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Projekt SAKRAMENTE - Form und Geist von: Chr. Gallasch
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Projekt SAKRAMENTE - Form und Geist



Tempel des Herrn - Leib Christi - Gemeinde ...


Begrüßung

Das römisch-katholische Kirchenrecht ist unmittelbar aus dem römisch-kaiserlichen Recht hervorgegangen. Von Anfang an legte es großen Wert auf die Bewahrung der Form. Cicero, kaiserlicher „Staranwalt“, hatte die im Kern atheistische Philosophie des Lukrez übernommen: Eine Gesellschaft, die keine personale Gottheit über sich kennt, braucht ein differenziertes und detailliertes Regelwerk, an das alle sich minutiös und penibel halten müssen. Das nannte Cicero „religio“: Skrupulöser Vollzug der Gesetzeslage, bis in winzige Einzelheiten reichende Beachtung von Vorschriften, Formen und Konventionen.
So kam es, dass im Verlauf der ersten christlichen Jahrhunderte das Kirchenrecht mehr und mehr erstarkte und bisweilen die Theologie, die Spiritualität und schließlich auch das Leben der Gemeinschaft der Glaubenden überwucherte. 

Es gab viele Versuche, das dominierende Juristische in den Hintergrund zu drängen zu Gunsten eines lebendigen Glaubens der Gemeinschaft der Heiligen. Die meisten Versuche wurden ausgegrenzt, eingekapselt oder verschwanden in den Schubladen endloser scholastischer Dispute. Bis dann 1962 Johannes XXIII. das II.Vatikanische Konzil einberief. (Das I.Vatikanum hatte - kaum 100 Jahre zuvor - die päpstliche Autorität und lehramtliche Unfehlbarkeit betont und so machtvolle Selbstbehauptung und Geschlossenheit der römischen Kirche demonstriert - gegen die Wirren der Zeit und gegen die Auflösung der alten gesellschaftlichen Strukturen: Ein zutiefst feudales Bollwerk gegen die modernen Zeiten!)

Das II.Vatikanum verordnete der Kirche eine radikale Häutung, genannt Aggiornamento, Verheutigung. Für Johannes XXIII verband sich mit diesem Motto die Hoffnung, die Kirche Christi werde, wenn sie im Heute angekommen sei, auch ein Morgen haben. So waren die Konzilsjahre eine Zeit der Morgenröte: Erneuerung der Kirche nach innen, Öffnung nach außen (zu anderen Konfessionen, Glaubenssystemen und zur Welt), mit dem Ziel einer neuen Einheit der Christen im Hl.Geist - nicht gegen, sondern mit allen Menschen des Erdkreises. Eine wahrhaft bestechende Vision: Das Volk Gottes, pilgernd auf dem Weg zum Neuen Jerusalem, im vielfältigen Gespräch der Liebe, im Dienst am Tempel des Leibes Christi!
In der damals zu Tage getretenen Spannung zwischen Pluralität und Zentralismus scheint gegenwärtig Letzteres die Oberhand zu gewinnen: In dem Maß, wie sich in der Weltpolitik zur Zeit die Verhältnisse polarisieren, scheint auch in der Kirche eine - nicht mehr nur - schleichende Restauration stattzufinden.

Nun ist aber das Kirchenrecht kein Sakrament. Der Geist Gottes und die Einheit der Kirche hingegen manifestieren sich bevorzugt in den Sakramenten und Sakramentalien. Insofern gehört dieser Gottesdienst auch in die Projektreihe SAKRAMENTE.
Im Tiefsten gilt unverändert: Ecclesia semper reformanda - Kirche muss sich unaufhörlich wandeln. Wir können ergänzen: Andernfalls bleibt sie nicht katholisch ˜ allen gemäß, für den ganzen Erdkreis. Ein Stückchen von der großen Einheit in diesem Sinn feiern wir wöchentlich miteinander. 

Und das ist gut so.






