Projekt SAKRAMENTE - EUCHARISTIE (1)
Miteinander - füreinander - um die Tafel des Herrn
(Jes 1, 10 - 19; Joh 2, 13 - 22)
Liebe Gemeinde!
Der Tempel in Jerusalem war wie alle Tempel aller Länder und Völker nicht nur ein religiöses Zentrum, wo gebetet und geopfert wurde, er war auch das ökonomische, wirtschaftliche Herz Israels. Die Religion war immer auch verbunden mit der Verteilung von allem, was das Land hervorbrachte. Der Tempel war nicht nur ein Bethaus, sondern auch ein Kaufhaus, eine Börse. Und die Priester, die Leviten waren von diesem ganzen Geschäft abhängig. Sie regelten Opfer und Steuer, sie waren Beamte, Notare, Richter - und sie regelten Schulden und Tilgung. Sie waren die Liturgen der Gesellschaft. Und Liturg ist ursprünglich ein griechisches Wort für alle Beamten, die arbeiten oder die irgend etwas tun im öffentlichen Dienst, die einen öffentlichen Dienst leisten. Das war also die normale Situation.
Es gab keinen profanen Bereich neben einem religiösen Bereich, keine Kirche neben dem Staat. Das ist erst eine sehr späte Entwicklung, die hat erst nach unserem Mittelalter angefangen.
Was ist nun in der Kirche die Rolle dieser Liturgie im engeren Sinn? Opfer, Gesänge, Weihrauch usw. - was ist da anders als bei den anderen Völkern? Was ist da passiert, dass wir den Bericht davon, dieses alte Buch noch immer lesen und zu verstehen versuchen? Dass wir daraus noch etwas lernen können? Ablesen, was für uns hier und heute zu tun ansteht und was nicht?
Es hat sich innerhalb der religiös-politischen Wirklichkeit Israels, ein Bewusstwerdungsprozess vollzogen, der in einer visionären Einsicht resultierte, einer Erkenntnis, einer Erfahrungswissenschaft: Dass Religion, Liturgie, Tempel, Macht und Königsherrschaft, dass dies alles zusammen eine sehr negative gesellschaftliche Funktion haben kann und meistens, normalerweise auch hat. Diese Einsicht wurde mittels der Propheten Israels verkündet im Namen des Gottes Israels. Sie, die Propheten, sind die Erfahrungsexperten. Auf Grund ihrer Expertise sagen sie aus, was passieren wird, wenn das Volk, wenn die Priester, die Herrscher so und so handeln, wie es normal ist. Und sie können das sagen, weil sie die Vergangenheit gründlich analysiert haben. Sie sagen: Es ist schief gegangen, katastrophal ausgegangen, weil ihr nicht das gemacht habt, was ihr tun musstet.
Und dann folgt immer das hohe, einfache Wort Gerechtigkeit. Eine gerechte Verteilung der irdischen Güter, damit auch die Witwe, der Waise, der Fremde wohnen, essen und leben können in eurer Mitte. Opfer, Feste, Liturgie, Gebete und schöne Gebärden mit Weihrauch usw. - es ist alles an sich herrlich, aber, so sagt der Prophet, so sagt sein Gott, der Gott Israels: Ich bin es satt! Für mich ist es nur noch Lärm und Gestank! Ich wende meine Augen ab! Ich will es nicht mehr hören! Kann es nicht länger ertragen! Wozu das alles, wenn es nicht im Dienste der Gerechtigkeit steht? Dann wird es nur Sodom und Gomorrha, so wie das Volk hier angeredet wird bei Jesaja: Ihr Herren von Sodom, du Volk von Gomorrha!
Also wenn Liturgie als Gottesdienst nicht zugleich Menschendienst ist, dann geht es schief, auf die Dauer, aber es geht schief. Nicht mit einzelnen Seelen, aber mit der Gesellschaft. So sprachen Jesaja und Amos und Jeremia und alle großen und kleinen Propheten. So sprechen oft noch viele Propheten, an anderen Orten.
Wann war das, als z.B. dieser Jesaja sprach? Es war ungefähr die Zeit der babylonischen Gefangenschaft, in der Katastrophenzeit, als der Tempel und die Stadt Jerusalem vernichtet waren, und das Volk, die Leviten und die (?) des Volkes abtransportiert waren Richtung Babel. Ende Israel. Schluss.
Warum abtransportiert? Warum vernichtet? fragen die Propheten. Weil die Gerechtigkeit, antworten sie, als Ziel, als Auftrag der Gesellschaft einfach vergessen ist. Weil die Thora, all diese Vorschriften und minutiösen Regeln, die die gerechte Veteilung regeln sollten, vergessen sind, vernachlässigt sind. Und was bleibt dann übrig? Eine zerteilte Gesellschaft, wo jeder für sich lebt und verdient, und wo diejenigen, die das nicht können, weil sie schwach, alt, krank oder ohne Arbeit sind, einfach verhungern oder beinahe verhungern oder irgendwo am Rand oder auf der Straße ein trostloses Leben führen. Dann gibt es sehr Arme und sehr Reiche. Da gibt es dann nicht nur sinnlose Gewalt, sondern auch eine Menge sinnlose Unterhaltung, sinnlose, leere Kommunikation. Da fehlt einfach eine Richtung, da fehlt Thora, Weisung, da fehlt Weisheit und regiert die Dummheit.
