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„die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt“ von: Michael Wehrmeyer
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„... wir erwarten die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt ...“
(1 Kor 5, 1 – 10; Joh 6, 37 – 40)

Wo geh´ ich hin? Folg´ ich den Wolken? Wo ist der Weg, den ich nicht seh´? 
Wer weiß die Antwort auf meine Fragen, warum ich lebe und vergeh´? 
Wo geh´ ich hin? Folg´ ich den Kindern? Seh´n sie den Weg, den ich nicht seh´?
Gibt mir ihr Lächeln etwa die Antwort, warum ich lebe und vergeh´? 
Folg´ ich dem Winde? Folg´ ich dem Donner?
Folg´ ich dem Neon, das leuchtet im Blick derer, die lieben?
Tief in der Gosse, hoch unter den Sternen kann Wahrheit sein! 
Wo geh´ ich hin? Folg´ ich dem Herzen? Weiß meine Hand, wohin ich geh´? 
Warum erst leben, um dann zu sterben? Ob ich das je versteh´? 
Wo komm ich her? Wo geh´ ich hin? Sagt wozu? Sagt woher? Sagt wohin?
Sagt, worin Liegt der Sinn? 

Liebe Schwestern und Brüder! 
Was dieser Auszug aus dem Musical „Hair“ benennt, sind die Grundfragen des menschlichen Lebens: die Fragen nach dem Woher und Wohin und letztlich die Frage nach dem Sinn. Kein Mensch kann leben, ohne sich diese Fragen zu stellen: Woher komme ich? In welchem Strom des Lebens bewege ich mich? Woher wird er gespeist? Woher habe ich mein Dasein? 
Noch weniger aber kann ein Menschen leben, ohne eine Antwort zu finden auf die Frage: Was wird aus mir werden? Wohin läuft mein Leben? Was steht am Ende? - Allein der Tod? Der Mensch ist Leib und zugleich Geist. Er ist offen und weltweit und zugleich in sich verschlossen, lebenshungrig und zugleich dem Tod verfallen. Er ist frei und doch gebunden. Er weiß sich fähig zu unbegrenztem wissenschaftlichem Fortschritt und erahnt zugleich die Möglichkeit, mit einem Schlag die ganze Zivilisation zunichte zu machen. Er scheint Macht zu haben, die Welt zu bestimmen, und erfährt zugleich, dass er mit sich selbst nicht fertig ist. Diese Vielfalt und Widersprüchlichkeit ist sowohl die Größe wie die Tragik des Menschen: Wozu aber die hohe Begabung, wozu sein Streben ins Grenzenlose, wozu seine Offenheit, wenn er doch an diese Welt gebunden und der Tod das radikale Ende seines Daseins ist? Die Frage nach dem Ende, die Frage nach dem Wohin des Lebens ist die entscheidende: An ihrer Beantwortung hängt die Frage nach dem Sinn. 

Die medizinische Forschung, liebe Schwestern und Brüder, hat in den letzten Jahrzehnten erhebliche Anstrengungen unternommen, dem Phänomen des Todes näher zu kommen und damit eine Antwort auf die Frage nach dem Wohin zu geben: Viel Aufsehen haben Berichte von Menschen erregt, die schon im Koma lagen und dann wieder belebt werden konnten. Ihre Erfahrungsberichte haben deutlich gemacht, dass das Sterben gewöhnlich nicht qualvoll und angstvoll, sondern freude- und lichterfüllt erfahren wird. Das mag für viele hilfreich sein, um ihnen die Angst vor dem Sterben zu nehmen. 
Zu der Frage aber, was im Tod selbst oder gar nach dem Tod geschieht, trägt das nur wenig bei, denn keiner von den Berichterstattern war wirklich tot, hatte also die Schwelle des Todes überschritten. Hilfreicher sind da schon die Überlegungen zahlreicher Philosophen: Im Anschluss an Platons Seelenleere weisen sie auf die dem Menschen innewohnende unstillbare Sehnsucht nach Leben und Glück hin, und erkennen darin eine Dynamik, die über den Tod hinausweist. Auch die in diesem Leben nie voll einzulösende Sehnsucht, ja Forderung nach vollkommener Gerechtigkeit legt die Frage eines Lebens nach dem Tod nahe. Und schließlich verweisen die Philosophen auf die Liebe zum anderen, die sich mit der Trennung durch den Tod nicht abfinden kann und die auf bleibende, erfüllte Gemeinschaft hofft. Auch das sei ein Beweis für die Unsterblichkeit der menschlichen Seele. 
Das alles, liebe Schwestern und Brüder, sind Hinweise, welche eine Hoffnung auf ein endgültig erfülltes Leben nach dem Tod als sinnvoll erweisen. Eine letzte Gewissheit aber ergibt sich aus solchen menschlichen Überlegungen nicht. Da es beim Tod um den Sinn des ganzen Lebens geht, ist eine letzte Antwort nur aus dem übergreifenden Sinnzusammenhang des Lebens wie des Sterbens möglich. Das heißt: Eine Antwort auf die Frage eines Lebens nach dem Tod ergibt sich nur aus dem Glauben, also im Blick auf einen Leben und Tod umfassenden Gott. 

