Projekt SAKRAMENTE - Buße
... und vergib uns, wie auch wir vergeben ...
Begrüßung
Das Bußsakrament ist heute das Thema, das uns durch die gemeinsame Feier begleiten wird.
Ich werde nicht sprechen über fast-pornografische Beichtspiegel und muffige Beichtstühle, nicht über meine erste Beichte und nicht über die qualvollen Gewissensverknotungen eines 9- oder 10-jährigen.
Das alles kennen Sie vermutlich selbst gut genug.
Ich werde auch nicht sprechen über Ablässe, die es bis heute gibt und die vor einem halben Jahrtausend Anlass gaben, die Reformation auszurufen - Martin Luther war damals offenkundig katholischer als Rom.
Ich werde auch nicht darüber sprechen, dass wir oft fälschlich meinen, mit diesem oder jenem schicksalhaften Erleben für irgendetwas büßen zu müssen, was wir vielleicht verkehrt gemacht haben. Ich möchte lieber anknüpfen an die Gedanken von P.Wrembek vor 14 Tagen, als er über Sakrament und Sakramentalien sprach. Im Kolosserbrief hatte es da geheißen:
„Als erwählte Heilige und Geliebte Gottes rüstet euch also mit einem Herz voller Mitgefühl, mit Güte, Demut, Gelassenheit, Langmut, indem ihr einander annehmt und vergebt, wenn einer dem anderen etwas vorzuwerfen hat - ganz wie der Herr euch vergeben hat, so auch ihr!“
Daran knüpfe ich an, heute also im Kontext von Schuld und Sühne.
Jemand hat Kater Miez eine leere Konservendose an den Schwanz gebunden. Der ist daraufhin panisch auf den nächsten Baum gerast, von wo ihn die Feuerwehr herunterholen musste. Es stellt sich heraus, dass der kleine Philipp aus dem Nachbarhaus Urheber dieses bösen Schabernacks war. Philipps Mutter schickt ihn zu Miezens Frauchen mit der Maßgabe, er solle sich entschuldigen. Philipp geht hinüber und sagt: „Ich soll mich entschuldigen!“ - - - -
Alle paar Tage lesen wir in der Zeitung die Forderung eines Politikers A, Politiker B solle sich für seine schlimme Entgleisung bei Politiker C entschuldigen. - - - -
Sich entschuldigen - geht das denn?
Kann ich mich selbst entschuldigen?
„Schuld“ - in diesem moralischen Sinn - kennen wir nur im Singular.
Im Plural - „Schulden“ - hat es einen eindeutig materiellen Sinn. Und hier wird auch deutlicher, was gemeint ist: Es hat die selbe Wurzel wie das Wort Soll, jenes hässliche Wort auf dem Kontoauszug, neben dem Haben. Da hat man nicht gegeben, was man hätte geben sollen. Es entstand eine Lücke, ein Loch, eine negative Bewertung, man ist in den Miesen, wie man so klangvoll sagt.
Das Loch muss wieder gefüllt, die Lücke geschlossen, der Kredit getilgt werden. Bei materiellen Schulden benötigen wir einen KREDIT, eine Vertrauenswürdigkeit, bei moralischer Schuld brauchen wir ein CREDO, ein Vertrauen: Dass es nämlich möglich sei, eine Verfehlung gegenüber Gott und Mensch wieder gut zu machen.
Und dazu wiederum ist unverzichtbar das, was unsere Sprache zwar etwas altmodisch, aber so wunderbar formuliert als Kontrastwort zu Schuld: die Huld. Huld heißt: Gnade, geneigt sein, liebende Zuneigung, Huldigung.
Denn Gott ist eben kein Unhold.
Lesungen
1. Zef 3, 12 - 17
(Spricht der Herr zu Israel:) In deinem Innern werde ich übrig lassen ein friedfertiges und demütiges Volk; sie werden Geborgenheit suchen in meinem Namen, die übrig Gebliebenen Israels. Sie werden kein Unrecht tun und keine verlogene Rede führen, in ihrem Mund findet sich keine hinterlistige Zunge.
