„... gekreuzigt, gestorben und begraben, hinab gestiegen in das Reich des Todes ...“
(Röm 8, 31b - 35. 37 - 39; Joh 14, 1 - 6)
„Gedenke Mensch, dass Du Staub bist und zum Staub zurückkehrst ...“
Mit diesen Worten aus dem Buch Genesis, liebe Schwestern und Brüder, wird katholischen Christen am Aschermittwoch nach alter Tradition ein Kreuz aus Asche auf die Stirn gezeichnet. Sie sollen sich ihrer Vergänglichkeit erinnern, und - wo nötig - umkehren, um stets bereit zu sein für die letzte Stunde. „Gedenke Mensch, dass Du Staub bist und zum Staub zurückkehrst ...“
Was in diesen Worten ausgesprochen wird, bekommen wir besonders angesichts des Todes zu spüren: Unser Leben ist der Vergänglichkeit unterworfen. Es steht zwischen Geburt und Tod. Doch nicht ohne Grund wird Christen die Asche in Form eines Kreuzes auf die Stirn gezeichnet: Ja, das Kreuz ist Zeichen des Leidens und Sterbens, Zeichen der Vergänglichkeit, Symbol für all das, worunter wir Menschen zu leiden haben und leiden. Aber es ist auch Ausdruck christlichen Hoffnung, der Hoffnung, dass Leid und Tod nicht das letzte Wort haben, dass wir nicht im Tod enden, sondern dass wir neues Leben finden - bei Gott.
In der Auferstehung Jesu ist diese christliche Hoffnung begründet: Er, der Leiden und Sterben und den Tod am eigenen Leib erfahren hat, überwindet und besiegt dies alles und findet neues, nie endendes Leben bei Gott. Das ist das Kernstück christlichen Glaubens, von ihm her erscheint die christliche Botschaft in ihrem einzigartigen Licht.
Am einfachsten, liebe Schwestern und Brüder, und - für mich - zugleich am eindrucksvollsten, hat Hans Arp diese Wirklichkeit in seiner 1948 entstandenen Federzeichnung „Christus am Kreuz“ zum Ausdruck gebracht:
Der Gekreuzigte ist immer schon der Auferstandene: Nicht leblos ist seine Gestalt, sondern in seiner ganzen Haltung lebendig. Nicht die Schatten des Todes umgeben ihn, sondern in den Kreuzesbalken die Strahlen des österlichen Lichts. Ohne die Auferstehung Jesu ist sein Leiden und sein Sterben, ist das Kreuz nicht auszuhalten, nicht zu denken. Und dennoch hieße, vorschnell zur Botschaft von der Auferstehung überzugehen, die Bedeutung des Leidens und Sterbens Jesu, die Bedeutung des Kreuzes, zu übersehen. Nicht ohne Grund formuliert das Credo in dieser Ausführlichkeit und Dichte: „GEKREUZIGT - GESTORBEN - BEGRABEN ... HINABGESTIEGEN IN DAS REICH DES TODES ...“, und führt so die Wirklichkeit des Leidens und Sterbens Jesu ganz massiv in den Blick.
„GEKREUZIGT, GESTORBEN UND BEGRABEN ...“
Es ist ein dunkles Geheimnis unseres Lebens, liebe Schwestern und Brüder, dass Menschen sich Neuem und nie-Dagewesenem verschließen, dass es sogar Menschen gibt, die mit Hass und Feindschaft dagegen angehen, aus Angst vor dem Neuen vielleicht oder weil es die alte Ordnung und Machtverteilung durcheinander und ins Wanken bringt:
Da werden ungerechte Privilegien gegen ihre Kritiker mit aller möglichen Härte verteidigt.
Die Wahrheit wird verdreht und Feindbilder werden gepflegt, um den eigenen Einfluss zu erhalten.
Auch Religion kann für sehr dunkle und menschenverachtende Ziele eingesetzt werden.
