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„... zu richten die Lebenden und die Toten ...“ von: H.-J. Sanders
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„... zu richten die Lebenden und die Toten ...“
(1 Sam 16; Mt 11, 28 - 30)

Liebe Schwestern und Brüder ! 

Lasst mich Euch grüßen mit dem Wort der Gnade: Gnade sei mit Euch - und Friede! (Gemeinde: „Und auch mit Dir!) - Das ist schön, dass mir die Gemeinde das auch wünscht, denn davon lebe ich doch genau so, und das ist der Grund des Zusammenarbeitens von Pastor und Gemeinde, weil das, was ich Euch zu sagen habe, Ihr mir auch sagt, und wir gemeinsam so leben von unserm Herrn.

Gnade sie mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Das ist ja der Kanzelgruß - und doch ist es alles, was eigentlich zu sagen ist. Ich war eingeladen, zu diesem Gottesdienst etwas zu sagen über ein Teil des Glaubensbekenntnisses. Ich konnte es mir aussuchen. Ich habe ausgesucht: „... der kommen wird zu richten die Lebenden und die Toten“. Ich glaube, dass dieser Teil aus dem Credo ein wenig mit Schwierigkeiten immer gesehen wird. Wir haben's heute nicht so sehr mit dem Richten. Ich glaube wir sind oft dabei - etwas schnoddrig gesagt -, die „Verständnisnummer“ zu fahren. Also, man hat ja für alles Verständnis, weil alles möglich ist, und irgendwie, weil alles möglich ist und schon so viele es gemacht haben - irgendwie, was soll man da sagen? Und dann hat man noch gehört das Wort von Gorbatschow, was ja gerne verwendet wird: „Wer zu spät kommt, der wird vom Leben bestraft“ - da meint man, ja das stimmt wohl, das ist ja auch unsere Erfahrung. Und dann war's das aber auch schon, irgendwie mit dem Gericht, das das Leben bestrafen könnte.

Das hat sich bei vielen irgendwie eingebrannt. Also, das bestätigt ja, jedermann weiß das. Und dann stimmt sich so eine Gemeinde plötzlich und unter der Hand auf diese allgemeinen „Wahrheiten“ ein und ahnt gar nicht, dass sie damit verrät, was sie im Glaubensbekenntnis sagt. Denn wenn wir so daher reden würden als Schwestern und Brüder in Christus, wenn wir so daherreden würden und sagen, ja ja, wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, dann hätten wir weggeschlagen, was wir bekennen. Wir bekennen nämlich, dass einer kommen wird, der richten wird die Lebenden und die Toten. Und das ist nun mal nicht das, was vor unseren Augen ist und in unser Ohr so einfach kommt, sondern das ist der, der (wie das Evangelium soeben gesagt hat) uns zuruft: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid. Denn mein Gericht ist eines, was euch mit der Wahrheit erquickt“. Und Wahrheit ist erquickend. 
Das können wir an David sehr gut studieren. Sicherlich werden sehr viele Psalmen dem David zugeschrieben, und er hat sie sicherlich nicht alle so formuliert - und doch finde ich biblisch darin zutiefst klug, dass wir an David noch mal herausfinden können, was es nämlich ist um den, der da kommen wird, zu richten die Lebenden und die Toten. 
Ich will nur auf zwei Psalmen hinweisen und einen dritten lesen. Einmal den 22., allen bekannt mit der Eingangsfrage: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, und darauf folgt der 23., ohne irgendeine Verbindung: „Der Herr ist mein Hirt!“. Das muss man sich ja erst mal klar machen, dass diese beiden, die bekanntesten Psalmen ja sicher, dass die so direkt hintereinander stehen und dass sie beide dem David zugeschrieben werden. Und der hat ja sicher Grund genug gehabt, wie uns biblisch berichtet wird, dieses auch zu klagen. Und am Ende doch zu sagen, der Herr ist (dennoch) mein Hirte. Denn diese Geschichte aus dem Samuel-Buch, diese Berufung des David ist eine Berufung zum Lobe Gottes am Ende. Sicherlich ist es auch eine Berufung zum König in Israel, aber am Ende ist es eine Berufung zum Lobe Gottes. Dies ist sein Tun, darauf lässt es sich am Ende beschränken, festlegen; es ist ein Tun zum Lobe Gottes. Dieses soll von ihm her uns ermöglicht werden: Lob Gottes. 
Und wenn ich eingangs gesagt habe, dass es die Wahrheit ist, die uns dahin führt, Gott zu loben, dann sind wir wieder sehr dicht an dem Richter und an seinem besonderen Richten, dem Richten des Jesus Christus. Wir haben doch gehört, sein Joch sei sanft. Das heißt aber erst einmal: Ein Joch ist es allemal. Und wer sich diesem Joch nicht unterziehen möchte, wird ganz gewiss nicht in die Wahrheit kommen. Wer irgendwie daran vorbeiflattern möchte, na dies und jenes wird er nicht erkennen, der wird nicht Ruhe finden. 
Bei David ist das auch so. Im Psalm 139 (das ist der, den ich Ihnen noch mal lesen wollte, den wir eben ja schon gesungen und gehört haben, sicherlich einer der weit bekannten) heißt es: 

