Projekt SAKRAMENTE - Einführung ins Thema (3)
Christus - das Ursakrament in unserer Welt
(Ps 139; Röm 8, 31 - 39)
Begrüßung
Lieber Vater im Himmel und auf der Erde:
Wenn wir nicht mehr wissen, wozu wir überhaupt noch da sind, lass du uns wissen, dass du uns liebst.
Erbarme dich unser.
Wenn wir an dem Zustand der Welt zu verzweifeln drohen, lass du uns wissen, dass dies deine Schöpfung ist und bleibt.
Erbarme dich unser.
Wenn wir von dem Getriebe um uns herum und von den Zweifeln in uns verschlungen werden, lass uns das Bild sehen, das du in unsere Welt gesetzt hast, damit wir es sehen und spüren, das Licht aus deinem Licht, das Leben aus deinem Leben, in Jesus, dem Bruder am Kreuz.
Erbarme dich unser.
Liebe Mitchristen!
Er saß da am Küchentisch, unser Junge, vier oder fünf Jahre alt: „Wenn ein Kind zu Gott in Deutsch betet, versteht Gott dann Deutsch?“ „Ja“. „Und wenn ein Kind zu Gott in Französisch betet, versteht Gott dann Französisch?“ „Ja“. „Und wenn ein Kind zu Gott in Englisch betet,“ - das waren die drei Sprachen, die ihm begegnet waren - „versteht Gott dann Englisch?“ „Ja“. Nach einem Moment des Nachdenkens sagt er: „Gott ist was Tolles!“ „Gott ist was Tolles!“, sagt das Kind. Ein Etwas, ein Beeindruckendes, das seine kleine Welt aufbricht. Er entdeckt ein Etwas, das seine Erkenntnisfähigkeit transzendiert. So äußert sich, was im Englischen „awe“ heißt, Erstaunen, nicht fern dem Erschrecken, aber auch offen zur Bewunderung. Die Erfahrung einer Wirklichkeit jenseits unserer Wirklichkeiten, einer Macht jenseits aller Mächte. „Herr, Du erforschest und erkennest mich“, heißt es eben deshalb im Psalm 139. „Es ist kein Wort auf meiner Zunge,“ - in welcher Sprache auch immer! - „das Du nicht bereits wüsstest. (...) Wohin soll ich fliehen vor Deinem Angesicht? Deine Augen sehen mich, wohin auch immer ich mich wende. (...) Wie schwer sind für mich, Gott, Deine Gedanken! Wie hoch, wie groß, wie tief!“
Was folgt aus solchen Ahnungen? In diesem Psalm verwandelt sich das tiefe Erstaunen in Seinsgewissheit und Dankbarkeit - und Zorn auf jene, die einen solchen Gott lästern und leugnen. Aber das muss nicht so sein. Ich erinnere mich noch gut an Zeiten in meinem Leben, wo ich diesen Psalm als eine einschüchternde Lektion ansah: Hüte dich, Gott sieht alles! Viel schlimmer, er weiß, was du denkst und fühlst. In vielen Kirchen findet sich das Dreieck mit einem großen Auge darin. Der Dreieinige Gott, der ganz aus Auge zu bestehen scheint. Das Auge Gottes ist überall, wie ein überdimensionales, Erde und Himmel überwölbendes Schlechtes Gewissen. Im Psalm 139 wird die Welt transparent. Ein Transparent wird ja erst als ein solches erkennbar, wenn hinter ihm ein Licht angezündet wird. „Gott ist was Tolles“, sagt das Kind. Ihm geht ein Licht auf. Das ist einer der Augenblicke, die uns immer wieder überfallen, die schlagartige Erkenntnis, dass die Welt doppelbödig ist, was durchaus nicht immer anheimelnd ist, sondern auch unheimlich, bedrohlich, verstörend. Diese Erfahrung des Durchsichtigen und Durchscheinenden ist der Wurzelgrund aller Religion. Sie ist das fascinosum et tremendum, wie der große Rudolf Otto in seinem Buch über Das Heilige sagte, faszinierend und erschreckend zugleich, Gegenstand von Hoffnung und Angst.
