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„er wird wiederkommen in Herrlichkeit“ von: Hanns Kessler
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16.2.2003: Hanns Kessler
„... und wird wiederkommen in Herrlichkeit...“
(Ex 33, 12 - 19; Joh 13, 36 – 14,9)

Liebe Gemeinde,

„er wird wiederkommen“ - dem Satz folgt dann noch „in Herrlichkeit“, dann: „Gericht zu halten über Lebende und Tote“, und: „seines Reiches wird kein Ende sein“.
Eigentlich in einem einzigen CREDO-Satz mindestens vier verschiedene Predigten. Ich werde aber nur eine halten. Und zwar möchte ich mich konzentrieren auf diesen Satz „er wird wiederkommen“, und zum Schluss vielleicht mit einigen Streiflichtern die anderen Sätze noch erwähnen.

Streng genommen, dürfte es diesen Satz im CREDO gar nicht geben. Ja, noch mehr: Streng genommen, die Sammlung von Schriften wie das NEUE TESTAMENT, die ja von Menschen reden, die aufs Wiederkommen warten - streng genommen dürfte es die auch gar nicht geben: Wenn passiert wäre, wovon die Rede in diesen Schriften ist, nämlich: Jesus ist wieder da!
Aber: Er kam nicht und er kam nicht! Und so entstand das NEUE TESTAMENT, und so entstand das Johannes-Evangelium: Petrus: „Wohin gehst du?“, fragt er, „kann ich nicht mitkommen?“ Jesus: „Nein. Aber ich komme wieder und nehme euch zu mir, damit ihr sein könnt, wo ich bin“.
Und so auch das trotzig bekennende Stück aus dem Glaubensbekenntnis „Er wird wiederkommen - in Herrlichkeit - Gericht zu halten“.
Was ich damit sagen will, ist: Kirche und Kirchen, theologische Systeme, Liturgien, Ämter, Glaubensbekenntnisse - alles das ist angelegt in der zweiten und dritten christlichen Generation. Am Ende des ersten oder am Anfang des zweiten Jahrhunderts, mit drei einschneidenden Erfahrungen dieser christlichen Generation, die der evangelische Theologe F.W.Marquardt so benennt:

Die Christen dieses zweiten nachchristlichen Jahrhunderts waren drei tief einschneidenden Entfremdungserfahrungen ausgesetzt: 
1. der sog. Parusieverzögerung, d.h. also der Verzögerung der Wiederkunft Christi;
2. dann die Erfahrung, dass der Geist Gottes nicht mehr so ausgegossen ist über Christen und Nichtchristen, wie dies in den Tagen Jesu und unmittelbar nach seiner Auferstehung der Fall war (wie es etwa in der Pfingsterzählung geschildert wird) - so nicht mehr -; 
3. und dass die christlichen Boten sehr schnell viel mehr Heiden und so gut wie gar keine Juden mehr für ihre Glaubensgemeinschaft gewannen. 
Und dadurch, dass es keine Juden mehr waren, die Kirche bildeten und immer mehr Heiden, die keinen jüdischen Hintergrund hatten, hat das eben dazu geführt, dass sich eben auch diese Erfahrungen, das Selbstverständnis der Christen, die Sprache ihrer heidnischen Gotteserfahrung und damit ihrer Theologie sich veränderte. 
Also diese drei Dinge (die Verzögerung der Wiederkunft; der Geist Gottes ist nicht mehr so präsent und so unmittelbar, wie sie das gehört haben von früheren Tagen her; und kaum noch Juden, immer mehr Heiden, die zum Christentum stoßen). Dass Jesus doch nicht sobald kam, wie sie hofften, das war ganz gewiss eine Erschütterung ihrer Existenz, die jener Erschütterung und Verstummen gleich kam, vielleicht auch der Angst, wie Markus es beschreibt bei der Botschaft von der Auferstehung Jesu aus dem Grab. Nur: da steht ja, dass sie vor Furcht nichts sagen konnten - also keineswegs Jubel und Freude, wie wir das meinen würden und vielleicht das selbst ein wenig praktizieren, sondern Entsetzen und Schrecken, dass der Tod nicht das Ende ist, sondern dass es auf eine ganz andere Weise weitergeht. Das war aber ein plötzlicher Schock. Die Ostererfahrung ist etwas Plötzliches gewesen, während das Ausbleiben der Ankunft Christi ein sehr langer und Nerven verzehrender Erfahrungsprozess war. Und der natürlich etwas zu tun hatte mit dem ganz banalen Alltagsgemisch, was wir ja auch kennen, nämlich Enttäuschung und Resignation, die von dieser Generation verarbeitet werden mussten. Und wenn Sie daraufhin mal das Lukas-Evangelium lesen, so ist Lukas der Evangelist, der zum ersten Mal eine Strategie erkennen lässt, eine Strategie, die sagt: Wir müssen jetzt so arbeiten, das Endziel ist Rom. Und so erreicht er ja mit seinen beiden Schriften, dem Evangelium und der Apostelgeschichte am Ende wirklich Rom, wenn Paulus am Ende der Apostelgeschichte in Rom wirklich ankommt. 