Herr, du erforschest mich und kennest mich: 
Ob ich sitze oder stehe, so weißt du es, 
Du verstehst meine Gedanken von Ferne, 
Ob ich gehe oder liege, so bist du um mich 
Und siehst alle meine Wege, 
Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, 
Das du, Herr, nicht schon wüsstest. 
Von allen Seiten umgibst du mich 
Und hältst deine Hand über mir. 

Es wird ja meistens so verstanden, gerade dies letztere („hältst deine Hand über mir“), dass er mich irgendwie schützt - klingt ja nett - , aber, so ist das nun mal nicht gemeint, wenn wir uns das so billig machen, dass er uns einfach schützen würde in dem, was wir eben so sind und nun so tun. Denn dieser Psalmbeter sagt weiter:

Nähme ich Flügel der Morgenröte 
Und bliebe am äußersten Meer ... ,

was doch soviel heißt wie: Wenn ich von dir weit weg laufen würde, wenn ich mich irgendwie unsichtbar machen wollte, wenn du gar nicht sehen solltest, wer ich bin, ich wüsste am Ende: Du bist und bleibst mein Richter. Und du könntest mich zerquetschen oder du könntest mich, wenn ich zu spät komme, bestrafen - wie das Leben es tut -, und wenn du das nicht tust, gestehe ich, dass diese Erkenntnis zu hoch ist. Mein Herz kann es nicht begreifen, mein menschliches Herz. 
Aber, sagt er dann - und das ist doch eine wunderschöne Aussage - : Am Ende bin ich noch immer bei dir. Er sagt: Wollte ich verstehen, was du mir da mit deinem besonderem Richten tust, ich würde es nicht verstehen. Und sagt dann (und das ist wirklich Glaubensgewissheit): Durch alle meine Angst hindurch, dass du mich zerschlagen könntest - und du hättest ja auch die Macht dazu, mich zu spät kommen zu lassen und zu bestrafen -, weiß ich: Am Ende bin ich noch immer bei dir. 
Und das ist das Richten unseres Herrn Jesus Christus: Dass wir durch alles hindurch (allerdings auch nur so: durch alles hindurch) sagen dürfen: Am Ende ist er doch mein Bruder und wird, wenn ich im Gericht gefunden werde, sagen zu seinem Vater: Nimm doch diese auch mit. Nimm ihn mit hindurch durchs Gericht. 