Ja, weiden und lagern werden sie und niemand wird ihnen Furcht einjagen.
Juble laut, du Tochter Zion, künde es weit, Israel! Freue dich und sei fröhlich von ganzem Herzen, Tochter Jerusalem! Fortgeschafft hat Er alle Kränkung, weggefegt hat Er deinen Feind.
Er, König von Israel, ist in Deiner Mitte, nichts Böses wird dir je wieder vor Augen kommen.
An jenem Tag wird zu Jerusalem gesprochen: Sei ohne Angst, Zion! Nie mehr sollen Deine Hände verzagen! Denn Er, dein Gott, ist in deiner Mitte, ein Starker, ein Lebensretter.
Er jubelt über dich voll Freude,
er macht dich neu in seiner Liebe,
er ist fröhlich über dich voller Jauchzen.
Übersetzung: Martin Luther & Buber / Septuaginta / Zürcher Bibel / Christian Gallasch
2. Röm 2, 1 – 4
So bist du nicht entschuldigt, du Mensch, der du urteilst.
Denn worin du den anderen beurteilst, darin verurteilst du dich selbst; im Urteilen nämlich tust du just dasselbe wie der Beurteilte.
Wir wissen aber, dass das Urteil Gottes über jene, die solches (Unrecht) tun, der Wahrheit entspricht.
Meinst du etwa, du Mensch, wenn du über jene urteilst, die solches (Unrecht) tun, und du (zugleich) dasselbe tust, du könntest dem Urteil Gottes entgehen?
Verachtest du gar die Überfülle seiner Güte, seiner Friedfertigkeit, seiner Geduld,
indem du nicht zur Kenntnis nimmst, dass es das Gute Gottes ist, das dich zum Wandel deiner Einstellungen hinführt?
3. Lk 6, 36 – 38. 44 - 45
Seid Mitleidende, wie euer Vater ein Mitleidender ist! Beurteilt nicht, und ihr werdet nicht beurteilt werden! Verurteilt nicht, und ihr werdet nicht verurteilt werden!
Vergebt, und euch wird vergeben werden!
Gebt, und euch wird gegeben werden! Ein gutes, reichliches, gerütteltes, überfließendes Maß wird in euren Schoß gegeben; denn mit welchem Maß ihr beurteilt, mit dem Maß werdet ihr beurteilt.
Es gibt keinen guten Baum, der faule Früchte bringt, wie auch keinen faulen Baum, der gute Früchte bringt. Jeder einzelne Baum wird an seiner eigenen Frucht erkannt.
Von der Akazie pflückt man keine Feigen, vom Brombeerstrauch keine Trauben.
Der gute Mensch bringt aus dem guten Schatz seines Herzens das Gute hervor, und der Böse bringt aus dem Bösen das Böse hervor. Aus dem überfließenden Herzen redet der Mund!
Was sagt ihr zu mir: Herr! Herr! - und tut aber nicht, was ich sage?
Übersetzungen: Martin Luther / Zürcher Bibel / Einheitsübersetzung / Christian Gallasch
Auslegung
Der ersten Lesung geht die Schilderung voraus, was alles der Herr mit dem „widerspenstigen, schmutzigen, tyrannischen Jerusalem“ machen will: „Ich will meine Hand ausstrecken gegen Juda und alle, die in Jerusalem wohnen, und will ausrotten von dieser Stätte das Treiben Ba-als und dazu den Namen der Götzenpfaffen und Priester. (....) Ihre Oberen sind brüllende Löwen und ihre Richter Steppenwölfe am Abend, die nichts bis zum Morgen übrig lassen.“
Ja, er will seinen Zorn über die Gottlosen ausschütten, er wird keinen Stein auf dem anderen lassen. Dann aber wird im Innern des Volkes eine friedfertige und demütige Versammlung übrig bleiben.
