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GOTTESDIENST IN DER STADTGEMEINDE AM 28. MÄRZ 2004 von: Geiko Müller-Fahrenholz
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GOTTESDIENST IN DER STADTGEMEINDE AM 28. MÄRZ, 2004
Geiko Müller-Fahrenholz
Thema: Die Passion Jesu Christi und die Entzauberung der Gewalt
Texte:
Jesaja 53
Johannesevangelium Kap 10, 11 – 18a

Einführung: 

Vor wenigen Tagen ist in unseren Kinos Mel Gibson: „Die Passion Christi“ angelaufen. 

Seit Wochen begleitet diesen Film in den USA eine erregte Diskussion, die nun auch bei uns geführt wird. Zwei Punkte stehen im Zentrum dieser Diskussionen: Der Verdacht des Antisemitismus und die Überbetonung der Gewalt. Offensichtlich werden die knappen Hinweise der Evangelien, dass Jesus vor seiner Kreuzigung gegeißelt worden sei und sein Kreuz selber habe tragen müssen, in einer so horrenden Weise ausgebreitet, dass Kritiker von Gewaltpornographie sprechen. 

Demgegenüber bejubeln viele, insbesondere konservative Gruppen, den Realismus dieser letzten zwölf Stunden im Leben Jesu und verweisen darauf, dass gerade die brutale Darstellung seiner Leiden die Größe seines Sühneopfers zum Ausdruck bringe. 

Als wir im Liturgiekreis bei der Vorbereitung dieses Gottesdienstes über diesen Film sprachen, stellten sich unliebsame Erinnerungen ein: Kindliche Erinnerungen an den Horror der Kreuzwegstationen zum Beispiel, an die grausige Verherrlichung des Leidens in vielen Märtyrerlegenden, an die überwältigend zahlreichen Darstellungen des Leidens Jesu in der christlichen Kunst. Gibsons Film scheint also in einer langen Geschichte der Verherrlichung des Leidens zu stehen. Da er sich als überzeugten Katholiken bezeichnet, stehen wir alle, als katholische oder evangelische Christenmenschen, vor der Frage: 

Wie halten wir es mit dem Leiden Christi?

Enthalten die Zeugnisse von seinem Leiden und Sterben eine sadistische Verzückung der Gewalt? Oder verhält es sich gerade umgekehrt? So dass die Leidensgeschichte Jesu die Entzauberung der Gewalt und ihre radikale Kritik bedeuten? Es ist also ein schweres, vielfach belastetes Thema, dem wir uns in diesem Gottesdienst zuwenden. Umso bedeutsamer und selbstverständlicher ist es, dass wir diese Stunde im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes beginnen. 

GEBET:

Christus, deine Passion wollen wir bedenken. Wir erinnern uns an die Leidenschaft, mit der du dich den Menschen zugewandt hast, besonders denen, die in Not waren, um die Nähe und den Glanz deines Reiches offenbar zu machen. Schenke auch uns einen Abglanz dieses Glanzes, mach uns deiner Nähe gewiss. Und befreie uns von der Apathie, mit der wir uns deiner Passion für diese Welt verschließen und verweigern. Gib uns ein heißes Herz und einen wachen Geist. Herr, unser Gott, Erbarme dich unser! 

Amen

PREDIGT 

Liebe Mitchristen!

Ich habe mich mit den zwei bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts verbündet, um gegen eine schier übermächtige Tradition im christlichen Passionsverständnis anzugehen: Mit Karl Barth und Karl Rahner. 

Der evangelische Theologe Karl Barth hat einmal vorgeschlagen, wir sollten in dem altbekannten Glaubensbekenntnis der Christenheit, dem Apostolicum, ein kleines Komma versetzen. Dort heißt es: „.. Gelitten unter Pontius Pilatus ( Komma), gekreuzigt, gestorben und begraben.. Sein Vorschlag lautet, das Komma um drei Worte nach vorne zu rücken. Dann würde es heißen: : ...Gelitten (Komma), unter Pontius Pilatus gekreuzigt, gestorben und begraben.“ 

Warum das? 

Weil er schon vorher gelitten hat, meinte Karl Barth, nicht erst in den letzten Stunden seines Lebens. 

Weil seine Passion in dem Augenblick begonnen hat, als er sich seiner Sendung bewusst wurde. Als er anfing, die Kranken zu heilen, die Ausgestoßenen aufzusuchen, die Verleumdungen zu ertragen, die Last einer unerlösten Welt zu seiner Sache zu machen, da begann die Geschichte seiner Leidenschaft für die Welt und damit auch die Geschichte seines Leidens. 