Das ist unsere Glaubensgewissheit. Ich wollte ihnen aus dem Heidelberger Katechismus ein Wort vorlegen zu dieser Gewissheit. Der Heidelberger Katechismus stellt immer schöne Fragen und diese heißt: „Was tröstet dich die Wiederkunft Christi, zu richten die Lebenden und die Toten?“ Und dann sagt er und regt uns an, so auch zu sagen (und da spielt es keine Rolle, ob wir evangelisch oder katholisch oder reformiert oder lutherisch und was auch immer sind), dass wir so sagen, nämlich: Dass ich in aller Trübsal und Verfolgung (und jetzt kommt´s:) mit aufgerichtetem Haupt des Richters, der sich zuvor dem Gericht Gottes für mich dargestellt und alle Vermaledeiung von mir genommen hat, aus dem Himmel gewärtig bin. Das ist mein Trost, dass ich diesem Richter gewärtig bin, dass all der Schmutz, der zu Recht gegen mich ausgebracht werden kann, alle Schlecht-Rede, dass all der wohl sein kann (und Gott könnte noch mehr dazupacken, mehr als mein eigenes Herz das kann), dass das alles irdisch sein Recht hat, aber ich bin getrost, dass es doch mein Herr und mein Tröster ist, der da kommen wird. 
Und dass er zu meinem Vater im Himmel sagen wird: Nimm doch diesen mit hindurch - dass ich also seiner Wiederkunft gewärtig bin. Und dann geht´s in diesem Heidelberger Katechismus fast unverschämt weiter. Da sagt er nämlich: Also mein Trost ist, dass er, Jesus Christus, alle seine und meine Feinde in die ewige Verdammnis werfe, mich aber und alle Auserwählten zu sich in die ewige Freude und Herrlichkeit nehme. 

Und da möchte man sagen: so vollmundig kann ich es ja nun nicht sagen. Und es ist auch gut, wenn wir bescheiden sind und demütig. Wir nennen das immer „demütig“, ich glaube, das ist verkehrter Stolz. Also wahre Demut wäre, zu sagen, ich kann's nicht, aber er kann's und er will's. Er kann und er will mich durchs Gericht hindurchnehmen. Das liegt nicht an meinem Wollen und Tun, es liegt an ihm, und ich bin gewiss, er wird es tun. Und ich bin gewiss, dass David davon was wusste. Dass wir überhaupt von David als dem Geliebten heute noch reden, hat nicht was zu tun mit seinem großen weltlichen Richten und Aufbauen in Israel, sondern damit, dass wir wissen, durch welche Irrwege und Schandtaten er gegangen ist; und das ist das Wunderbare, dass die Bibel das nicht noch irgendwie verherrlicht oder ein bisschen verkleistert und sagt, sind wir nicht alle so ein bisschen rein und haben wir nicht alle so ein paar Sünden an unserem Rock, nein , nein, keineswegs, sie beschreibt es scharf und klar, und es sagt ihm der Prophet Nathan: Du bist es, der diese Schweinereien tut, und überantwortet ihn damit dem Gericht Gottes, und David selbst denkt: Nun ist es aus mit mir - und darf dann doch lernen, dass das Richten bei Gott anders ist als bei uns Menschen. Was keineswegs heißt, dass die Gebote außer Kraft gesetzt wären oder dass wir Gnade vor Recht ergehen lassen - nein, das ist ein völlig verkehrtes Wort. 
Nein, wir lassen nicht Gnade vor Recht, wir bringen Gnade ins Recht. Also alles Recht, von dem wir leben und das wir zu bezeugen haben, ist zuerst und zuletzt Gnaden-Recht. Alles Recht auf Erden soll sich herdefinieren von der Gnade Gottes und von diesem letzten Richter. Noch einmal: Das heißt nicht, dass wir Schmutz einfach Schmutz sein lassen können, Sünde einfach Sünde sein lassen können. Nein, wir wissen: Er hasst die Sünde, aber er liebt den Sünder. Und deswegen holt er ihn ´raus. 

Und noch ein schönes Wort, was ich in einer schweren Zeit, in der ich's durchbuchstabieren musste, gelernt habe. Es heißt: Die Sünder werden nicht geliebt, weil sie schön sind (das kann man auf David beziehen und auf sich selbst), sondern sie werden schön, weil sie geliebt sind. Das ist unser Glaube. Das ist der christliche Glaube, auf den hin wir alle Lieder singen. Das ist die Grundlage unseres Wissens von unserem Herrn Jesus Christus, dass er so kommen wird zu richten die Lebenden und die Toten. Und er wird so kommen. Und sein Richten hat begonnen da im Stall von Bethlehem und hat seinen Weg konsequent genommen zum Kreuz in Golgatha. So sieht sein Richten aus. Es ist ein Dienen dem, der in den Sünden sich verstrickt hat - damit er von den Sünden frei werde und sich schäme ob seiner Sünden und dann vielleicht singt (hoffentlich singt!), dass die Sünden nun an Jesus Christus hängen - und wir frei sein dürfen.