Was wir aus der Vergangenheit kennen und in der Gegenwart immer wieder erfahren, das hat Jesus hautnah zu spüren bekommen: Mächtige Führer seines Volkes, des Volkes seines Gottes, wehrten sich dagegen, wie er von Gott sprach und in seinem Umgang mit den Menschen, besonders mit den Sündern, Gottes heilendes Erbarmen mit allem Leben anschaulich machte. „Er hat Gott gelästert.“ (Mt 26,65) „Wir haben festgestellt, dass dieser Mensch das Volk verführt, es davon abhält, dem Kaiser Steuern zu zahlen, und sich als Messias und König ausgibt.“ (Lk 23, 2) „Er wiegelt das Volk auf und verbreitet seine Lehre in ganz Judäa, von Galiläa bis hierher.“ (Lk 23,5) - so heißt es in den Prozessberichten der Bibel, übrigens den ältesten und geschichtlich verlässlichsten Teilen des NT.
Das Neue, das noch-nie-Dagewesene durfte nicht sein: Kranke waren immer Kranke und wurden nur in Ausnahmefällen geheilt. Immer gab es ein Oben und Unten, die Hierarchie von Mächtigen und Untergebenen, von arm und reich. Und auch die Sünder blieben Sünder. An ihrem Leben nahm man nicht teil. Dass Jesus Kranke heilte, ja sogar Tote erweckte, dass er die gewachsene Hierarchie in Frage stellte, ja sogar die Armen selig pries, dass er mit Sündern zu Tisch saß und so Gottes Barmherzigkeit bezeugte, das brachte die gefügte Ordnung durcheinander, und das durfte nicht sein.
Das Leiden und Sterben Jesu, das Kreuz, war die Konsequenz einer Angst vor dem Neuen und noch-nie-Dagewesenen, das mit Jesu Leben und seiner Botschaft in die Welt Einzug gehalten hatte. Dies aber nicht nur in einem oberflächlich-historischen, sondern auch in einem zutiefst theologischen Sinn: Gottes Wille war es, die Menschen aus ihrer unheilvollen Situation, aus ihrer Verstrickung in Sünde und Schuld, aus ihrer Vergänglichkeit und Gottesferne, in die sie von Anfang an geraten waren, wieder heraus zu holen, sie zu erlösen. Das konnten Menschen selbst nicht leisten. Darum kam ihnen Gott in Jesus Christus entgegen: Jesus sprach zu ihnen von der Liebe Gottes, die das Heil aller will. Er ließ sie dies Heil am eigenen Leib erfahren und zeigte ihnen, wie man Mensch sein kann, ohne in Zerwürfnis mit Gott zu leben.
Im Grunde ist sein ganzes Leben von Anfang an Zeugnis der Erlösung, Erlösung selbst. Im Tod am Kreuz praktiziert Jesus sie in letzter Konsequenz: Selbst ohne Sünde, hat Jesus am eigenen Leib erfahren müssen, was es für den Menschen bedeutet, „von Gott und der Welt verlassen zu sein“. Obwohl er selbst nie gesündigt hat, hat er die Folgen der Sünde bis zum bitteren Ende aushalten müssen. Die Sünde der Welt wurde auf ihn wie auf einen Sündenbock abgeladen. So hat er uns Menschen von der Sünde und ihren Folgen frei gemacht: In Christus hat Gott gleichsam die Menschheit „unterwandert“ und sich an deren Spitze gestellt. Und in Christus hat gleichsam die ganze Menschheit das entscheidende „Ja“ zu Gott gesagt. Dieses „Ja“ stellt den unterbrochenen Lebenskontakt zu Gott wieder her.
Es ist gleichsam die „Initialzündung“ zu einer neuen Schöpfung.
So, liebe Schwestern und Brüder, ist Jesu Tod am Kreuz die äußerste Erfüllung des göttlichen Willens, der den Menschen von Grund auf heilen will.
Nun ist freilich zu fragen, ob es von Seiten Gottes keinen anderen Weg gegeben hätte, die Heilung des Menschen zu vollziehen, als durch die Hingabe des eigenen Sohnes. Ich bin sicher, es hätte sie gegeben - schließlich ist Gott allmächtig. Gott aber hat diesen Weg gewählt, und er ist - richtig verstanden - Ausdruck seiner unüberbietbaren Zuneigung zu uns Menschen.