Die englische Sprache stellt eine Verbindung her, die im Deutschen verflacht ist: „Passion“ und „Compassion“, Leiden und Mit-Leiden gehören zusammen. Dafür haben wir in der deutschen Sprache die wunderbare Nähe von Leidenschaft und Leiden. Sie macht deutlich: Leidenschaft schafft Leiden. Was unsere höchste Freude ist, ist zumeist auch unser tiefstes Leid. Karl Barth stellt einen Zusammenhang her, den der christliche Glaube schon früh verloren hat. 

Die Leidensgeschichte im engeren Sinn, während der letzten Stunden im Leben Jesu, erhielt eine besondere Heilsqualität. Das Glaubensbekenntnis spiegelt es wider: Gelitten unter Pontius Pilatus. So als seien die Jahre davor lediglich so etwas wie ein Präludium gewesen, eine ungefährlicher Spaziergang durch die Dörfer Galiläas. Dabei hat Jesus schon lange vorher die Verbindung hergestellt: Der Menschensohn muss leiden, hatte er mehrfach betont. So ist es einfach: Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Wie Johannes sagt. Wenn sie in Gefahr geraten – und die Schafe, von denen er spricht, sind wir, immer gefährdet, immer schon auf Irrwegen – dann riskiert er sein Leben, um sie zu retten. Das ist ein messianisches Muss, eine Unausweichlichkeit, die Jesus auf sich zukommen sah, als er den Versuchungen des Teufels in der Wüste widerstand und die Nähe des Reiches Gottes zu leben begann. Die falschen Hirten machen sich davon, wenn es hart auf hart kommt. Die steigen vom Kreuz herab, wenn es brenzlig wird. Wie an den Jüngern zu sehen war. Sie verließen ihn alle und flohen. Trotzdem, wir sollten die Jünger nicht vorschnell verurteilen. ( Nicht nur, weil wir mit ihnen auch uns verurteilen müssten.) Sie finden es schwer zu begreifen, weil sie es nicht begreifen wollen. Nämlich dass die Sache mit Gott eine Sache auf Leben und Tod ist. Sie wollten es billiger haben. Auch das sieht uns ähnlich.. 

„Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben, begraben.“ In und unter diesen lakonisch knappen Hinweisen verrät sich das ganze Grauen, das diesen brutalen Tod umgibt. Die Evangelien sind da sehr zurückhaltend in der Schilderung der Leiden. Sie sind, wenn ich das so sagen darf, geradezu keusch in der Darstellung. Aber hinter den kargen Sätzen lauert der Horror. Die Geißelung, die Verspottung, die Dornenkrone. Und was das Allerschlimmste, das Allerbeschämendste war: Dass er da nackt am Kreuz hing, Stunden lang, in der Mittagshitze von Jerusalem. Die christliche Kunst hat sehr schnell einen Schleier über diese extreme Beschämung gelegt, indem sie den Gekreuzigten wenigstens mit einem Lendentuch ausstaffierte. Aber nicht einmal das ließen die römischen Soldaten den Männern, die sie kreuzigten. Denn es war Teil der Vernichtung, die zum römischen Bestrafungsritual für politische Aufrührer gehörte, die Opfer zu entblößen, damit auch nicht die Spur von menschlicher Würde an ihnen blieb. ( Übrigens: Diese Art von Radikalität lässt freilich auch Gibsons Leidensspektakel vermissen.) Warum musste der Menschensohn und Menschenfreund so grauenhaft sterben? 