Lesungen

1. 1 Kor 3, 10 – 17

Der Gnade Gottes entsprechend, die mir geschenkt wurde, habe ich - wie ein guter Baumeister - das Fundament gelegt; ein anderer baut darauf weiter. Aber jeder soll darauf achten, wie er weiter baut.
Niemand kann ein anderes Fundament zugrunde legen als das, welches bereits zu Grunde gelegt ist: Jesus Christus. Wenn dann jemand auf diesem Fundament weiter baut mit Gold, mit Silber, mit kostbaren Steinen, mit Holz oder Heu oder Stroh: Das Werk eines jeden wird offenkundig werden. Der Tag wird es klar zeigen, denn es wird im Feuer enthüllt, und das Feuer selbst wird erweisen, wie das Werk eines jeden beschaffen ist:
Bleibt das Werk, das einer weiter gebaut hat, stehen, so wird er Lohn erlangt haben. Brennt das Werk jedoch nieder, so wird er an dem Schaden leiden; er selbst jedoch wird unversehrt daraus hervorgehen, auf eine Weise aber, als wäre er selbst durch Feuer gegangen.
Erkennt ihr nicht, dass ihr der Tempel Gottes seid, und dass der Atem dieses Gottes in euch wohnt? Wenn einer den Tempel dieses Gottes zerstört, so zerstört ihn Gott; denn der Tempel dieses Gottes ist heilig, und der seid ihr!


2. Joh 2, 13 – 22

Nahe war das Pascha der Juden und Jesus zog nach Jerusalem hinauf. Dort fand er im Tempelbezirk niedergelassen die Verkäufer von Rindvieh und Schafen und Tauben, auch die Münzhändler. Da machte er aus Seilen eine Peitsche und trieb sie alle aus dem Tempelbezirk hinaus, dazu die Schafe und die Rinder; die Münzen der Geldwechsler verschüttete er, ihre Stände stieß er um. Zu den Taubenhändlern sagte er: Schafft all das hier weg! Macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle!
Da erinnerten sich seine Jünger, dass geschrieben steht: Der Eifer um Dein Haus verzehrt mich! (Ps 69,10)
Nun ergriffen die Juden das Wort und sagten zu ihm: Welche Erklärung kannst du uns darlegen für all das, was du hier veranstaltest? Jesus antwortete ihnen: Zerstört diesen Tempel, und in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten (˜ auferwecken).
Da sagten die Juden: Sechsundvierzig Jahre dauerte der Bau dieses Tempels, und du wirst ihn in drei Tagen wieder aufrichten? Er aber sprach über den Tempel seines Leibes.
Als er dann von den Toten auferstand, erinnerten sich seine Jünger, dass er dies gesagt hatte, und vertrauten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesprochen hatte.

Übersetzungen: Martin Luther / Einheitsübersetzung / Christian Gallasch



Auslegung 

Er hat alle Marktschreier und Devisenschieber aus dem Tempelbezirk hinaus getrieben. Mit einer Peitsche. In der bildenden Kunst war dies ein lange Zeit beliebtes Motiv (Rembrandt, Giotto, El Greco u.a.): Jesus in heiliger Empörung über den verfehlten Gebrauch des heiligen Bezirks. Wir erinnern uns kurz: Die Menschen kamen zu Hochfesten von weit her, um im Tempel ihre Opfergaben darzubringen. Natürlich konnte keiner ein ganzes Rind mitbringen, also erwarb man gegen Bezahlung im Tempelbezirk (˜ im Vorhof, nicht im Innersten des Tempels) allerhand Opfergetier, von der Taube für die kleinen Leute bis zum Ochsen für die Reichen. Da es nun aber im Land umher eine Reihe verschiedener Währungen gab, wurde eine spezielle Tempelwährung eingeführt, die mit allen Regionalwährungen konvertibel war.
Ausnahmslos alle „Gerechten“ mussten also ihr Geld wechseln, da die Opfergabe nur gegen Tempelwährung zu bekommen war. Da wurde dann das erste Mal geschröpft und betrogen. Beim anschließenden Kauf der überteuerten Opfergabe ein zweites Mal. Kost und Logis für die Auswärtigen gab es sicherlich auch nicht für ein „Vergelt´s Gott“. Es war ein sündhaft teures Vergnügen, dieser rituelle Opfergang.
Aber daran hat sich Jesus nicht primär gestört. Sein Zorn richtet sich gegen das gesamte Merchandising, das er da vorfindet: Dass man den Tempelbezirk mit einer Markthalle verwechseln kann; dass das Haus seines Vaters zu ganz anderen, zu fremden, d.h. profanen (˜ unheiligen) Zwecken benutzt wird. Immer wieder predigt Jesus gegen die Vermischung und Verwechslung von irdischer Folklore mit seiner Botschaft, etwa im Text vom sog. Zinsgroschen: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“ (Mt 22,21); oder: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt!“ (Joh 18,36) u.v.a.