Schon im Alten Testament ist die Frage eines Lebens nach dem Tod Thema: Die ursprüngliche Vorstellung aber war die eines Schattendaseins im Totenreich, der Scheol. Dort ist der Verstorbene angeschnitten vom Leben, ausgeschlossen von der Gemeinschaft der Familie, der Freunde, des Volkes. Dort lebt er in Verlassenheit, Vereinsamung und Beziehungslosigkeit, vor allem aber ausgeschlossen aus dem gemeinsamen Gotteslob. Doch mit dieser Auskunft konnte sich der Glaube an den Gott, der ein Gott der Lebenden und nicht der Toten ist, auf Dauer nicht zufrieden geben. Langsam, aber immer deutlicher brach sich die Überzeugung Bahn: Gott ist treu. Auch wenn im Tod alle Beziehungen abbrechen, die Beziehung zu Gott bleibt bestehen. 
Vor allem in den Texten der Psalmisten ist diese Überzeugung zu finden. So verdichtet sich zumindest in einzelnen Bereichen das Bekenntnis, dass Jahwe am Ende der Geschichte nicht nur Garant für das Gottesvolk ist, sondern auch dem einzelnen Anteil an dieser Zukunft gibt, von welcher auch der Tod nichts abschneiden kann. In den Bedrängnissen der Spätzeit des Alten Testaments verdichtet sich diese Hoffnung nochmals: Im Buch der Weisheit setzt der verfolgte Gerechte neue Hoffnung auf Gott und gewinnt im Gedanken an das Leben bei Gott Mut zum Aushalten in den irdischen Verhältnissen. Die Seelen der Gerechten sind in Gottes Hand, und keine Qual kann sie berühren ... In den Augen der Menschen wurden sie gestraft; doch ihre Hoffnung ist voll Unsterblichkeit. So im Buch der Weisheit zu finden (Weih 3,1.4). 
Das Neue Testament nun weiß ebenfalls, dass Gott „nicht ein Gott von Toten, sondern von Lebenden“ ist (Mk 12,27). Deshalb nimmt es die Vorstellung des Judentums auf und spricht vom „Eingehen in den Schoß Abrahams“ (Lk 16,22) oder ins Paradies (Lk 23,43). Aber es geht noch ein erhebliches Stück weiter: Es bezeugt, dass das Leben Gottes in Jesus Christus endgültig erschienen ist: Jesus selbst ist die Auferstehung und das Leben (Joh 11,25; 14,6). Wer deshalb Jesu Wort hört und es im Glauben annimmt, der ist schon jetzt – so sagt es das Johannesevangelium – „aus dem Tod ins Leben hinübergegangen“ (Joh 5,24). Und es formuliert weiter mit den Worten Jesu: „Es ist der Wille meines Vater, dass alle, die den Sohn sehen und an ihn glauben, das ewige Leben haben und dass ich sie auferwecke am letzten Tag.“ (Joh 6,40) 
Sagte das AT noch: Himmel, ewiges Leben – das ist Gott selbst und die ewige Gemeinschaft mit ihm, so konkretisiert das NT: Himmel, ewiges Leben – das ist endgültiges und vollendetes Sein in und mit Christus und durch Christus beim Vater. Paulus wörtlich in der heutigen Lesung: Weil wir aber zuversichtlich sind, ziehen wir es vor, aus diesem Leib auszuwandern und daheim beim Herrn zu sein. So ist also für das Alte wie für das Neue Testament die Hoffnung angesichts des Todes und über den Tod hinaus kein Zusatz zum Gottesglauben, sondern dessen letzte Konsequenz: Das Alte wie das Neue Testament hoffen angesichts des Abbruchs aller Beziehungen im Tod auf die Treue Gottes, die für das Neue Testament in Christus erschienen ist. Zwar ist der Mensch aufgrund seines Wesen ein Ruf nach Unsterblichkeit und ewigem Leben; aber dieser Ruf ist vom Menschen her unerfüllbar: Die Antwort kann nur von der Quelle und Fülle des Lebens kommen, von Gott. So ist das neue Leben, die Unsterblichkeit des Menschen dialogisch bestimmt: Existenz ganz von Gott her und auf ihn hin. 