Da kann eine Gesellschaft noch sehr gesund aussehen, wie man das sehen kann z.B. wenn man abends hier die Weser entlang flaniert oder an einer Gracht in Amsterdam. Das sieht alles noch gut aus, voller Leben: Man isst und trinkt und ruft ständig mobil an, nur Spaß und Gemütlichkeit, und man opfert sein Geld diesem und jenem Vergnügen.
Aber wie ist es mit dem Sinn dieses Lebens? Was ist da noch an Richtung? Gibt es z.B. noch Leidenschaft für Gerechtigkeit? Und wenn nicht dort bei den Flanierenden: Wie ist es dann bei uns, den heutigen Tempelbesuchern? Die Gottesdienst-Süchtigen, die nach einer Verbindung mit dem Sinn suchen, die auf diese Worte der Gerechtigkeit hören, immer wieder, jede Woche oder fast jede Woche oder ab und zu?
Jesus steht in der Tradition dieser prophetischen Kritik, dieser Tempel- und Religionskritik, die auch Gesellschaftskritik ist. In seiner Zeit ist es auch deutlich, dass es schief geht. Und als Johannes sein Evangelium schreibt - so um 90 oder l00, das weiß man nicht genau - , da hat es schon zum zweiten Mal die große Katastrophe gegeben: Tempel vernichtet, Jerusalem obgebrannt, zum zweiten Mal. Und das hat alles damit zu tun - so steht es im Evangelium, in der Analyse dieses ganzen Geschehens - , dass der Tempel Teil des in diesem Fall römischen ökonomischen Ausbeuter-Systems geworden war; dass die Hohe-Priesterschaft keinen Widerstand dagegen geleistet hat. Der Tempel war, so steht es da, eine Räuberhöhle geworden.
Wie ist es möglich, liebe Freunde und Freundinnen, dass in vielen Kirchen jede Woche aus diesem Buch, aus diesen Büchern der Propheten und der Predigt Jesu gelesen wird, und dass so selten unsere Gesellschaft von da aus auch mal analysiert und kritisiert wird? Dass der Eindruck erweckt wird, dass Liturgie mehr mit Spiritualität, persönlicher Spiritualität, individueller Spiritualität und religiösen Gefühlen zu tun hat als mit Gesellschaft im Alltag, mit Politik, mit Wahlen, mit für-das-Leben-wählen; für Gerechtigkeit, für das-Gute-tun und aufhören, das Böse zu tun. So schreibt Jesaja: Wascht euch, reinigt euch, entfernt euer böses Spiel aus dem Blick meiner Augen; meidet böses Handeln; lernt Gutes tun; trachtet nach Recht; nehmt den Niedergeschlagenen an die Hand; rechtet für die Waise; streitet für die Witwe.
Warum wird das so selten gehört und aktualisiert? Was machen wir hier im Gottesdienst? Wir hören diese freien und befreienden Worte, diese nicht verurteilenden, sondern befreienden Worte der Propheten und Jesu. Und wir versuchen, sie uns anzueigenen, einander zuzueignen. Und wir üben uns in dieser Gerechtigkeit, damit wir, indem wir Brot und Wein miteinander teilen, Brot und Wein als schlichte Zeichen (begreifen) von all dem, was uns auf Erden gegeben ist - und was nie gut verteilt worden ist!
Wir versuchen, wir proben in der Liturgie die gerechte Verteilung, Solidarität, das ist Eucharistie. Und wir sprechen die Hoffnung aus, dass eineWelt kommen wird, wo genug Brot und Liebe für alle ist. So einfach, so tief und so hoch ist die Liturgie. Mit weniger wollen wir nicht auskommen. Das ist der Sinn unseres Lebens, unserer Gesellschaft, das ist auch der Sinn aller Politik. Das ist die Thora unserer Religion. Das gibt unserem Gottesdienst den Glanz der Menschlichkeit. Der Freude auch. Da binden wir uns selbst zurück aneinander. Da wo Freundschaft ist und Liebe, Solidarität, da ist auch dieser Gott. Da will dieser Gott sein und nicht im Tempel, wo nur geopfert wird. Dieser Gott von Amos, von Jesaja und von Jesus: Hier und heute ist er Erdenkraft - und vor allem heute noch: Sonnenkraft, Licht in Menschen.
So beten wir, dass wir einander halten und beleben, einander Brot der Gnade werden und niemals diejenigen vergessen, die nichts haben. Und dass das Angesicht der Erde dazu erneuert werden muss und werden wird: Durch uns und mit uns und in uns. So wahrlich helfe uns dabei der Gott Israels.
Amen.