Kein Wunder, dass diese Frage von Anfang an die Herzen der Gefolgsleute Jesu beschäftigt hat. Mit den Bildern des Grauens im Herzen lasen und hörten sie die Schrift und suchten dort Hinweise, das Unerhörte zu begreifen. So stießen sie zum Beispiel auf das alte Lied aus dem Buch des Propheten Jesaja, das von einem merkwürdigen Gottesknecht spricht: Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen. So verachtet und beschämt, dass wir unser Angesicht vor ihm verbargen. Wir dachten, er sei von Gott geschlagen und gemartert worden. Aber er ist um unserer Missetat willen gefoltert worden. Unsere Schmerzen hat er auf sich genommen. Durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir hatten uns alle verirrt, wie Schafe, aber der Herr warf unsere Sünde auf ihn. Im Licht der Kreuzigung Jesu schienen diese alten Worte auf einmal klar und eindeutig zu werden. In dem Gottesknecht erkannten sie den Gottessohn. Die dunklen Verse halfen ihnen, dem Entsetzlichen einen Sinn zu geben. Sie machten das messianische Muss begreiflich. Gott selber hatte es so gewollt. Aber genau hier begann auch die Verzerrung. Hatte Gott dies Leiden gewollt, diesen elenden Tod? Hatte er die Peitschenhiebe, die Dornen, die Entblößung, den entsetzlichen Tod gewollt? Und warum? Aus Ohnmacht? Doch wohl nicht! Aus Zorn? Weil nur das höchste Opfer, das Opfer des eigenen Sohnes als Buße und Genugtuung für die Sünde der Menschen gelten konnte? 

Spätestens seit Anselm von Canterbury hat sich diese Lesart im Abendland ausgebreitet. In abertausend Variationen durchdringt sie die christliche Kunst und Dichtung. Denken Sie an den Isenheimer Altar. An den überlangen Finger, mit dem Johannes der Täufer auf den gemarterten Mann am Kreuz zeigt. „Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt“. Oder die vielen Choräle zur Passion: „Du großer Schmerzensmann, vom Vater so geschlagen, Herr Jesu, dir sei Dank für alle deine Plagen: für deine Seelenangst, für deine Band und Not, für deine Geißelung, für deinen bittern Tod. Ach, das hat unsre Sünd und Missetat verschuldet…“ so dichtete der schlesische Pfarrer und Dichter Adam Thebesius. Er ist nur einer von vielen. Vor kurzem schrieb eine Leserin an den Weser-Kurier: „Gab es wirklich keine andere Möglichkeit des Allmächtige Gott, seinen Sohn zu opfern, um die Erbsünde der Menschheit zu tilgen?“ 

Auch in diesem ratlosen Satz verrät sich der Horror, dass im Mittelpunkt des christlichen Glaubens dieses schreckliche Kreuzeszeichen steht. Ein Hindu, so wurde mir erzählt, betrat zum ersten Mal in seinem Leben eine Kirche und stand konsterniert vor dem überlebensgroßen Kreuz mit dem Gekreuzigten daran, das über dem Altar hängt. „Das soll euer Gott sein?!“ rief er entsetzt. „Wie könnt ihr etwas so Entsetzliches in das Zentrum eures Tempels rücken?“ Ja, warum tun wir das? Doch nicht, weil wir ein perverses Vergnügen an den Bildern eines gefolterten und gekreuzigten Menschen hätten. Sondern deshalb, weil dieser Tod uns erkennen lässt, welche Art von Liebe in diesem Jesus von Nazareth lebendig war. Und welch ein Gott in dieser Liebe zur Welt kommt. Diese Passion ist die logische Folge seiner Com-Passion. Diese Liebe lässt sich über die Grenze dessen, was Menschen zugemutet werden darf, hinausdrängen. Und bleibt doch Liebe. Es ist nicht das demütig-stumme Opferlamm, das dort stirbt, sondern der sich selbst aufopfernde Hirte, der den Tod riskiert. Das Kreuz ist also für uns das unmissverständliche Symbol dafür, dass das wirklich wahr ist, was der alte Name für Jesus besagt: EMMANUEL, Gott mit uns. Und zwar immer und überall, auch im tiefsten Leiden, auch in dem Gefühl äußerster Gottverlassenheit. Deshalb ist es für mich ein sadistisches Missverständnis, wenn die Leiden dieses „Gottmituns“ mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln ausgemalt und dargestellt werden. Darauf kommt es nicht an. 

Wenn Gottes leidenschaftliche Liebe im Mittelpunkt steht, dann führt sie zur Entzauberung aller Gewalt. Weil dieser Eine auch diese brutale Gewalt an sich heran gelassen hat, sind alle Verknüpfungen von Gottesdienst und Gewalt, alle Sühnopfertheorien und –praktiken am Ende. Deshalb ist es auch ein Widersinn, die Leiden des Schmerzensmannes dadurch zu imitieren, dass man sich selbst geißelt. Die Folterqualen, von denen so viele Heiligenlegenden überquellen, sind für mich nicht nur peinlich, sondern ein Verrat am Kern der Christusbotschaft. Da halte ich es lieber mit dem Propheten Micha, wenn er sagt: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig wandeln vor deinem Gott.“ ( 6.8) Was ja nichts anderes bedeutet, als beherzt und dankbar in den Ordnungen Gottes zu leben, die Schwachen zu schützen, barmherzig mit den Mitmenschen umzugehen, immer wieder Liebe zu üben, weil diese sich nicht einfach lernen lässt. 