Diese Gestalt der Wahrnehmung nenne ich die sakramentale Dimension in unserem Leben. Sie eröffnet uns einen Sinn jenseits der gegenständlichen Bedeutungen. Ein Tisch wird zum Altar. Ein Stück Brot wird zur Hostie. Wasser wird zum Zeichen des Segens. Eine Beschneidung wird zum Siegel des Bundes. Aber auch dies: Ein Weg wird zur Pilgerschaft. Eine Arbeit wird zum Dienst. Ein Leiden wird zum Martyrium. Ein Mensch wird zum Gottessohn. Religionen bringen so etwas wie eine Ordnung in die Erfahrung des Offenen. Sie tun das durch Riten. Wir nennen sie Sakramente. Aber diese haben nur Sinn, wenn wir erkennen, dass unser ganzes Dasein diese sakramentale Dimension besitzt, wie eine Aura. Nur schade, dass wir zumeist keine Augen dafür haben.
Der Mönch Martin Luther war ein von tiefsten Zweifeln angefochtener Mensch. Einmal, als er nicht mehr ein noch aus wusste, schob er seine Manuskripte beiseite und schrieb mit großen Lettern auf sein Pult: „Baptizatus sum“ - Ich bin getauft. Und daran, an der Zusage Gottes, beglaubigt in der Taufe, hielt er sich fest. Bald lagen wieder seine Manuskripte auf diesem Pult, aber darunter, als Grundlage sozusagen, stand dieser Satz, der Grund, der Trost verspricht. Es hat seinen tiefen Grund, dass Menschen in allen Religionen gerade an den Übergangs- und Krisenmomenten unseres Lebens solche sakramentalen Riten gesetzt haben. Die Religionswissenschaftler sprechen von den Rites de passage, den Passageriten. Wir kennen sie auch im Christentum: Die Taufe am Anfang, die Konfirmation oder Firmung an der Wende zum Erwachsenenalter; die Trauung bei der Eheschließung; die Weihe, bei den Evangelischen die Ordination, wenn ein Mann oder eine Frau sich zu einem Leben als Priester oder Pfarrerin entschließt; die Beerdigung am Lebensende. Diese Sakramente verstehe ich als rituelle Verdichtungen in den auffälligsten Momenten in unserem Leben. Da suchen wir stärker als sonst nach sakramentalen Bestätigungen, nach Vergewisserung und Segen.
Aber es gibt auch die Sakramente, die uns begleiten. Ich nenne sie unsere Wegesakramente. Das kann das tägliche Gebet sein, das Gebet vor den Mahlzeiten. Vor allem aber ist es die Eucharistie. Wir brechen das Brot und teilen den Wein. Wir vergewissern uns der Nähe Gottes, wir halten aneinander fest, so wird unser Weg gewisser. Es gibt viele Protestanten, die würden meine Ausführungen als verdächtig „katholisch“ betrachten. Sie argumentieren, dass die Offenbarung unseres Gottes eben gerade nicht sakramental vermittelt sei, sondern durch das reine und klare Wort der Heiligen Schrift, durch verständliche Rede. So zum Beispiel: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ Das ist klar und eindeutig, so sagen sie, und bedarf keiner Gesten. Wasser, Brot oder Wein, Handauflegung und dergleichen Aktionen machen diese wunderbare Zusage nicht verbindlicher oder eindeutiger, als sie in sich ist.
