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PREDIGT am 8. September 2002, St.Stephani in Bremen von: G. Müller-Fahrenholz
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PREDIGT am 8. September 2002, St.Stephani in Bremen (Offb. 22. 16 – 21)

(Pastor G.Müller-Fahrenholz in der Predigtreihe zu Texten der Offenbarung des Johannes anlässlich der Ausstellung der Bilder zur Apokalypse von Uwe Appold)



Liebe Gemeinde!

Von klein auf hörte ich es, das Tischgebet, das mein Vater sprach, oder meine Mutter, wenn er nicht da war:

„Komm, Herr Jesus, und sei unser Gast und segne,
was du uns bescheret hast.“

Dass hier etwas nicht ganz logisch war, wurde mir spätestens im Konfirmandenunterricht bewusst gemacht: Wie konnte der große Herr Jesus unser Gast sein? War es nicht umgekehrt?

Später lernte ich ein Tischgebet von Manfred Hausmann kennen und habe es seither oft vor Tisch benutzt. Darin heißt es:

„Wir sind in Dankbarkeit bei dir zu Gast.
Wie könnten wir vergessen,
dass du geschaffen und gesegnet hast,
was wir, O Herr, nun essen.“

Das ist schön und auch theologisch korrekter. Trotzdem: Es ist etwas in dem Tischgebet meiner Eltern, das aus ganz tiefen Quellen stammt. Da ich schon von Kindertagen rede, fällt mir auch ein Vorfall aus dem Alltag der dörflichen Volksschule ein. Mein Banknachbar Karl-Heinz war ein Störenfried ersten Ranges. Er konnte es nicht lassen, andere zu ärgern, besonders die Mädchen. Die verpetzten ihn dann auch prompt bei unserem Lehrer, Herrn Horstmann. Dann sagte er: „Komm, Bürschchen!“ Und wir alle wussten, was ihm drohte. Und er fing schon auf dem Weg nach vorne an zu schluchzen. Und der Lehrer griff nach dem Stock.

Was für eine Art von „KOMM“!

Als Student der Theologie habe ich gelernt, dass die ersten Christengemeinden, die Aramäisch sprachen, in ihren Gottesdiensten einen Ruf kannten: MARANA THA. Offenbar riefen sie dies bei ihrer Eucharistie-Feier: „Marana Tha“: „Komm, Herr Jesus“. Am Ende seines 1. Briefes an die Korinther setzt Paulus diesen Ruf. Ganz selbstverständlich. Die Korinther wussten offensichtlich, was er damit meinte. Und hier, am Ende der Offenbarung des Johannes, taucht er auch auf, nicht mehr in der ursprünglichen aramäischen Form, aber deutlich erkennbar: „Amen! Komm, Herr Jesus!“

Da ist es wieder. Das KOMM.

Ich weiß noch genau, dass ich mich innerlich gesträubt habe, früher, als ich noch jünger war, gegen dieses KOMM. Was bedeutete es anderes, als dass man um das Ende betete: Komm, Herr Jesus, das war doch die Bitte um sein Wiederkommen, um seine Erscheinung in den Wolken des Himmels zum großen und letzten Gericht? Also: Wenn man’s ernst meinte mit dem KOMM, dann rief man das Weltende und den jüngsten Tag herbei, den „Tag des Zorns“. Und ich wollte doch leben. Ich wollte Zeit. Ich war für die jüngsten Tag nicht bereit; denn mir war klar: Wenn das Gericht kommt, bist du nicht würdig. Niemals wirst du zur Schar der Erwählten gehören, die, wie es in der Offenbarung heißt, mit den weißen Gewändern der Unschuld vor dem Thron des Lammes stehen dürfen. Damals sah ich, wie ich jetzt erkenne, Jesus mehr im Schatten von Herrn Horstmann als im Licht des Evangeliums. Darum war da immer der Vorbehalt. „Komm, Herr Jesus, aber bitte nicht so bald!“

„Siehe, ich komme bald, und mit mir bringe ich den Lohn, und ich werde jedem geben, was seinem Werk entspricht. Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende.