Dann ahnt man, dass Gericht Entscheidung ist, und dass wir bei aller Berufung (ich glaube, David musste sich auch entscheiden) uns entscheiden müssen, ob wir es so weiter halten wollen mit ein Bisschen Gnade und mit ein Bisschen recht Tun und so weiter, oder ob wir sagen wollen: Nein, ich glaube, dass mein Herr Jesus Christus mir und allen von ihm Auserwählten gnädig sein will. Und ich hoffe, dass ich dazu gehöre - ich weiß es doch nicht. Aber ich lebe so, als wüsste ich, dass ich dazu gehöre, und am Ende wird er es mir zeigen. 
Das ist meine Gewissheit. 
Und das ist für die ganze Gemeinde - woher sie sich auch immer definiert, was immer sie auch für Katechismen hat - völlig gleich. Wir glauben, dass Gott anders richtet als wir. Nicht nach dem, was sein Ohr hört und sein Auge sieht, sondern er sieht das Herz an, und wenn er das Herz ansieht, dann ist das nicht so ein Schauen wie bei uns, sondern wenn er das Herz ansieht, dann hat er das Herz bereits gewandelt und hat es aufgeschlossen und ruft es zum Dienst, und wir werden freudig folgen und singen. 
Ich habe von dieser Gemeinde gehört, sie feiere gern. Wie gut! Sie feiert die Freiheit der Kinder Gottes. Sie freut sich im Herrn, der für sie alles getan hat - auf Golgatha. Er hat auf sich genommen, was gegen sie spricht. Deswegen ist zu Recht die christliche Gemeinde die erste Gemeinschaft der Freigelassenen der Schöpfung: Wir sind frei, weil ein anderer im Gericht es auf sich genommen hat. 

Noch ein Letztes: Ich gehe mit den Konfirmanden unserer Gemeinde gern in den großen Schwurgerichtssaal - kennen Sie vielleicht, hier in Bremen an der Domsheide. Es ist ungefähr so aufgebaut wie hier, wie in jeder Kirche (bzw. etwas anders, aber nicht unähnlich), also: Die Richterbank, dann ist da der Staatsanwalt (zwei Stufen), der Verteidiger (eine Stufe), dann ist da der Angeklagte (unten). Das ist ja immer die klassische Nummer: Der Angeklagte unten, damit man weiß, was das ist. 
Und dann sag ich den Konfirmanden (das ist dann allerdings sehr lutherisch!), dass ich glaube, dass unser Herr von seinem Vater den Auftrag bekommen hat, mit mir zu wechseln. Ich, der ich auf dem Angeklagtenstuhl sitzen muss (oft auch stehen muss, wenn es der Wahrheitsfindung dient), ich darf wissen, dass Gott, der unser letzter Richter ist, zu seinem Sohn sagt: Geh du hin und nimm du in deinem Richten auf dich, was gegen diesen spricht. Und dieser, was darf der denn tun? Er darf rausgehen aus dem Gerichtssaal! Was wird er draußen tun? Er wird draußen allen sagen, seiner Familie, allen die es hören wollen und denen die es nicht hören wollen, er wird sagen: Kommt, lasst uns singen! Ich bin frei! Es hat einer auf sich genommen, was gegen mich spricht. Und der ist unser, mein und euer letzter Richter. Und so wie er mir getan hat, will er euch tun. Wenn man das in diesem ehrwürdigen Gerichtsgebäude nachvollzieht, ahnt man, was das ist - die Freiheit der Kinder Gottes, die Freiheit der Freigelassenen der Schöpfung.

Deswegen hat die Gemeinde viel Anlass, zu singen, zu feiern, zu jubeln und damit ihren Dienst immer neu zu beginnen. 
Gott gebe, dass es sich so immer wieder neu ereigne und durch das ganze Jahr hindurch. 

Das ist gewiss wahr!

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