Wenn es dann in Extremfällen zum Martyrium kommen sollte, dann möge Gott uns die Kraft geben, sie durchzustehen. Aber es ist nichts Glamouröses in der Folter, nichts, was zu Verzückung Anlass gäbe. Die Leidensmystik eines Johannes vom Kreuz ist mir zutiefst suspekt. Nicht zuletzt deshalb, weil ich während meiner Zeit in Costa Rica den politischen Missbrauch solcher Leidensverherrlichung kennen gelernt habe. Den Unterdrückten wurde dieser Schmerzensmann vor die Augen gehalten mit der Botschaft: Eure Leiden machen euch seiner Leiden teilhaftig. Er, der Gottessohn, hat soviel Schmerzen auf sich genommen, und ihr wollt eure nicht willig auf euch nehmen. Seid ihr so kleingläubig? Eben solches ist auch über viele Jahre den Frauen gepredigt worden. So sollten sie sich unter ihr Schicksal beugen. Lerne leiden, ohne zu klagen, hieß es dann wohl gerne. Das ist deine Form der Nachfolge dessen, der vor seinen Peinigern verstummte. 

Diese Hermeneutik der Unterdrückung mit den Mitteln der Leidensgeschichte Jesu geht für mich stracks gegen ihren inneren Sinn. Darum war ich dankbar, als Herr Schweppe bei unserer Vorbereitung im Liturgiekreis Karl Rahner ins Spiel brachte, der gesagt hat – ich zitiere aus dem Kopf: „Und wenn Jesus in einem Spital an Lungenentzündung gestorben wäre, so wäre er immer noch mein Erlöser“. Will sagen: Es kommt nicht auf die Grässlichkeit des Leidens an, damit Jesus mir die Com-Passion Gottes offenbar macht. Es kommt auch nicht auf die superheldische Belastbarkeit des Leidenden an, so als wäre Jesus nur mein Erlöser, weil er besonders viel gelitten hat. 

Wer die Texte an sich heranlässt, kommt an den Kern des Grauens, nämlich dass Jesus offenbar am Kreuz verzweifelt ist und sich sogar von Gott verlassen fühlte. Er ist für uns also nicht der stoische Held, der alles erträgt, sondern der „Bruder im Leiden“, der alle Abgründe, in die wir geraten können, am eigenen Leib erfahren hat. Lassen Sie mich noch eines anschließen: „Er war so verachtet, dass man sein Angesicht vor ihm verbarg.“ heißt es in dem Lied vom Gottesknecht. 

Ich verstehe das so: Es gibt Situationen, in denen ein anderer Mensch so beschämt wird, dass man es nicht mit ansehen kann. Warum? Weil in der Beschämung eines anderen Menschen auch das eigene Bild des Menschen beschämt und besudelt wird. Ich habe den Eindruck, dass in vielen Medien, Videos und Filmen, auch in der Werbung, auch im Theater, auch im Theater, das in der Kirche spielt, die Entblößung von Männern, vor allem aber die Entblößung von Frauen, in einem Unfang in Mode gekommen ist, die uns alle zu Voyeuren macht. Anders gesagt: Ich plädiere für die Wiedergewinnung der Scham. Ich glaube, es gehört zu unserer Menschenwürde, dass unsere Schamgrenzen respektiert werden. Dazu gehört auch der Respekt vor unserer Nacktheit, sowohl in körperlicher wie in seelischer Hinsicht. „Du sollst nicht entblößen!“, das ist für mich so etwas wie ein Gebot. Und ich leite es ab von dem, was mit Jesus am Kreuz geschah. Die totale Entblößung, Verachtung und Entmenschlichung, die er durchlitt, radikalisiert in mir den Widerstand gegen Entblößung, Verachtung und Entmenschlichung, der Männer und Frauen und Kinder ausgeliefert werden. Und zwar in jeder Form, egal ob sie in der Wirtschaft, am Arbeitsplatz, in der Schule, im Altersheim, im Sport oder in der Unterhaltungsindustrie geschieht. 