Selig, wer sein Gewand wäscht: Er hat Anteil am Baum des Lebens, und er wird durch die Tore in die Stadt eintreten können. Draußen bleiben die ‘Hunde’ und die Zauberer, die Unzüchtigen und die Mörder, die Götzendiener und jeder, der die Lüge liebt und tut.

Ich, Jesus, habe meinen Engel gesandt als Zeugen für das, was die Gemeinden betrifft: Ich bin die Wurzel und der Stamm Davids, der strahlende Morgenstern.

Der Geist und die Braut sagen: KOMM! Wer hört, der rufe: KOMM! Wer durstig ist, der KOMME. Wer will, der empfange das Wasser des Lebens umsonst....

Er, der dies bezeugt, spricht: Ja, ich KOMME bald. - Amen. KOMM, Herr Jesus!

Die Gnade des Herrn Jesus sei mit allen!“

So lautet der Text, an dem sich meine Predigt heute orientieren soll.

Und es ist alles da, was bedrohlich und einschüchternd ist, jedenfalls auf den ersten Blick: Ich komme bald. Also seid auf der Hut! Ich bringe mit mir den Lohn, den jeder seinem Werk entsprechend bekommen wird. Was kann das anderes sein als der Lohn der Hölle; denn was sind unsere Werke wert?!

Selig, die ihr Gewand waschen, schneeweiß, Anteil am Baum des Lebens haben sie. Aber wie soll ich das wissen? Wenn ich mich anschaue: Ich gehöre zwar nicht zu den Zauberern und Mördern, aber doch zu den Nutznießern von Unrecht, zu den Komplizen mörderischer Verhältnisse. Und muss draußen bleiben. Der Baum des Lebens und die goldene Stadt - nichts für mich.

Aber dann steht da: Wer es nur will, der kann das Wasser des Lebens empfangen, ohne Werk, ohne Bezahlung, ganz und gar umsonst. Was ist das für eine Stimme? Was ist das für eine Alternative? Umsonst? Lebenswasser für den Durstigen? Lebendiges Wasser für alle, denen klar ist, dass sie am Verdursten sind?

Professor Klaus Berger aus Heidelberg war Anfang Juni hier und sprach über sein Verständnis der Offenbarung des Johannes. Ausführlicher behandelt er die Fragen in seinem Buch „Wie kommt das Ende der Welt?“ Wenn ich ihn richtig verstanden habe, dann meint er, wir sollten dieses letzte Buch der Bibel „mystisch-eschatologisch“ verstehen.

Mystisch und eschatologisch! Das sind auch wieder zwei so dicke Expertenworte. Was sollen wir mit ihnen anfangen?

Die Gemälde von Uwe Appold, die uns hier umgeben, haben mir eine Antwort vermittelt. Bei meiner Ansprache anlässlich der Vernissage habe ich das schon angedeutet. Wenn Sie zum Beispiel das Gemälde Nr. 13 anschauen und dabei den Text der Offenbarung vor Augen haben, dann sehen Sie die Gewalten, die den Frieden von der Erde nehmen, das entsetzliche Hauen und Stechen, Waffen, in Blut getaucht. So ist das: Krieg. Und wenn Sie genau hinschauen, dann steht da das Wörtchen „komm“, aber spiegelbildlich, als hätte es jemand - gleichsam von hinten - von der anderen Seite her -, in das Elend unserer Welt hineingeschrieben. „Komm“ - das ist eine Stimme, die von der Gegenwart einer Macht kündet, die jenseits aller kriegerischen Gewalt steht. So ist es auch in den Bildwerken 12, 14 und 15. Mitten in den sieben Siegeln, hinter denen das ganze Unglück einer gottfernen Welt in grellen und düsteren Farben auftaucht, findet sich diese Stimme: KOMM.

