Projekt SAKRAMENTE - Einführung ins Thema (2)
Zeichen Gottes - Zeichen unter uns
(Weish 7, 7 - 11; Hebr 4, 12 - 13; Mk 10, 17 - 27)
Liebe Schwestern und Brüder in Christus!
Als ich vor vierzehn Tagen hier begann, in der Reihe über Sakramente zu sprechen, hatte ich eigentlich gar nicht vor, heute dieses Thema aufzugreifen. Aber in der Vermeldung wurde kühn gesagt, dass ich das dann heute fortsetze. Und nun - da mir nicht der Auftrag gegeben ist, über ein bestimmtes Sakrament zu sprechen, und ich auch der Meinung bin, man kann nicht irgendwie mit einem Sakrament beginnen, sondern muss schon die Initiations-Sakramente (Taufe, Firmung, Eucharistie) als Erste besprechen, um dann die anderen, nachfolgenden ins Gespräch zu bringen. Es sollte aber schon abgesprochen sein, wann über diese Initiations-Sakramente in nächster Zeit gesprochen wird.
Da kam mir nun zur Hilfe, als das letzte Mal die Predigt zu Ende war, und wir uns da drüben trafen, da habe ich von verschiedener Seite folgende Schwierigkeit gehört mit dem, was ich gesagt habe: Einsichtig war vielen, dass man sagen kann, ein Sakrament ist ein Symbol; unter Symbolen verstehen wir Lebenszeichen. Mit jedem Sakrament ist auch ein wirkmächtiges Wort verbunden, und dann hatte ich gesagt: Beide werden verbunden oder in der Liturgie ins Spiel gebracht. Und ich habe dann gesagt: Zum Sakrament gehört das wandelnde, verwandelnde Spiel, und da haben mich manche hinterher angesprochen und gesagt, sie verbänden mit dem Wort Spiel nicht gerade Gedanken, die ihnen hilfreich sind zum Verständnis „Sakrament“. Da habe ich gedacht, es ist doch gut, darauf noch einmal zurückzukommen und zumindest den ersten Teil der Predigt darauf einzurichten.
Wir haben heute aus dem Buch der Weisheit eine Stelle. Das Buch der Weisheit ist umfangreich und an einer Stelle wird von der Weisheit gesagt, dass sie am Anfang der Schöpfung vor dem Angesicht Gottes spielte. Es wird also eine so ernste Angelegenheit wie die Schöpfung dieses Kosmos mit der Weisheit verbunden, und zur Weisheit gehört das Spielen. Wenn man ein wenig über das wort spielen nachdenkt, wird man feststellen, es hat in der Tat eine zweifache Bedeutung in unserer Sprache. Man kann es negativ gebrauchen: Jeder wird sich dagegen wehren, wenn man mit ihm spielt, in dem Sinne etwa, dass man ihn nicht ernst nimmt. Oder wenn man von einem Lehrer sagt, dass er mit den Schülern so umgeht, dass sie den Eindruck haben, sie werden nicht ernst genommen - dann ist das beleidigend.
Aber es gibt eine ganz andere Weise, über Spiel zu sprechen: Wenn ein Orchester spielt, haben alle in dem Orchester Mitspielenden ein Studium hinter sich. Sie haben jahrelang geübt, damit sie in der Lage sind, in einem Orchester spielend das uns vorzutragen, was ein Komponist in seinem Denken sich gedacht hat. Und wenn wir in ein Konzert gehen, werden wir spielerisch mit hineingeholt in sehr ernste Lebenszusammenhänge. Das kann nur gelingen, wenn alle gut spielen. Wenn da welche ihr Instrument nicht beherrschen, ist unser Ohr beleidigt. Dann sagen wir mit Recht, die hätten erst mal ihre Lektion lernen müssen. Und wenn man ins Theater geht, wird uns ein Theaterstück vorgespielt, und dazu gehört genau derselbe Ernst, dass der Schauspieler und die Schauspielerin viele Monate vielleicht lernen, studieren, korrigiert werden; und die Chöre, die eingesetzt werden, die werden von dem, der das Ganze leitet, allmählich dahin geführt, dass das Ganze ein Spiel ist, das den Menschen, der zuhört, der gekommen ist, erfreut, erschrickt, je nach dem, was eben das Spiel als Inhalt hat.
