschen ist er vom Himmel herab gekommen“. Nicht um ein Donnerwetter zu sagen, sondern (wie der Text hier sagt): zu unserem Heil. Und da ist das nächste Stichwort, dass wir bedenken müssen. Wir werden Weihnachten das Evangelium hören, wo die Engel den Hirten sagen „Euch ist der Heiland geboren“ - das ist geradezu sein Name, dass er das Heil bringt. Das Wort Jesus sagt dasselbe: Gott ist Heil, er bringt das Heil. In anderen Sprachen:
* Salvator mundi heißt es in der lateinischen Sprache, der uns salvus, der uns gesund macht an Leib und Seele.
* Oder sotèr (swthr) in der griechischen Sprache, der uns rettet aus der Verlorenheit, die der Mensch immer wieder wählt, wenn er sich von dem Lebensquell Gottes abschneidet.
* In der französischen Sprache sauveteur, Retter.
Alles positiv besetzte Worte. Und was das meint, unser Heil - da müsste man eigentlich jetzt das ganze Johannes-Evangelium lesen: Johannes, sagt in mehreren Zeichen, die er in der Aufteilung seines Evangeliums uns mitteilt (beginnend mit der Hochzeit zu Kana, wo er sagt, da habe Jesus das erste Zeichen seiner heilenden Gegenwart gesetzt): Freude, die will er bringen. Freudiges Beisammensein mit den Menschen wie bei einer Hochzeit soll es sein. Dann Nikodemus, die Nachtstunde. Johannes erzählt uns, wie der Ratsherr kommt und ein tiefes Gespräch mit Christus führt und wie er diesen frommen Menschen weiterführt im Glauben und ihm aufzeigt , dass das Heil durch eine Wiedergeburt im Geiste uns geschenkt wird. Ein neues Anfangen Gottes, der mit Jesus Christus auf den Weg geht, der ist neue Schöpfung; es vollzieht sich sozusagen das neue Paradies, das vertraute miteinander Umgehen zwischen Gott und Mensch.
Oder: wenn wir die Frau am Jakobsbrunnen nehmen; ja, er kommt um einen Durst zu stillen, den jeder Mensch tief in seinem Herzen trägt nach einem Heil, des umfassender ist als Essen und Trinken.
Das gründet in der Tiefe seiner Existenz. Wasser schöpfen aus dem Quell Gottes.
Oder: der Blinde, der da kommt, der sehend wird, weil ihm deutlich wird: In der Begegnung mit Christus ist mir ein neues Schauen geschenkt.
Und: beim Tode vom Lazarus, wo da die Martha erfährt von Jesu Mund: Ich bin die Auferstehung und das Leben.
Also: ein allumfassendes Heil, das den Menschen bis in die Tiefe seiner Existenz gesund machen will. Das alles in diesem einen kurzen Satz ausgedrückt. Ich finde es wunderschön, dass das möglich ist, dass wir in einer Kurzformel all das zusammenfassen können, was wir meinen: dass er unseretwegen unter uns ist und zu unserem Heil.
Und wenn wir jetzt Weihnachten feiern und diesem heilenden Christus begegnen, dann fällt mir das ein, was ein anderer Evangelist sagt: „(als er die Menge vor sich sieht,) da fasste ihn ein tiefes Erbarmen, denn sie sind wie Schafe ohne Hirte“. Nicht ohne Grund, scheint mir, haben die ersten Christen das erste Bild von Christus, das sie wagten zu gestalten, als den guten Hirten gezeichnet und in figürliche Darstellung gebracht. Das war ihnen deutlich, da wird sichtbar, was die tiefste Intention des Kommens Christi in diese Welt ist: dass wir Angenommene, Akzeptierte sind, von Gott Gesuchte sind, von ihm Heimgebrachte sind, zum Herzen Gottes gebracht werden - das alles wollten sie damit ausdrücken, und das war ihre tiefe Freude, das zeichneten sie auf ihre Gräber: Das Zeichen, dass wir in Christus das umfassende Heil gewinnen können.
So ist unser Glaubensbekenntnis eine Einladung, tiefer zu schürfen und den Herrn nicht nur neben uns zu wissen, sondern: in uns geht er durch die Zeit.
Auch in dem andern geht er mit. Das ist es was wir glauben und bekennen, dass sozusagen die trennende Wand (wie Paulus sagt) zerrissen ist: Dass da Gott wieder den Anfang sucht, das vertraute Miteinander mit seinem Geschöpf.
Und immer wenn wir beten, meditieren, dann öffnen wir uns für diese heilende Gesamtwirklichkeit. Und wir haben die tiefste Überzeugung, dass er uns aus all unseren Sehnsüchten befreien wird zu der allumfassenden Sättigung des Heiles, die er uns schenken kann. So dürfen wir dankbar sein und auch heute bekennen: Für uns Menschen und zu unsern Heil ist er vom Himmel herab gekommen.
Amen