Das erinnert zum einen an den Massenmord der Leviten an 3000 Israeliten, nachdem Mose ihnen vom zerstoßenen goldenen Kalb zu trinken gegeben hatte (2 Mos 32,28); zum anderen an modernere Formen der „Reinigung des Volkskörpers“, wie wir sie von totalitären Staaten kennen. Auch erinnert das an den Gestus, mit dem ein zeitgenössischer Potentat die „Achse des Bösen“ auszurotten sich vorgenommen hat.
Diese Verweise halten aber nur kurz, nur auf den ersten Blick. Sobald wir uns vergegenwärtigen, dass wir es nicht mit historischen, sondern mit theologischen Texten zu tun haben, lesen wir anders.
Schauen wir den eben zitierten Text genauer an. Da hieß es „Ich will ausrotten von dieser Stätte das Treiben Ba-als und dazu den Namen der Götzenpfaffen und Priester.“ Ausgerottet werden also die Reste des Aberglaubens und die Namen von falschen Priestern. Es geht um Ausrottung von moralischen Fehlentwicklungen, nicht um Massenmord.
Das ist wichtig.
Nur so wird der Fortgang unseres Textes der 1.Lesung verständlich: Wenn Aberglaube, raffgieriger Klerus, korrupte Beamte und ausbeuterische Großgrundbesitzer nicht mehr sind, dann wird Geborgenheit einkehren können; dann wird Israel nicht mehr lügen und nichts Böses mehr vor Augen bekommen; dann werden alle weiden und lagern ohne Furcht vor irgendwelchen Feinden. Denn der König ist inmitten des Volkes und jubelt laut vor Freude.
„Sei ohne Angst, Zion!“, hat Zefanja gerufen.
Die Angst ist das, was hinter allem Bösen steckt. Die Angst, zu verhungern; die Angst nicht geliebt zu werden; die Angst, zu sterben; die Angst, ein Niemand, ein Nichts zu sein; die Angst, Schmerz oder Verlust zu erleiden; die Angst, an der Seele zu erfrieren; die Angst, eine schwere Krankheit zu bekommen; oder auch jene ganz namenlose Angst, die uns grundlos anfällt und die wir nicht abschütteln können.
Wir alle kennen Ängste, manche von uns kennen auch Angst. Angst ist ein elementares Stück Menschsein.
Wie kommen wir zur Welt? Nackt, winzig, schutzlos; wir können weder gehen noch sprechen, wir können uns allein nicht nähren oder wärmen. Wir können nur schreien. So ein hilfloses Bündelchen, das zum Gotterbarmen schreit, weil es aus der Geborgenheit hinausgeworfen wurde in eine feindliche Welt - das ist der Mensch. Sollte der keine Angst haben? Er müsste unweigerlich sterben, wenn er keine Hilfe bekäme. Und wenn wir ein solches hilfloses Würmchen sehen, rühren sich spontan Mitleids- und Fürsorge-Regungen in uns (moderne Psychologen reden reglos von „Kindchen-Schema“ und „Beschützer-Instinkten). Als ob wir uns erinnern an unsere eigenen Ängste. (Und jene Mütter, die ihr Kind aussetzen oder „verklappen“, können wohl nur so handeln, weil ihre eigenen Ängste ihnen noch größer erscheinen als die ihres Kindes. Was sie nicht entschuldigt, aber unserem Mitleiden darbietet.)