So, aber noch einmal zurück zu diesem Gemisch von Enttäuschung und Resignation. Das Ausbleiben löste wirklich Erschütterung und Angst aus. Und so selbstverständlich ist das gar nicht, dass es heute noch ein Christentum gibt. Wenn sie das damals nicht bewältigt hätten, gäbe es uns in dieser Versammlung nicht. Erschütterung und Angst - für mich schimmert diese Angst durch in den Worten des heutigen Evangeliums (Sie haben ja gemerkt, aus den sog. Abschiedsreden Jesu): „Willst du uns zurücklassen? Wie Kinder zurückbleiben, deren Eltern plötzlich verschwunden sind? Nein, nein, ich lass´ euch nicht als Waisen zurück. Können wir nicht schon jetzt mitkommen? Nein, später werdet ihr nachkommen, jetzt aber nicht. Wirst du wirklich wiederkommen? Zurück zu uns? Ja, ich komme wieder, damit ihr seid, wo ich bin.“ 
Jeder von uns war ja mal ein Kind und jeder kennt wohl die traumatische Erfahrung: man wacht auf und die Eltern sind weg! Die Angst: Kommt der, kommt die, die uns verlassen haben, kommen die zurück? Oder bleiben wir buchstäblich im Regen stehen? Am Ende des 13.Kap. bei Markus kommt es ähnlich durch, wo ängstlich gefragt wird bei der Rede über die Endzeit: Herr, wann wird das Ganze denn sein? Und Jesus antwortet: Keiner weiß das. Nicht die Gottesboten, die Engel im Himmel, wissen etwas; auch der Sohn weiß nichts; es weiß nur der Vater. Ich Jesus, weiß nur eines zu sagen: Seid hellwach wie der Türhüter, den ein Mann bestellt, als er sei Haus und sein Land verließ - verließ auf ungewisse Zeit. 
Und noch einmal in der heutigen Liturgie, in der Lesung aus dem Buche Exodus die Angst des Mose : „Wenn du uns verlässt, dein Angesicht nicht mit uns geht, wozu sollen wir dann als Verlassene überhaupt weiterziehen? Woran soll man erkennen, dass wir ein Volk deiner Gnade sind?“ Also überall schimmert das durch, dieses - ja, ich will es mal zusammenfassend sagen - dieses von-Gott-verlassen-Sein. So war das damals. Und wenn man dann genau hinschaut, ist es ja nicht nur damals, sondern durchaus ein Problem der heutigen Christenheit.