Es gibt freilich auch Protestanten, die neidvoll eingestehen, dass die Konzentration auf das Wort eine karge Strenge mit sich bringt. Wenn sie dann - vielleicht irgendwo im Bayerischen - in eine Barockkirche treten, weiß und golden ausgemalt, mit Marien- und Heiligenfiguren in den Seitenkapellen, einem offenen Himmel im Deckengemälde, wo der Duft von Weihrauch noch durch das Kirchenschiff schwebt, da geht einem das Herz auf, da wird geschmeckt und gefühlt und gesehen, was sonst nur das Ohr vernimmt: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“
Nun wissen Sie alle besser als ich, dass eine sinnenbetonte Symbolik auch sinnleer sein kann, wo das Wort und die Auslegung und das Ringen um Verständnis fehlen. Da helfen auch die hübschesten Putten nichts. So wie ich nur zu gut weiß, dass das „reine und herrliche Gotteswort“, ausgewalzt und verdünnt in weltfremden Predigten, zu leeren und ermüdenden Floskeln verkommen kann. Aber das ist es nicht allein. Riten und Liturgien können auch pervertiert werden. Dazu las ich in DIE ZEIT vom 18. September ein furchtbares Beispiel. Ich weiß nicht, wer von Ihnen sich noch an das Horst-Wessel-Lied erinnert oder es sogar gesungen hat: „Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen“. Der Dichter dieses unglückseligen Liedes, Horst Wessel, hat seine nationalsozialistische Gesinnung bei seinem Vater gelernt, im Pfarrhaus, von Kindesbeinen an. Denn jener war 1914 als Feldprediger an die Front gegangen, mit religiösen Pathos beschrieb er den Krieg:
„Ein Volk, ein Gott, ein Glaube. Geschart um seinen kaiserlichen Herrn ..., so bot Deutschland sich der Feindschaft einer ganzen Welt.“ Mit dieser Gesinnung wurde Ludwig Wessel ein begehrter Feldprediger. Er erfand einen völkisch-religiösen Ritus, den er die „feierliche Waffenweihe“ nannte. „Wollt ihr mit Gott hinausziehen in unseres deutschen Volkes heiligen Kampf, euch ihm freudig weihen mit Herz und Hand, mit Leib und Seele? So antwortet und gelobet: Ja, wir wollen es! (...) Der Herr segne dich, du deutsches Schwert und deinen Träger.“ In dieser Atmosphäre wuchs Horst Wessel zum nationalsozialistischen Agitator heran und wurde, als er 1930 nach einem Angriff von kommunistischen Gegnern an einer Schusswunde starb, zum „Märtyrer“ der Bewegung, zur Kultfigur. Göbbels rückte ihn in die Nähe von Christus, wenn er predigte: Wessel trank „den Kelch der Schmerzen bis zur Neige. Er ließ ihn nicht an sich vorübergehen. (...) Hebt ihn hoch, den Toten, und zeigt ihn allem Volk. Und ruft: Sehet, welch ein Mensch!“
Uns erfasst ein Schauder, wenn wir so etwas hören. Offenkundig ist die sakramentale Dimension auf perverse Weise manipulierbar. Wie aber bewahren wir uns vor solchen Verzerrungen? Müssen wir zur rationalen Kritik Zuflucht nehmen, um den Irrwegen sakramentaler Erfahrungen zu entkommen? Kommt dann plötzlich doch wieder die Vernunft zur Geltung? Mit dem Kopf hat man damals, während der Hitlerzeit, die Vergötzung eines Horst Wessel, nicht abwehren oder überwinden können. Da gilt es, innerhalb des Sakramentalen nach Klarheit zu suchen. Und die gibt es, weil die transzendente Wirklichkeit ihre eigene Wahrheit hat. Wir nennen sie Offenbarung. Wir hören sie z.B. bei dem Propheten Micha: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist, und was der Herr von dir fordert: Nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig wandeln vor deinem Gott.“ (6.8) Da wird ein kritisches Korrektiv aufgerichtet: Gottes Wort halten, Liebe üben, demütig wandeln. Das kann vor Götzendienst bewahren; es kann uns davor schützen, dass wir uns in rituellem Prunk verlieren.