Die Juden verlangen jetzt also eine Erklärung, denn sie finden es ihrerseits höchst befremdlich, dass da einer ohne Autorisierung ihre netten alten und vor allem: lukrativen Bräuche durchkreuzt. (1500 Jahre später wird ein anderer wieder nach der Peitsche greifen und den gewohnten Brauch der Bestechung der himmlischen Heerscharen, genannt Ablasshandel, laut anklagen.)

Und nun antwortet Jesus mit einer Metapher: Er setzt den Tempel, das Haus seines Vaters, in eins mit seinem Leib. Wir erinnern uns: Schon als 12-jähriger hatte er seinen leiblichen Eltern zu verstehen gegeben, dass man ihn in dem zu suchen habei, was seines Vaters ist (Lk 2,49): Im Tempel - jetzt können wir ergänzen: Im Tempel seines Leibes, dem Ort des Wortes Gottes.

Also er sagt: Zerstört diesen Tempel und in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten. Die griechische Vokabel für „aufrichten“ (egeirw) ist exakt die selbe, die Paulus und die Evangelisten später für die Auferstehung verwenden werden. Natürlich ist das theologische Absicht. Sein Leib ist der Tempel Gottes, der Aufenthaltsort des göttlichen Lebensatems. Und dieser Leib, dieser Tempel ist unzerstörbar: Was sind schon 3 Tage im Vergleich zu 46 Jahren - ein Nichts! Er hätte ebenso gut sagen können: Augenblicklich werde ich ihn wieder aufrichten. Denn der Geist der Liebe ist unzerstörbar, unsterblich, zeitlos. Das göttliche Leben siegt inmitten des Todes.

Die Jünger, die das alles aufmerksam verfolgen, werden sich später erinnern: Als die Auferstehung in ihren Herzen Platz gefunden hat, „vertrauen sie der Schrift und dem Wort, das Jesus gesprochen hatte“. Der heutige Text folgt unmittelbar auf die Erzählung von der Hochzeit zu Kana. Auch die endet mit dem Satz: „Und seine Jünger vertrauten ihm“ (meist übersetzt: „... glaubten an ihn“). Das ist zuletzt der Zweck all dieser Texte: Dass seine Jünger - also wir - ihm vertrauen.

Klar, dass unter dieser Metapher (Leib ˜ Tempel) dem Leib eine besondere Würdigung widerfährt. Da haben keine Rindviecher oder Tauben Platz, kein Missbrauch des Bezirks: Jesu Leib ist geheiligt - er ist eines Wesens mit dem Vater (Konzil von Nizäa, 325 n.C.) -, und keine Profanisierung kann das widerrufen oder zerstören: Nicht die Auspeitschung unter Pilatus (Mt 27,26; auch hier die selbe Vokabel für die Peitsche!), nicht der schmachvolle Tod am Kreuz.