Und Sie wissen, dass die griechische Tragödie geradezu religiösen Charakter hat. Man ging zur Reinigung seines Denkens ins Theater, und der Mensch hat eine Art Gottesdienst-Haltung eingenommen, wenn er im Theater war. Und wenn wir ein besonders tiefes Fest feiern, dann werden alle Regeln geübt; wenn z.B. ein Festbankett gegeben wird: Vom Anzug,
den man sich anzieht, bis zur Begrüßung, die gemacht wird, und die Reden, die gehalten werden - das alles muss eingeübt werden, damit das Spiel gelingt, ein Festessen zu halten.
Und wenn wir Liturgie feiern: Wir haben, als ich im Priesterseminar war, die ars celebrandi gelernt, die Kunst zu zelebrieren - das ist eine Notwendigkeit, damit man Fehler vermeidet; nicht am Altar sich so verhält, dass die Menschen erschrocken sind wegen der Unachtsamkeiten, die sich ein Zelebrant erlaubt; man muss sprechen lernen, damit man in der Lage ist, in einem Kirchenraum so zu sprechen, dass die Menschen einen verstehen können. Und die Messdiener, die ausgebildet werden: Ich habe ein halbes Jahr gebraucht, um Messdiener langsam dahin zu führen, dass sie vor der Gemeinde das Spiel der Liturgie vollendet spielen können. Und wenn ein Festhochamt ist, ist sogar ein Zeremoniar da, der darauf achtet, dass jeder richtig spielt. Und dann sagen die Leute: Das war aber ein feierliches Hochamt, das war schön.
Ein Gottesdienst - warum ist er „schön“?
Weil viele gut gespielt haben: Vom Organisten bis zum Lektor und Messdiener; der Küster, der die Kerzen anzündet; die die Blumen aufstellen; die dafür sorgen, dass die Gewänder sauber sind - viele stehen in der Liturgie, damit das Ganze ein schönes, verwandelndes Spiel sein kann.
Als ich Kind war - und vielleicht haben das manche von Ihnen auch getan -, haben wir als Kinder „Messe“ gespielt, wir haben das sehr ernst genommen. Zu Hause mit den Geschwistern, da wurde das also sehr sehr ernst genommen, und wehe, es nahm einer das Spiel nicht ernst, dann waren wir Kinder böse auf den, der das nicht ernst nahm.
Zum Spiel müssen wir herangeführt werden. Es ist notwendig, dass ich Wichtiges auch in spielerischer Art vortragen kann. Denn wenn alles unbeholfen geschieht: Eine Nichte von mir ist extra bei (dem Großkonzern) B. angestellt, um den führenden Angestellten zu zeigen, wie man einen Gast begrüßt. Sie sagte, das können die heute nicht mehr: Wie man ein Gespräch beginnt; wie man mit fremden Leuten, die kommen, so umgeht, dass eine Atmosphäre des Wohlbehagens entsteht. Und dafür wird in einer Firma Geld ausgegeben. Acht Tage werden die Leute aus dem Betrieb herausgenommen, damit sie das Spiel der Begrüßung lernen, mit dem Kunden richtig umzugehen.
So ist mir z.B. die Stadt Magdeburg deswegen in so liebevoller Erinnerung, weil ich nie das Touristenbüro, wo ich da hinging und einige Informationen holte, vergesse - die Damen und Herren waren derartig freundlich und hilfsbereit, dass ich das nie vergessen werde. Die Stadt Magdeburg ist mir durch diese Leute liebenswert geworden. Vorher war ich in einem Hotel, in einem Bildungshaus, da war es schrecklich. Man wurde behandelt, als ob man sich entschuldigen müsste, überhaupt nachzufragen, dass man eine Übernachtung in dem Haus will.
So ist also das Spiel ungeheuer wichtig, und es ist viel Kunst notwendig, richtig zu spielen. Wenn wir eine Erstkommunion haben, wieviel wird da geübt! Und meine Priesterweihe: Deswegen ist sie mir so tief in Erinnerung, weil wir das lange geübt haben, das sich-Hinlegen, das „adsum“-Sagen, das muss lange sozusagen in den ganzen Organismus hineingeholt werden, damit es eine unvergessliche Stunde wird. Darum kann ich eigentlich nicht verstehen, dass bei so vielen Trauer-Anzeigen jetzt zu finden ist: „Von Beileidsbekundungen bitten wir abzusehen“. Das verstehe ich nicht. Warum eigentlich? Warum soll nicht in der Trauer der andere mir zeigen können (stumm oder mit einem Handzeichen oder sonst einer Umarmung, oder je nach dem, wie man einzeln zueinander steht), dass er mitträgt. Und die Anonymität in unserer Großstadt ist ja wohl doch ein Zeichen, dass wir nicht mehr eingeübt sind, Nachbarschaft zu halten. Als Nachbarn uns zu verhalten muss man ja auch lernen. Und das ist alles heute schwierig geworden. Aber die Liturgie, die Liturgiereform will das Spiel aller in der Liturgie, möchte, dass wir unsere Rolle spielen und nicht bloß Zuschauer sind.