Wir Christen suchen in unseren Gottesdiensten immer wieder die Nähe zu Jesus von Nazareth, dem Christus, dem Gesalbten Gottes. Wir orientieren uns an seinen Taten und Worten. Vor allem aber vertiefen wir uns in sein Leiden, seinen Tod am Kreuz und sein neues Leben in der Kraft Gottes. Warum tun wir das? Viele Theologen haben Jesus Christus das Ursakrament genannt. Warum? Weil alles, was er tat, auf Gott verwies, oder von Gott kam. Er heilt einen Menschen und sagt: Sieh darin ein Zeichen des Reiches Gottes! Gesundheit ist etwas Vorübergehendes. Sei bereit für das Heil, das auch im Tod nicht endet. Er nimmt das Brot in seine Hände und bricht es. So wird mein Leib zerbrochen, sagt er dazu. Er nimmt die Kreuzigung auf sich - den schmachvollsten Tod, den man sich denken kann. Und auch dieser Tod wird transparent für eine Liebe, die jenseits aller Liebe ist, die wir kennen.
Das Ursakrament. Darüber haben Menschen immer wieder gerätselt. Er war ein Mensch, wie wir. Aber er war nicht, wie wir sind. Er war erfüllt vom Geist Gottes, sagen wir, während wir immer wieder leer sind. Ich und der Vater sind eins, sagte er oft. Wir aber sind mit Gott und mit uns selbst uneins. Er ist Immanuel, Gott mit uns. Fremd und nah. Gottessohn und Menschenbruder. „Gott ist was Tolles“, sagt das Kind. Aber wir haben gesehen, dass „toll“ mehrdeutig sein kann, liebestoll aber auch tollwütig, und toll wie töricht und vermessen. Wir bekennen: Gott ist Liebe, selbstvergessen, mitteilsam, kritisch gegen alle Arten von Götzendienst und Selbstvergottung, aber auch, und dies vor allem, alle Tage neu und ohne Ende. Darum suchen wir immer wieder das Antlitz des Gekreuzigten, und in ihm die Menschlichkeit Gottes. Ecce homo: Seht, das ist der Mensch. Darum kommen wir immer wieder zusammen, in den Gotteshäusern und Kapellen, um uns gegenseitig Rede und Antwort zu stehen, so wie wir es bei Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Rom finden:
Was wollen wir nun dazu sagen?
Wenn Gott für uns ist, wer könnte gegen uns sein? Er hat seinen eigenen Sohn nicht verschont. Er hat ihn für uns alle dahin gegeben. Sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?
Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen?
Christus ist hier. Gestorben, auferweckt, zur Rechten Gottes - unser Anwalt.
Wer will uns trennen von der Liebe Gottes? In Depressionen oder Ängsten oder Verfolgungen? In Hunger, Nackheit, Gefahr oder Krieg?
In dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat.
Darum sind wir gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Satansmächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes, nichts in Gottes weiter Welt kann uns trennen von der Liebe, die in Christus Jesus, unserem Herrn, erschienen ist.
Amen.
Fürbitten
Someone’s crying, Lord. Heile die Zeiten!
Einer schreit zu Dir, Herr, irgendwo. Nicht einer, sondern Millionen, nicht irgendwo, sondern überall, da fließen Tränen des Leidens, der Schwäche und der Wut. Da fließen Tränen des Zorns und des Widerstands. Tränen der Reichen, Tränen der Armen.
Someone’s crying, Lord. Heile die Zeiten!
Einer stirbt vor Hunger und Durst, nicht einer, sondern Millionen. Sie sterben, weil andere In Saus und Braus leben. Sie sterben, weil die Ausbeutung kein Ende findet. Sie sterben, weil es zu wenige sind, auch unter uns, die Partei ergreifen. Sie sterben, weil es zu wenige sind, auch unter uns, die ihre Zeugen und Anwälte sein wollen.
Someone’s crying, Lord. Heile die Zeiten!
Einer betet, Herr, doch nicht einer, sondern viele, verstreut über die Erde. Wir beten mit ihnen, unter Tränen und Ungeduld, in Enttäuschung und Schwäche. Wir rufen nach der Kraft, wach zu bleiben und durchzuhalten. Nach der Phantasie, die sich nicht einlullen lässt, nach dem politischen Willen, der immer wieder aufsteht.
Durch Jesus Christus hast du uns wissen lassen, wo du uns haben willst. Hilf uns, dort zu sein. Sei bei uns, rühre uns an, zeichne uns, lass uns Segensträger werden, lass deine Kraft in unserer Schwachheit mächtig sein.
Amen.