Nach 2000 Jahren muss diese Erwartung und Hoffnung, dass er, der verzogen ist, der sein Haus bestellt und außer Landes ging (wie es bei Markus heißt, dass er wiederkommt): Was ist mit dieser Erwartung und Hoffnung? Man rettet sich ja nun oft aus der Affäre indem man dann doch von der Nähe Gottes spricht und von der Nähe Jesu, indem man das Ganze „vergeistlicht“. Ich sage nicht, dass man da nicht recht dran tut - aber es ist eine Vergeistlichung, eine Spiritualisierung, wenn wir sprechen von der Nähe Gottes in seinem Wort. Es ist ganz sicher. Aber wird das Wort Nähe nicht manchmal zu stark betont und so getan, als wäre das wirklich ein Ersatznähe, die uns trösten könnte? Wir haben nichts anderes. Aber tun wir nicht manchmal so, als wäre uns das genug? Oder vor allen Dingen dann der katholische Weg: die Nähe in den Sakramenten, die Gegenwart Christi in der Eucharistie, die vielleicht noch vor ein, zwei Generationen eine katholische Gemeinde vielmehr bewusst hatte, als das heute noch der Fall ist. Auch da merkt man Veränderungen, die Gegenwart, die Nähe des Tabernakels z.B.: dass sich Veränderungen durch die katholische Christenheit ziehen, vor allen Dingen hier im Norden, ist unverkennbar. Dann sagen wir oft: Die Nähe Gottes im Menschen. 
Verstehen Sie mich recht: In keinem Fall sage ich, das sind Worte, die keinen Sinn haben. Ich frage mich manchmal nur, ob wir nicht sehr spiritualisierend vorgehen, wenn wir da das Wort Nähe gebrauchen, oder ob es nicht Zeichen sind, ja, die wir brauchen, damit wir überhaupt noch von „Nähe Gottes“ sprechen können. Wir müssen zunächst einmal aushalten - die Christenheit hat es damals zum ersten Mal erlebt, dass Gott „verzogen“ ist, und nicht umsonst schreibt Martin Buber - und nach ihm viele andere - das Wort von der Gottesfinsternis oder -verdunkelung. Gemeint wer aber die Nähe, von der etwa Markus spricht, die Nähe eine ganz anderen Welt: „... und seines Reiches wird kein Ende sein“. Diese andere Welt war erhofft worden, die Gottschaft: Welt, Erde, Zustände, die man erfahren und sehen kann. 

Und nun fragt sich, was das nach 2000 Jahren überhaupt noch soll. 
Man kann sich natürlich dran vorbeimogeln, man kann sie weglassen und sagen: mich belastet das, mich bedrückt das, nicht? Aber ich meine schon, die Solidarität mit den Christen der ersten, zweiten, dritten Generation erfordert es, sich einmal klarzumachen was das heißt: Wirst du wiederkommen? Und welche Mühe da drin steckt, dem zu trauen, was er sagt: Ich komme wieder und nehme euch zu mir, damit ihr seid, wo ich- bin. Das wächst einem doch nicht von selbst aus der Seele! Und gleichzeitig muss man sagen: Die andere Welt, das Reich, das kein Ende haben wird, die Welt jenes Menschenkindes wie Jesus bleibt auch nach 2000 Jahren unsere Hoffnung: dass sie auftaucht.

Zuweilen blitzt sie ja auch auf, diese veränderte Welt, dieses Kommen Gottes, dieses Auf- und Zukommen Gottes blitzt ja manchmal auf: in geänderten Zuständen, meistens sehr kurzstundig oder wenigminutig, etwa wie die Umrisse von Bäumen in einer Gewitternacht. Da merkt man plötzlich etwas vom Kommen Gottes, so eine Art von Gewitterleuchten. Aber es geht auch leicht wieder zurück. 
Ich wollte nur sagen, dass wir so etwas zulassen, dass das Warten auf das Wiederkommen Christi eine Zähigkeit und Geduld von uns erfordert, die wir nicht vorschnell überspielen dürfen durch zu schnelles Reden von Nähe in Zeichen, Sakramenten, Worten u.ä. - oder gar Menschen. 
Ohne die Hoffnung aber auf die andere Welt, die kommen soll, wenn er wiederkommt, wäre Leben, glaube ich, auf die Dauer nicht möglich. Auch wenn immer wieder behauptet wird, doch, doch, das kann man. Ich glaube es nicht. 