Da tritt nun, Ende des 7. vorchristlichen Jahrhunderts, ein Prophet namens Zefanja auf, ein zorniger junger Mann. Jesaia ist schon länger tätig, Jeremia wird auch in dieser Zeit berufen, der Bau des Tempels liegt noch 100 Jahre voraus. Und dieser Zefanja beklagt laut und deutlich die verheerenden Zustände in Jerusalem: Gottlosigkeit, Habsucht, Raub, Mord, Betrug. Vor allem aber hat er es abgesehen auf jene, „die sich durch nichts aus der Ruhe bringen lassen und sagen: Der Herr wird weder Gutes noch Böses tun“. Anders gesagt: Es ist egal, was wir tun und wie wir sind, es hat keine Bedeutung. Das ist in Zefanjas Augen der höchste Frevel: Den Herrn nicht fragen und nicht achten. Ignorieren, dass wir mit unserem ganzen Dasein immer vor Gottes Antlitz stehen. Frei nach dem Motto: «Selbst ist der Gott».
Und genau dieser Zefanja entwirft eine Vision von betörender Schönheit: Gott ist in unserer Mitte, er baut auf den Trümmern der Schande ein neues Jerusalem, er macht uns neu in seiner Liebe (Luther übersetzt hier: Er vergibt uns in seiner Liebe), und dann: Gott freut sich an uns voller Jauchzen; etwas salopp übersetzt: Er kriegt sich gar nicht mehr ein vor Freude.
Und das sagt Zefanja allen, die Geborgenheit suchen im Namen Gottes.
Gut 600 Jahre später befinden wir uns in der späten griechischen Antike. Für den Apostel Paulus ist die liebende Gegenwart Gottes nicht mehr ein Lichtblitz, der in die Verzweiflung und das sündige Chaos unvermittelt hereinbricht, wie bei Zefanja und anderen alten Propheten, sondern eine zeitlos in uns wohnende Wahrheit. Also ein bißchen intellektueller, aber inhaltlich nicht so weit entfernt.
Paulus kritisiert die Bewertungs- und Beurteilungssucht, mit der wir uns oft über andere erheben. Die Hl.Schriften sind voll von derlei Ermahnungen:
- Wer unter euch ohne Fehler ist, der werfe den ersten Stein (Joh 8,7);
- Du schaust auf den Splitter in deines Bruders Auge und siehst nicht den Balken in deinem Auge! (Mt 7,3). u.v.a.
Auch außerbiblische Bemerkungen dieser Art kennen wir zuhauf:
- etwa das indianische Sprichwort: Urteile nie über einen anderen Menschen, ehe du nicht sechs Monde in seinen Mokassins gewandelt bist;
- oder Eric Clapton, wenn er singt: „Before you accuse me, take a look t´yourself“ - bevor du mich anklagst, wirf erst mal einen Blick auf dich selbst! usw.
Das klingt gerade so, als bräuchten wir Paulus gar nicht, wir haben ja Eric Clapton und die Indianer. Aber Paulus bringt eine andere Wende hinein:
Dass es nämlich das Gute Gottes ist, das uns zum Wandel unserer Einstellungen hinführt.
Es ist nicht die Angst. Es ist nicht das befürchtete Strafgericht Gottes. Es ist nicht das autoritäre Gebot „Tu dies, tu das!“. Nicht die Androhung von unangenehmen Konsequenzen. Kein Verbot, kein Zwang, keine Peitsche, keine Strafe.
Ebenso wenig eine moderne, selbsternannte ethische Kraft, die wir von Kant oder Habermas entlehnen könnten.
Lediglich: Das „Gute Gottes“, seine Gnade, seine bedingungslose Zuwendung, seine alle menschlichen Kategorien sprengende Liebe. Wo die Liebe als Gebot formuliert wird, dürfte die Selbstoffenbarung Gottes völlig unbekannt sein ...
Thomas von Aquin hatte vor fast 800 Jahren ganz pfiffig erkannt, dass die tiefste Triebfeder menschlichen Handelns das Streben nach dem Guten sei. Das einzige Problem sei freilich, dass der Mensch in der Erkenntnis dessen, was „gut“ sei, äußerst fehlerhaft, um nicht zu sagen: in hohem Maße sehbehindert ist. Deshalb muss ihm das immer wieder vor Augen geführt und gesagt werden. Und genau deshalb gibt es unsere Hl.Schriften.