Und wir merken es ja - ich hab's wenigstens festgestellt -: Viele Lektoren beschäftigen sich mit dem Text der Schrift sehr intensiv, weil sie die Rolle eines Lektors haben. Und ein Kantor kann sich nicht einfach hinstellen und lossingen, sondern muss sich in die Rolle einüben, er muss das Ganze auch können, und da ist er dann mit Herz und Seele dabei. Viele, die ich
treffe, sagen: „Das war schön, dass ich Messdiener war oder Messdienerin. Da ist mir der ganze Gottesdienst tiefer ins Herz eingegangen.“ Also mit Berz und Hand und Mund müssen wir spielerisch umgehen, damit wir uns verwandeln.
Und nun komme ich im zweiten Teil auf das, was der heutige Sonntag uns sagt, damit Sie an einem Beispiel merken, wie konkret das ist: Wir sind heute, wenn wir von der Eucharistie sprechen, bei diesem Sakrament nicht mehr so eng, dass wir, wie das früher getan wurde, auf Brot und Wein schauen und sagen: Die Wandlung ist das Entscheidende im Gottesdienst. So sind viele von uns aufgewachsen: Die Hostie schauen und anbeten und so. Und dann beschäftigten sich ja viele Leute im Gottesdienst mit ganz anderen Dingen. Dafür wurde extra geschellt, damit die Leute aufmerksam wurden: Jetzt ist der wichtigste Augenblick, die Hostie und der Kelch werden gezeigt.
Das ist nicht mehr das Verständnis in unserer Zeit. Die Eucharistie ist ein Prozess! Innerhalb dieses Prozesses gibt es verschiedene Höhepunkte. Und der eine ist die Verkündigung des Gottes-Wortes: Wir sprechen von dem, was Gott für uns tut, getan hat und welche Hoffnungen er hat, wenn wir uns auf Ihn einlassen.
Wenn ich die Lesungen heute gewichte, stelle ich fest, dass es nicht so leicht ist, Gottes Wort zu hören. Denn da heißt es im Hebräer-Brief: „Es ist kraftvoll und schärfer als jedes zwei-schneidige Schwert“. Ich muss also in dem Spiel des Gottesdienstes, wo ich mich verwandeln lassen will, damit rechnen, dass es nicht bloß gemütlich zugeht, nicht bloß schön, wie wir sagen, sondern dass es auch gefährlich sein kann, Gottesdienste zu feiern. Denn so ist es doch dem Kann ergangen, der da im Evangelium zu Jesus kam und es wagte zu fragen: Was muss ich tun, um das Leben zu gewinnen?
Mit der Frage kommt man ja auch zum Gottesdienst. Was muss ich tun? Und da bekommt er einige Hinweise. Jesus lädt ihn sogar ein, noch einen Schritt weiter zu gehen und alles dranzusetzen - sein ganzes Vermögen! Und es ist nicht gesagt, wie die Geschichte dann ausgegangen ist. Zu leicht sagen wir, der ist weggegangen und hat nichts getan. Das steht ja nicht drin. Es kann ja möglich sein, dass er im ersten Moment schockiert war: Wie ein Schwert ist ihm das ins Herz gegangen, und er hat gedacht: Das muss ich erstmal verkraften, muss mal weggehen, muss darüber nachdenken. Die Geschichte lässt offen, was der Mann getan hat. Vielleicht hat er sich besonnen, hat gesagt: Ich mach's doch, oder er hat gesagt: ich mach's nur ein bisschen, oder: Ich lass mich einladen. Wir wissen es nicht.
Das ist so ähnlich wie mit dem verlorenen Sohn, der da einen Bruder hat, und der Vater geht zu ihm raus und sagt: „Nun freu dich doch mit!“ Aber es steht nicht in der Geschichte, ob er zu der Mitfreude gekommen ist.