Auch in dem 39. Gemälde über das Neue Jerusalem, das wir hier leider nicht sehen konnten, (aber auf dem Plakat!) finden wir dieses „Komm“, spiegelbildlich hineingezeichnet in den großen Strom des Lebens, der das ganze Bild mächtig durchfließt: „Komm“, ruft da jemand. Das Wasser des Lebens. Wenn du durstig bist, hier ist es. Umsonst. Aber du musst ganz nahe herangehen, um dieses Wort zu erkennen. Du musst nach ihm suchen. Du musst gleichsam durch das Bild hindurchgehen, um es richtig herum lesen zu können: KOMM.

Was ich damit sagen will?

Sie können die Bilder von Appold distanziert betrachten. Sie sehen all das Stürzende und Fallende, das Bedrohliche und Gefährdete, das Düstere und Unbegreifliche - und Sie sagen: Das habe ich in den Zeitungen auch. In den Medien. Überall: Katastrophen, wohin das Auge blickt. Gewalt und Mord, von Tag zu Tag, Lügengespinste und Götzendienerei und Propaganda, so weit das Auge reicht. Das ist das Ende. In allen Anfängen ist schon das Ende. Die Klima-Fachleute sagen uns: Was in diesem Albtraumsommer in Europa und Asien geschehen ist, das wird die Regel sein. Und Sie sehen so viel Unglück und Elend, so viel Krampf und Weinen, und Sie sagen sich: Das ist der Lauf der Welt. Und ehe Sie es merken, ist Ihre Seele stumpf und leer geworden. Die Liebe wird in vielen erkalten, sagt Jesus.

So sieht das aus.

Das ist apokalyptisches Denken unter dem Druck der Verzweiflung. Anders gesagt: Das ist die endzeitliche Ausweglosigkeit, die nichts mehr sieht als Exitus und Schluss. Oder, abstrakter ausgedrückt: Geschichte ohne Transparenz.

Aber „eschatologisch“ ist das nicht. Denn eschatologisch ist so, dass Sie all das Elend sehen, all die Albträume empfinden und doch die Stimme hören, die Stimme des Geistes: KOMM! Die Stimme des Jesus, der sagt: Ich bin das Alpha und Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und Ende. Wenn Sie diese Stimme wahrnehmen, dann atmen Sie tief auf; denn Sie verstehen: Es gibt im Ende einen Anfang. Es gibt in dem Verstummen des Todes eine Stimme, die ruft: KOMM. Ich mache alles neu. „Eschatologisch“ im Sinne Christi heißt: Wir können selbst die letzten und die furchtbarsten Dinge im Licht des Auferstandenen sehen. Wir können den Tod im Licht des Lebendigen sehen, das Ende der Nacht im Licht des strahlenden Morgensterns. Es geht in der christlichen Eschatologie nicht um die „Endlösung“ der Geschichte, sondern vor allem darum: Ob wir uns von der lähmenden Faszination des Endes lösen und neue Anfänge für möglich halten.

Manche machen uns weis, wir befänden uns in „Zwängen“, politisch, ökonomisch, und ihnen müssten wir folgen. Das ist, im Geist Christi gedacht, nicht wahr. Jenseits der Zwänge gibt es die Befreiung.

Und „mystisch“?

Meine Frau und ich haben vor einiger Zeit mit tiefer Bewegung ein kleines Buch gelesen: The Education of Little Tree. Es ist darin von einem elternlosen Jungen aus dem Volk der Cherokesen die Rede, der bei seinen Großeltern aufwächst. Eines Nachts, in der frühen Dämmerung, wandert der Großvater mit dem Enkel hinauf auf einen hohen Berg. Und von dort oben beobachten die beiden, wie die Sonne über den fernen Hügelketten aufgeht. Und wie sie über die fernen Berge hüpft, sagt der Alte: „She’s coming alive!“