Da steht´s: Gott macht uns neu in seiner Liebe, Gott führt uns zum Wandel, usw. - im AT wie im NT. In (fast) jeder Zeile.
Unser dritter Text beginnt mit den Worten: Seid Mitleidende, wie euer Vater ein Mitleidender ist! Da sind wir wieder bei dem Bild des hilflosen Neugeborenen, das unser Mitgefühl erweckt. Natürlich ist unsere Beziehung zu Gott eingekleidet in derlei menschliche Metaphern, anders könnten wir uns nicht verständigen. Aber wir vergessen dabei rasch, dass selbst der beste Vater, die beste Mutter nicht fehlerfrei in ihrer Liebe sind, nicht sein können. Deswegen sprechen wir auch von der alles menschliche Maß übersteigenden Liebe Gottes. Aber diese unsere Unvollkommenheit hat nicht das letzte Wort.
Genau dies ist die eine Predigt der ganzen Bibel.
Das Wort „Sünde“ hat die selbe Wurzel wie das Wort „Sein“ (im englischen „sin“ ist das noch augenfälliger). Das heißt: Unser Sein ist ein prinzipiell unvollkommenes, wir sind von Geburt an nicht nur hilflos, sondern auch höchst fehlerhaft, anfällig für Wind und Wetter, Bazillen, Viren, Kränkungen, Kummer, und eben auch Lieblosigkeit. Unser Dasein ist eine bizarre Ansammlung von „-losigkeiten“; Lieblosigkeit ist eine davon; sie allein trägt den Namen „Sünde“. Nur: Wie da herauskommen? Lukas formuliert das ganz praktisch: Vergebt, und euch wird vergeben werden! So einfach ist das.
Aber so ganz einfach vielleicht doch nicht?
Denken wir kurz an die o.g. Mutter, die ihr Kind aussetzt. Oder an den Kinderschänder. Oder an den Kannibalen. Oder an den Menschenschinder in Nordkorea, in der Guantanamo Bay oder anderswo. Oder an besoffene Jugendliche in der Linie 10. Der möglichen Beispiele sind Legion, viele, viele Ressentiments, „Feindbilder“ und Vorverurteilungen haben wir alle, die als schmutziger Bodensatz unsere Seele vergiften und hart machen. Soll da das Vergeben leicht sein? Nein, das ist nicht leicht. Aber dass es leicht sei, steht auch nirgendwo in der Bibel. Liebe ist meist Arbeit, die nicht auf einen anderen abgewälzt werden kann; Vergeben genauso, manchmal richtige Schwerarbeit. Wüssten Sie einen anderen Grund, warum es so wenig Liebe gibt in der Welt?
Aber Paulus und Lukas sprechen von einer wichtigen Dynamik, die dieses Problem in ein anderes Licht taucht: Lukas nennt es „der gute Schatz unseres Herzens“, bei Paulus heißt es „das Gute Gottes“. Sie meinen das Selbe: Die Liebe kommt aus dem Herzen, das von Gott erfüllt ist. Und die Vergebung auch, denn sie ist Ausdruck und Verwirklichung dieser Liebe.
Wenn Lukas sagt: Vergebt, und euch wird vergeben werden!, dann heißt das eben nicht: Vergib, damit dir vergeben werde. So herum funktioniert das nicht. Auf Befehl lieben, zweckgerichtet lieben - das geht nicht. Eher umgekehrt: Vergebt, weil euch vergeben wird. Gott hat schon längst und unwiderruflich vergeben, vor aller Zeit. Für alle Zeit.
Aber dieser Lukas-Satz hat noch eine weitere Dimension: Sie geht ins Soziale: Vergebt, und euch wird vergeben werden. Vergebt euren Kindern, so werden sie euch vergeben können. Vergebt euren Eltern, so werden sie im Frieden mit euch gehen können. Vergebt einander, so werdet ihr die Wahrheit des Anderen sehen können. Gebt der Umwelt, sie wird es euch tausendfach danken. Gebt der nächsten Generation, so wird sie das Geben auch lernen.