Wie aber gestaltet sich nun die Auferstehung der Toten, die wir im letzten Artikel des Glaubensbekenntnisses bekennen? Wie ist sie zu denken? Die kirchliche Glaubensüberlieferung hat lange gebraucht, bis sie die Wahrheit vom neuen und ewigen Leben bei Gott, das sich dem einzelnen Menschen im Tod eröffnet, klar formulieren konnte. Dabei zeigte sich die ganze Sprachnot unseres Redens über ein Leben jenseits der Grenze des Todes. Einen klaren Ausgangspunkt und eine eindeutige Grundlage für die erst allmählich sich einstellende begriffliche Klarheit gab es freilich von Anfang an: die Gebetspraxis der Kirche. Die Kirche hat ihre Überzeugung vom Leben der Toten schon sehr früh vor allem dadurch zum Ausdruck gebracht, dass sie für die Toten betete und ihrer bei der Feier der Liturgie gedachte. Auf der Grundlage dieser praktischen Glaubensüberlieferung entstand im Laufe vieler Jahrhunderte die heutige gültige Lehre: Hintergrund ist dabei die Überzeugung, dass Leib und Geist zusammen gehören und zusammen erst den ganzen Menschen – die Person – ausmachen. Ja, auch die Beziehung zur Umwelt ist vom Menschen nicht zu trennen. Soll der Mensch jenseits des Todes dann wirklich als Mensch weiter leben, müssen auch Leib und Umwelt in das jenseitige Leben mit eingehen können. Unsterblichkeit ist also nicht einer vom Leib getrennten Seele verheißen, wie es oft missverständlich gedeutet wird, sondern dem ganzen Menschen, der Person. Wo die Bibel also von der Auferweckung der Toten spricht, handelt es sich demnach immer um eine vollständige Wiederherstellung des Menschen. Natürlich muss der Auferstehungsleib nicht die gleichen materiellen Bestandteile unseres jetzigen Leibes haben. Es ist ja bekannt, dass die Aufbaustoffe unseres Körpers sich im Laufe der Jahre ohnedies völlig austauschen. Trotzdem aber bleibt der Mensch immer derselbe Mensch. Vielmehr ist es so zu denken, dass unser Ich wieder neu mit Materie vereint wird, damit derselbe Menschen sei. Allerdings nicht so, als bekämen wir dann einen Idealkörper: Vielmehr geht es um eine ganz neue Lebensform. 
Dass auch der Leib erlöst wird, will sagen, dass er jenseits aller Vergänglichkeit existiert: Er unterliegt nicht mehr den üblichen Bedingungen der Materie, ist nicht abhängig von Raum und Zeit, von Ausdehnung und Schwere wie wir. Vielmehr existiert er in ganz neuer Weise, so wie es auch die Berichte vom auferstandenen Christus sagen: Christus ist bei seiner Auferstehung nicht in ein irdisch-biologisches Leben zurückgekehrt, sondern in eine „verklärte“ Lebensweise eingetreten. 
Auferstehung der Toten, liebe Schwestern und Brüder, meint dann: Gott will, liebt und ruft den ganzen Menschen, der in Leib und Geist, oder sagen wir ruhig: in Leib und Seele, einer ist. Und dazu gehört auch sein Bezug zur Welt und zum Mitmenschen, der sich im Leib vollzieht. Auch dieser wird in einer neuen und vollen Weise wiederhergestellt. Die Auferstehung der Toten und das „Leben in der kommenden Welt“ beinhaltet also nicht nur die Hoffnung des einzelnen Gläubigen auf Vollendung, sondern auch der Kirche und der Menschheit, ja der Schöpfung insgesamt. Die Vollendung des leibhaftigen Menschen wäre gar nicht möglich ohne die Vollendung der Welt. Und umgekehrt ist die Welt auf den Menschen hin geschaffen. Nur als Raum der menschlichen Geschichte und Vollendung hat sie einen Sinn. Deshalb gehören die menschliche, die menschheitliche und die kosmische Vollendung in einem großen Gesamtgeschehen unlösbar zusammen. 

Ziel dieser Vollendung, liebe Schwestern und Brüder, ist der neue Himmel und die neue Erde und - mit ihm verbunden - das Leben im Reich Gottes. Von ihm spricht die Bibel nur in Bildern und Gleichnissen, die allenfalls erahnen lassen, wie das neue Leben sich hier vollzieht: Bei den Propheten ist es die große Vision vom „Reich des Friedens“. Jesus spricht vom „Hochzeitsmahl“ und meint damit eine enge, frohe und festliche Gemeinschaft des Lebens und der Liebe. In der Offenbarung des Johannes ist vom „neuen Jerusalem“ die Rede, das von Gott her aus dem Himmel herab kommt. Bilder, die auszudrücken versuchen, was denen am Ende ihres irdischen Lebens verheißen ist, die Gott lieben. 

Liebe Schwestern, liebe Brüder! Wo komm` ich her, wo geh` ich hin? Das war die Ausgangsfrage unserer Betrachtung über den letzten Artikel des Glaubensbekenntnisses. Wir kommen von Gott und bewegen uns auf ihn hin, auf ihn, der uns in die Gemeinschaft mit ihm aufnehmen wird. Das ist die Antwort auf die Ausgangsfrage. Und genau die bekennen wir, wenn wir sprechen: 

WIR ERWARTEN DIE AUFERSTEHUNG DER TOTEN UND DAS LEBEN DER KOMMENDEN WELT.

Amen

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