She’s coming alive. Die Sonne „kommt“ nicht. Und lebendig wird sie auch nicht. So spricht der wissenschaftliche Analytiker. Und doch kommt sie, so spricht das mystische Empfinden. Wer einen Sonnenaufgang miterlebt, spürt: Da wird etwas lebendig. Das ist mystisch. Eine besondere Art von Empfänglichkeit und Aufmerksamkeit. Sie sieht in den alltäglichen Ereignissen das Besondere, in dem Normalsten das Einzigartige. Es ist diese mystische Empfänglichkeit, die in dem Ende den Anfang vernimmt. Die das KOMM wahrnimmt, das durch die Geschichte zu uns spricht und von dem Lamm ausgeht, wie die Offenbarung sagt. Das heißt, es ist der mit uns leidende, für uns gestorbene Gottesknecht und Menschenbruder Jesus, dessen KOMM uns Trost verspricht: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken.“ (Mt. 11.28) Es ist das KOMM des Auferstandenen, der uns mitten in so vielen Gestalten des Todes Zukunft verspricht: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ ( Joh 8.12)

Mystisch-eschatologisch, sagt Berger. Mit den Worten des Tübinger Professor Jürgen Moltmann: „Im Ende der Anfang.“

Und doch ist das nicht so einfach, wie es klingt. An Appolds Bildern wird es deutlich: Ich muss ganz nahe herangehen, um das „KOMM“ zu erkennen. Um auf die Wirklichkeit zu kommen: Wenn ich versuche, auf Distanz zu gehen, höre ich auch das KOMM nicht. Um ein Beispiel zu nennen: Da sitzen die Herren Bush und Blair in Camp David beieinander und sprechen davon, dass man unbedingt Saddam Hussein loswerden müsse. Sie tun so, als sei dies eine chirurgische Operation.

Was mich umwirft, ist die Distanz. Das Ausblenden der Tatsache, dass Tausende, wenn nicht Hunderttausende ihr Leben werden lassen müssen. Unter ihnen viele irakische Christen. Sie haben offenbar keine Ahnung, dass auch in diesem Konflikt ein KOMM ist, Gottes Stimme in den Stimmen der Opfer. Und da sie sich blind und taub stellen, wird das KOMM zum Gericht.

Wie oft sind wir sterbensmatt, überwältigt von den Ausweglosigkeiten, in denen sich unsere Welt verfangen hat. Dann ist in unserer Seele nur noch stumme und stumpfe Mutlosigkeit. Dann fehlt uns das geheimnisvolle KOMM Gottes. Dann bleibt uns nur zu beten: KOMM, Herr Jesus! Sei wenigstens mein Gast, oder mehr noch, meine Nähe, mein heimliches Lebenszeichen.

Es gibt auch Zeiten, da sind wir zynisch. Dann genießen wir die Wohltaten, die uns das Leben bietet, und kümmern uns nicht um das „KOMM“, das durch die Verhältnisse zu uns spricht, die Stimme unseres Bruders Abel, in den Rufen der Armen, in den Stimmen unserer Enkel und Urenkel, die uns fragen: Mit welchem Recht habt ihr uns eine Welt hinterlassen, in der das Leben zur Hölle wird?

Dann müssen wir beten: Dein Reich KOMME, und mit deinem Reich komme Deine Kraft, die unseren Zynismus und unsere Blindheit öffnet. Zu uns komme Deine Com-Passion, die uns hilft, Dich zu sehen in den Leidenden.

Zu uns komme Deine Herrlichkeit, in allen, die sich immer wieder Deiner Liebe öffnen.

Dein Reich komme!

Oder wir rufen uns das kleine Gedicht der Hilde Domin in Erinnerung:

„Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.“

Marana Tha. Sagten die ersten Christen. Wir sprechen es leise, aber ohne zu zögern, nach:

Ja, KOMM, HERR JESUS.
So sei es!
Amen

Geiko Müller-Fahrenholz



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