Sie merken, dass das Vergeben von Satz zu Satz mehr zum Geben geworden ist. So hat es Lukas in diesem Text ja auch gemacht. Vergeben ist ein Geben, ein Schenken. Das verweist erneut darauf, dass das göttliche Vergeben, das Urbild des Vergebens, ein Akt der ungeschuldeten Gnade ist. Wir können es nicht zwingen, nicht kaufen, nicht stehlen, nicht leasen, nicht ersteigern.
Aber geben kann man nur, was man hat, so sagt man. Und das ist das außerordentlich Erstaunliche an diesem ganzen Thema: Wir können getrost geben, weil wir in der Fülle leben! Uns ist „ein reichliches, gerütteltes, überfließendes Maß in unseren Schoß gegeben“ - wir sind reich!
Unser einziges Zutun ist das Vertrauen, dass es so sei. Und selbst das ist ohne Gnade nicht möglich, heißt: Es wird uns geschenkt durch die, die uns das alles erzählen. Die Schriften, die Eltern, die (wahren) Freunde, alle, die diese frohe Botschaft weitergeben.
Jetzt wird es Zeit, den Kreis zu schließen.
Ausgangspunkt war der Begriff Bußsakrament. Buße kommt von Besserung. Es geht also nicht um Bestrafung. Zehn Vaterunser und zwanzig Gegrüßetseistdumaria führen nicht zum Wandel unserer Einstellungen und Verhältnisse. Vielmehr geht es um Wieder-gut-machen. Wir selbst dürfen wieder gut werden, unsere Verhältnisse auch. Soweit das geht, soweit wir das im Realen bewerkstelligen können. Manchmal ist nur noch eine Geste möglich, weil etwas unwiderbringlich kaputt gegangen oder verloren ist. Da kann dann stattfinden, was wir Reue nennen, das bedeutet „Schmerz empfinden“. Jenen Schmerz nämlich, den man dem anderen zugefügt hat.
Manchmal ist Sühne möglich, das bedeutet Versöhnung: Frieden und Ausgleich herstellen, den Krieg beenden (auch den „Kleinkrieg“).
Weil dies so ein elementares Moment im christlichen Dasein ist, hat man die Vergebung zu einem Sakrament geadelt. Die Geschichte der Entstehung des Sakraments und seines verschiedentlichen Missbrauchs kann man nachlesen, sie muss uns hier nicht beschäftigen. Aber als hervorgehobenes rituelles Element im christlichen Leben steht das Bußsakrament für nichts anderes als für die bedingungslose Zusage Gottes zu jedem einzelnen von uns.
Wie die Taufe, die Eucharistie, die Krankensalbung und alle anderen Sakramente. Sie alle verkündigen - auf unterschiedliche Weise - immer nur das Eine: Die unermessliche Liebe Gottes. Ob wir dazu die sog. „Ohrenbeichte“ als Form wirklich brauchen, mag man diskutieren. Auch Kirche, das Volk Gottes, ist immer auf dem Weg. Aber dass die Vergebung von Verfehlungen ein wichtiger Aspekt christlichen Lebens sei, wird wohl niemand bestreiten. Und irgendeinen angemessenen Ausdruck wird man ihm im Gemeindeleben nicht verweigern können.
Seit Freud reden wir ja vorzüglich von Schuldgefühlen und benennen damit etwas Neurotisches, was dann auch folgerichtig therapierbar ist. Diese Schuldgefühle interessieren aber hier ebenso wenig wie die roten Zahlen auf dem Kontoauszug. Das sind die irdischen „-losigkei-ten“. Die haben wir gewissermaßen unter uns zu regeln. Aber was die Lieblosigkeit betrifft, unsere einzige Schuld gegenüber Gott, sind wir auf seine Vergebung angewiesen.