Ja, damit haben wir noch nichts gesagt, was das ist, das „Wiederkommen in Herrlichkeit“, im Lichtglanz, in überwältigender Schönheit. Gibt es davon auch einen Vorschein? Ist das nur ein Wort, „Wiederkommen-in-Herrlichkeit“, oder gibt es davon etwas, was mit Empirie, mit Vorschein von Kommendem zu tun hat? Ich hab ja gleich zu Beginn gesagt: ich kann's nur antippen. Aber meinen Sie nicht, dass manchmal in einer Architektur einer Dorfkirche, vielleicht nicht so sehr die überwältigenden Kathedralen, nein, nein, eine kleine Dorfkirche irgendwo in Europa -, dass in einer Liturgie zu einem Fest, zu einem Sonntag, in einer Musik, oder in einem Gemälde, das auf seine Weise die biblische Botschaft deutet - : Meinen Sie nicht, das wäre etwas von dieser Schönheit und Herrlichkeit, in der er wiederkommen will? 
Man kann sagen - nein! Ich denke - doch! 
Es gibt Dinge in dieser Welt, die etwas haben von Vorschein dieses „er wird wiederkommen in Schönheit, in Herrlichkeit, in überwältigendem Lichtglanz“. 

Und was ist das mit dem „Gericht-zu-halten“, Gericht zu halten über Lebende und Tote? Ein Wort, das sehr oft gebraucht wurde als Schrecken für die ohnehin Verschreckten und zu kurz Gekommenen, um sie klein zu halten. Anstatt dass man es als ein Wort auffasst für all jene, denen ein Schlussstrich gezogen wird, für alle die Hitlers und Pinochets und Stalins auf dieser Erde, die nicht aufhören mit ihrem Handwerk des Zerstörens von Natur und Foltern von Menschen. Soo verstehe ich etwas, was mit Gericht zu tun hat. Nicht das Erschrecken der kleinen Leute durch die mittelalterlichen Darstellungen in den Tympana der Kathedralen. Ein Schlussstrich ziehen unter die Ungerechtigkeit dieser Welt. 
Und wieder die Frage: gibt es dafür einen Vorschein? Hat es etwas mit Empirie, mit unserer Welt zu tun? Und auch da sage ich Ja: in jeder Art von Widerstand in unserer erfahrbaren Welt, z.B. auch in dem Widerstand, der zur Zeit überall aufflackert und hell und kräftig wird bei der für so sicher, für so selbstverständlich angenommen Art, einen Krieg zu führen. Diesen Widerstand meine ich, dieser Drang zum Schlussstrich. 
Das ist nicht dasselbe wie Wiederkommen und es ist schon da, aber es ist Vorschein. 
Ja, und dann „seines Reiches wird kein Ende sein“. Die biblische Botschaft ist darin eigentlich in allem zusammengefasst. Nämlich, dass Befreiung, Gerechtigkeit und Frieden nicht immer nur in Anläufen aufleuchtet für kurze Zeit, sondern dass es die Neue Welt für alle Zeiten durchdringt, und dass diese Neue Welt bleibt, - bleibt! 

Mit Blick auf Gott in Jesus sind die Christen des Anfangs im Grunde ja auch nie über den Ruf hinausgekommen, mit dem das Neue Testament und damit die ganze Bibel schließt, nämlich (Sie können es ja nachlesen): „Amen. Komm Herr Jesus“. 
Und dies durchhalten können, dieses „Ja-so-möge-es-sein, amen, komm Herr Jesus“ ist im Grunde das intensivste Gebet für die Christenheit und damit auch für uns.

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