Für mich ist das ein Hinweis: Es braucht auch Zeit, um manches Wort Gottes zu verkraften. Mich selbst hat in meinem Leben dieses Wort nie losgelassen: Was heißt das nun eigentlich für mich konkret: „Geh, verkaufe, was du hast, und gib das Geld den Armen“? Es trifft jeden verschieden. Franziskus hat's wörtlich genommen und ist in die große, lange Reihe derer eingegangen, die in aller Welt bekannt sind. Wir finden in der Hl.Schrift Menschen, die ein großes Vermögen hatten und viel Gutes taten. Und Jesus hat auch von solchen gelebt. Er ging dahin und hat Gastmahl mit ihnen gehalten und hat denen nicht vorgeworfen, dass sie das Geld dafür ausgegeben haben. Es ist zu einfach, wenn wir sagen: Die Hl. Schrift oder die Begegnung mit Gott gibt uns immer ganz klare Hinweise, was wir nun tun dürfen und was nicht. Das Wort Gottes ist immer neu in unser Leben einzubringen.
Die Frage stellt sich für einen, der alt geworden ist, anders als für jemanden, der in einer jungen Familie erst sagen muss, ich muss ja meine Familie ernähren und muss erstmal das alles tun. Wenn dann jemand im Alter geizig wird und alles festhält und nicht mehr die Großmut
hat, freimütig zu geben, der müsste durch dieses Evangelium anders getroffen sein als ein anderer, der mitten unter uns sitzt und vielleicht nicht richtig weiß, wie er die Rechnungen bezahlen kann, die er übermorgen ins Haus hineinbekommt.
Das Wort Gottes ist individuell, für jeden verschieden. Aber es schmerzt ab und zu, es tut weh. Und so ist das Spiel der Liturgie nicht Unverbindlichkeit. Das Wort Gottes ist nicht ein freundliches Säuseln, das wir mit „Halleluja!“ begrüßen und verabschieden und sagen: Wir tun dann doch alles, wie wir wollen. Das ist nicht so. Die Liturgie ist schon auch ein ernstes Spiel. Und Gott, der sich spielerisch mit uns einlässt, weil er auch freundlich zu uns ist, einladend ist, nicht abschreckend sein will, hat uns in der ersten Lesung noch etwas mitgegeben: Worauf setzen wir eigentlich in unserem Leben? Wennman Befragungen liest, hat man den Eindruck, dass die Menschen in einer Großzahl meinen, je mehr Geld sie haben, desto schöner ist es auf dieser Erde. Und je mehr sie sich leisten können, desto mehr können sie sagen, es war ein wunderbares Leben.
Das Buch der Weisheit ist anderer Auffassung. Und Jesus ja auch. Das Buch der Weisheit sagt ganz klar, dass kein Edelstein, kein Gold, kein Silber sie aufwiegen kann. Nicht umsonst haben die Menschen immer nach der Weisheit gefragt. Es gibt sogar eine eigene Wissenschaft, die Philosophie, Freund der Weisheit zu sein. Und immer haben die Menschen, auch heute noch, das Bewusstsein - viele Kalender-Blätter bringen solche „Weisheits“-Sprüche -, die Menschen haben doch auch noch so sich das bewahrt, man braucht etwas mehr als bloß Geld. Man braucht auch etwas, was unser gesamtes Leben trägt. Und so weit muss man dann kommen, wie das Buch der Weisheit sagt: Wenn man sie erstmal geschmeckt hat (sapientia hat ja was mit „schmecken“ zu tun), dann liebt man sie mehr als Gesundheit und Schönheit: „Ich zog sie allem Besitz vor“. Weisheitsvolle Menschen haben einen inneren Abstand zum besitzen-Wollen gefunden. Und Jesus ist derselben Überzeugung. Wesentliches im Leben entgeht uns, wenn wir das nicht einüben. Es steht beim Dom jetzt ganz groB: „VERZICHTEN“. Ich weiß nicht genau, wer des da hingestellt hat, aber es sollen wohl die Menschen nachdenklich werden: Verzichten ist nicht allein negativ zu sehen, sondern verzichten auf Vieles kann einem helfen, Wesentliches zu gewinnen.
Es ist der heutige Sonntag:, wenn wir ihn feiern als Spiel des Menschen vor Gott, zugleich mit dem Ernsten befrachtet: Was brauche ich eigentlich zum Leben? Und da werden uns wichtige Hinweise gegeben. Und so ist es dann manchmal, dass ich, wenn ich von diesem Teil der Eucharistiefeier innerlich gefangen bin, als ein Verwandelter wieder hinausgehe. Das meinte ich, wenn ich sagte, Liturgie ist ein verwandelndes Spiel. Wenn ich nur richtig spiele.
Amen.