Und wir dürfen einander dabei helfen, das ist das Schöne.
Jede kleine Geste im Alltag, die wir aus diesem Geist heraus finden, knüpft an das Sakrament an. Jede Bitte um Verzeihung - etwas ganz anderes als das „ich entschuldige mich“ - wird vor Gott unweigerlich positiv beschieden.
Wer um Vergebung bittet, hat den wichtigsten Schritt bereits getan. Und wer vergibt, ist mittendrin im Wirken Gottes.
Das nennt man Sakramentalie, also ein Tun, das im Geist eines Sakraments dieses selbst in die Welt bringt, ohne institutionelle Form und Absegnung. Und dazu haben wir jeden Tag reichlich Gelegenheit, scheint mir.
Ich möchte daher gern vorschlagen, dass wir gleich vor den Fürbitten eine kleine Stille miteinander verbringen. Dass dann jede(r) von uns hineinhorcht in sein Herz: Wo habe ich versäumt, zu vergeben? Und wo habe ich versäumt, die Vergebung Gottes dankbar und froh anzunehmen? Und wie werde ich es nachholen?
So soll es sein.
Fürbitten
O Herr Gott,
erbarmend, gnädig, langmütig, reich an Liebe, reich an Treue,
bewahrend Liebe bis zum tausendsten Geschlecht.
So ist es in allem Anfang, so ist es jetzt, so ist es in aller Zukunft -
komme, was kommt.
Ein Wort zu viel - ein Wort zu wenig - ein Hass - ein Tod - eine Gleichgültigkeit - eine Missachtung - taub sein, wenn einer ruft - keine Zeit, wenn einer fleht -
ein Wort zu viel - ein Wort zu wenig -
Dann ein Vorbeigehen des Gottes, auf den wir warten, dass wir sein Wort hören, das Wort von seiner Gnade, seiner Liebe, seiner Vergebung, Treue, Geduld - für immer.
Nichts sinkt ins Vergessen vor ihm:
Erbärmlichkeit und Fehler, Bosheit und Schuld, Schwere unseres Daseins, gebrochen und verstrickt -
Aber alles ist aufgehoben im NAMEN dieses Gottes, der Wohnung genommen hat mitten unter uns vor aller Zeit, um uns zu vergeben, zu lieben grenzenlos.
O Herr Gott,
Laß uns dessen innewerden, von Tag zu Tag mehr und mehr ...
Er selbst kam als hilfloses Menschenkind zur Welt,
so sehr liebt er diese Welt, die er fortwährend erschafft und trägt.
Er schenkt sich vor unseren Augen, Ohren, Sinnen in das Herz dessen, der sich seinem Wort öffnet.
Nicht Strafe ist sein Wort, nicht Vergeltung, nicht Gebot und Verbot und harte Gerichtsbarkeit, sondern Vergebung, Rettung, Heilung, Frieden, Leben in Liebe jetzt und für immer.
O Herr Gott,
allen, die sich Dir anvertrauen, hast Du das Leben in Deiner Liebe zugesagt.
Niemand ist verloren.
Laß uns das einander mitteilen, wo und wann immer wir beisammen sind.
Laß uns das furchtlos weitersagen, wo und wann immer jemand nach diesem Wort hungert.
Denn Deine Gnade ist ort- und zeitlos, überall und stete Gegenwart.
So ist es in allem Anfang,
so ist es jetzt, so ist es in aller Zukunft -
komme, was kommt.
Gebet
„Gott zürnet nie mit uns, wir dichten´s ihm nur an;
unmöglich ist es ihm, dass er je zürnen kann.
Kein Ding ist hier noch dort, das schöner ist als ich,
weil Gott, die Schönheit selbst, sich hat verliebt in mich.“
Angelus Silesius [~1624 – 1677]