Paulus geht in seinem Korintherbrief noch einen Schritt weiter (wie natürlich Johannes in anderen Passagen auch ...): Der Metapher „Tempel Gottes ˜ Leib Jesu“ fügt er hinzu: „Ihr seid der Tempel Gottes“. Der Atem Gottes ist in uns. Ganz und gar! Das griechische Wort für Atem, oft auch mit Geist übersetzt, ist Pneuma (pneuma): Es taucht in unseren Schriften ganz anfänglich in der Septuaginta auf, als das Pneuma Gottes vor der Schöpfung über den Urgrund braust. Im Original ist es dort der (hebr.) Ruach, der tosende Atemsturm Gottes. Später begegnet es uns in der Pfingstgeschichte, als es da ein Brausen „wie von einem gewaltigen Sturm“ gibt (Apg 2,2). 

Das ist kein netter, abstrakter Geisthauch, der da in uns wohnt, keine psychotherapeutische Streicheleinheit, kein salbungsvoll-erbaulicher Seufzer, sondern eine gewaltige Urkraft, nur vergleichbar mit der zerstörerischen Gewalt des Feuers. Aber dieses Feuer zerstört höchstens die schlampig errichteten Teile unseres „Bauwerks Leib“, das Holz des Stolzes, das Heu der Oberflächlichkeiten, das Stroh der Eitelkeiten (und was dergleichen Bilder einem dazu einfallen können), nie aber zerstört es uns selbst, so sagt es Paulus in aller Deutlichkeit: Es ist ein Gang durchs Feuer, eine Läuterung, bei der alles Profane, alles, was nicht in der bedingungslosen Liebe Gottes gründet, verbrennt. Nur das bleibt stehen, was sich auf dem Fundament Christus gründet und diesem Feuer standhält (vgl. Dan 3,12-28).

Das Feuer selbst enthüllt die Wahrheit. „Erkennt ihr das nicht?“, fragt Paulus, „Der Tempel Gottes ist heilig, und der seid ihr!“. Meister Eckhardt hat das später ähnlich formuliert, freilich in mancherlei Hinsicht etwas ungeschickt, wie wir wissen: Jeder von uns ist Tempel Gottes, jeder von uns ist göttlich. Das ist sicher leicht missverständlich. Paulus formuliert es allerdings nicht ohne Absicht im Plural: Ihr seid der Tempel Gottes, und der ist heilig. Nicht: jeder Einzelne ist heilig, sondern die Gemeinschaft der Glaubenden, die Gemeinde ist heilig. 

Tempel Gottes - Leib Christi - Gemeinde.
Genau in diesem Kontext wollte Johannes XXIII seine Kirche verortet wissen. Und irgendwie war ihm das auch gelungen. Das hat viele von uns angesteckt, entzündet, damals. Dafür danken wir ihm heute besonders - in Wirklichkeit danken wir natürlich dem Atem-sturm Gottes, der ihn beflügelt hat und der immer dann, aber nicht nur dann unter uns ist, wenn wir miteinander beten und singen - wie jetzt. RUACH !

So soll es sein!


Fürbitten

Sei hier zugegen, Wort uns gegeben, dass ich Dich hören kann mit Herz und Sinn:
Weck Deine Kraft und komm uns befreien!

Wir bitten für die Entscheidungsträger der Kirchen:
Lass sie die Freiheit Deines Atems spüren,
dass sie nicht Recht und Gesetz mehr achten
als die Liebe und Barmherzigkeit,
wie Jesus sie gelehrt und gelebt hat.

Weck Deine Kraft und komm uns befreien!

Wir bitten für alle Christen, die ihre Heimat nicht mehr
In den verfassten Kirchen finden können:
Weise ihnen den Weg zu Dir,
zu Menschen, die auch nach Dir suchen,
zu Deinem Licht.

Weck Deine Kraft und komm uns befreien! 

Wir bitten für unsere Gemeinde:
Lass uns nie vergessen, dass wir Dein Tempel sind,
der Ort, wo die Toten leben,
Gemeinde, auf nichts anderes als auf Christus gegründet.

Weck Deine Kraft und komm uns befreien! 

Komm aus uns, Herr und Gott, geh mit uns, 
erfülle alle Orte, an denen wir uns bewegen, mit Deinem Licht.
Lass uns Deinen Namen in die Welt tragen.

So soll es sein.

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