Falsch, liebe Schwestern und Brüder, wäre die Vorstellung, Gott brauche das Opfer seines eigenen Sohnes für die Wiederherstellung seiner verletzten Ehre. Wir verstehen die Leidensgeschichte Jesu nur richtig, wenn wir sie als Geschichte der Liebe Jesu und als die Geschichte der Liebe Gottes, seines Vaters, zu uns hören: Jesu Leiden und Sterben, war Liebe, die bis zum Äußersten ging, indem sie auch noch an uns litt und starb. Sie antwortete auf unsere Kälte und Gegenwehr nicht dadurch, dass sie uns aufgab und dem Tod überließ, sondern dadurch, dass sie unser unheil-Sein auf sich nahm und unseren Tod starb. Gerade in der Ohnmacht des Leidens und Sterbens Jesu tritt die Macht einer Liebe zutage, die durch nichts mehr zu übertreffen ist. So sehr liebt uns Gott, der Vater, dass er den Sohn für uns hingab bis in den Tod. So sehr liebt uns der Sohn, dass er sich von unserer Sünde und vom Tod treffen ließ, um ihre Macht über uns zu brechen.
Das, liebe Schwestern und Brüder, bekennen wir, wenn wir im Credo sprechen: „Jesus Christus ... - gekreuzigt, gestorben und begraben ...“. Ja, auch „begraben“, weil uns oft erst im Begräbnis das Endgültige des Todes bewusst wird.
Warum aber Gott diesen und keinen anderen Weg ging, um uns aus dem Tod in neues Leben zu führen, das bleibt ein Geheimnis.
„JESUS CHRISTUS ... - GEKREUZIGT, GESTORBEN UND BEGRABEN ...“
Untermauert wird dieses Bekenntnis noch einmal durch einen weiteren, weit gehend außer Acht gelassenen Glaubensartikel: „HINABGESTIEGEN IN DAS REICH DES TODES ...“. Vielen Christen ist dieser Glaubensartikel unverständlich und fremd. Früher hieß es sogar: „Abgestiegen zu der Hölle“. Fremd mag diese Aussage anmuten, weil in ihr ein für uns heute überholtes dreistöckiges Weltmodell anklingt, vielleicht sogar mythische Motive vom Abstieg der Götter in die Unterwelt. Trotzdem hat dieser Glaubensartikel auch heute noch seine ganz wichtige Bedeutung: Wir kommen dem im Glaubensbekenntnis gemeinten Sinn näher, wenn wir sehen, dass der unmittelbare Hintergrund dieser Aussage die alttestamentliche Vorstellung vom Totenreich, der SCHEOL, darstellt.
Frühere Generationen verwendeten dieses Bild, um sich eines Verbleibs der Toten zu vergewissern: Sie wehrten sich dagegen, die Toten als ganz und gar und endgültig ausgelöscht zu denken, und entwickelten die Vorstellung eines Schattendaseins, eines Daseins fern vom Land der Lebenden und vom Gott des Lebens. Vielleicht haben die Toten - so dachte man - in dieser Finsternis ohne Leben doch noch ihren Namen, vielleicht gibt es darin doch noch ein Warten auf die Befreiung aus der Macht des Todes. Die Toten sollten von den Lebenden nicht ganz und gar aufgegeben sein.
Wenn wir nun von Jesus sagen, dass er „hinabgestiegen (ist) in das Reich des Todes“, dann bekennen wir, dass er nicht nur in unser Menschenleben, sondern auch in unseren Menschentod Einzug gehalten hat. Er ging unseren Weg bis ganz nach unten in das stumme Schweigen der Toten. Er teilte die Ferne vom Land der Lebenden und vom Gott des Lebens und machte so deutlich: Gott gibt die Toten nicht auf, auch nicht die längst verstorbenen Generationen. Er behält alle Toten im Blick und führt sie in seinem Sohn aus dem Land des Todes heraus. Er umgreift mit seinem Lebens- und Heilswillen selbst die größte Abgeschiedenheit und Tiefe.
„JESUS CHRISTUS ... GEKREUZIGT, GESTORBEN UND BEGRABEN, HINABGESTIEGEN IN DAS REICH DES TODES ...“
Liebe Schwestern und Brüder! Was diese Artikel unseres Glaubensbekenntnisses benennen, das ist keine Todesbotschaft, sondern durch und durch eine Botschaft vom Leben, die Botschaft nämlich, dass Gott das Heil und das Leben will, für alle Menschen, und dass keine Grenze, nicht einmal der Tod, ihn bei seinem Vorhaben aufhalten kann. „Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes ...“ - so formuliert es Paulus in seinem Brief an die Römer - „... weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur.“
All das überwinden wir durch den, der uns geliebt hat.
Amen.