Aus dem Entsetzen über alles, was man ihm angetan hat, folgt der Widerstand gegen alle Instanzen und Personen, die ihre Macht dazu benutzen, andere ihrer Menschlichkeit zu berauben. Aus dem Entsetzen über die Gewalt, der er ausgeliefert war, ergibt sich der Protest gegen alle Gewalt, die Menschen angetan wird, und noch viel mehr der Protest gegen alle Formen von Gewaltlust und Gewaltverherrlichung. „Das hat er alles uns getan, sein groß Lieb zu zeigen an“, heißt es in einem Weihnachtslied, das freilich auch angesichts der Passion gilt. Dieses „für uns“ richtig zu verstehen, darauf kommt alles an. Ich glaube nicht, dass dieses Leiden ein Sühneopfer zur Besänftigung des göttlichen Zornes ist. Vielmehr glaube ich, dass dieses Leiden die Offenbarung der göttlichen Liebe ist, die auch an der Todesgrenze und in Todeserfahrungen Bestand hat. Und darum glaube ich auch nicht, dass wir in unseren Gottesdiensten ein solches Sühneopfer erinnernd zu wiederholen hätten. 

Vielmehr sind unsere Gottesdienste der Ort, in dem wir uns erinnernd dieser Liebe vergewissern, die größer ist als alle Vernunft. Und ich glaube, dass wir in unserem alltäglichen Leben dafür geradestehen sollen, dass wir diese Liebe „üben“, wie es bei dem Propheten Micha schon anklingt. Üben, das heißt, immer wieder durchbuchstabieren, experimentell erweitern, zur Gewohnheit werden lassen. Und warum? Nicht damit wir Gott werden, sondern damit wir Menschen bleiben und das Antlitz des Humanen bewahren, welches überall misshandelt und besudelt wird. Also keine Imitation Christi. Sondern schlichter: Nachfolge Christi. Er hat den Weg durch Tod und Verlassenheit gebahnt, wir müssen ihn nicht neu erfinden. Um es mit einem Osterlied von Paul Gerhardt zu sagen – und nur im Licht der Auferstehung verstehen wir die Passionsgeschichten recht : 

"Ich hang und bleib auch hangen 

an Christus als ein Glied.

Wo mein Haupt durch ist gangen, 

da nimmt er mich auch mit. 

Er reißet durch den Tod, 

durch Welt, durch Sünd, durch Not, 

er reißet durch die Höll, 

ich bin stets sein Gesell." 

Amen 

Gott, 

du Freund der Menschen, Wir denken vor dir an die Menschen, die in Not sind. An die Kinder, die ohne Liebe aufwachsen, ohne Selbstvertrauen, ohne Hoffnung. An die Kinder, die geschlagen werden, die nichts anderes erfahren als Gewalt und Entsetzen. Die zu Attentätern verführt, als Kindersoldaten ins Feuer geschickt werden. Laß uns nicht müde werden, diesem Verbrechen zu widerstehen. Und wo wir können, lass uns dazu beitragen, dass Kinder eine menschenwürdige Welt erfahren, um sich selber menschenwürdig entwickeln zu können. 

Herr, erbarme dich! 

Wir denken vor dir an die Menschen, die unter der wirtschaftlichen Gewalt und dem Terror kriegerischer Verhältnisse leiden, die von der Hand in den Mund leben müssen und ihres Lebens nicht froh werden können. Lass uns nicht müde werden, diesem Missbrauch der Güter der Erde zu widerstehen. Gib uns den langen Atem, um die Apathie zu überwinden, die diese Verhältnisse als unvermeidbares Schicksal anzusehen lehrt. 

Herr, erbarme dich! 

Wir denken vor dir an die Menschen, die täglich und stündlich körperlichen und seelischen Leiden ausgeliefert sind, die der Schmerz mürbe und bitter gemacht hat, an alle, denen das Leben eine einzige Last geworden ist. Lass uns nicht müde werden, mit diesen Qualen einen faulen Frieden zu machen, sondern gib uns die Phantasie und den Mut, in die Einsamkeit solchen Leidens hineinzugehen, soweit wir das können. Sei uns nahe, bleib uns nahe, wenn die Last des Leidens über uns kommt, die Bitterkeit der Enttäuschungen, die Qualen der vergeblichen Mühen, die letzte Ausweglosigkeit des Todes. Komm uns entgegen! Bleib uns nahe! Erscheine uns, wie du immer warst, als der Bruder im Leiden, als der Tröster, wo keiner mehr trösten kann.

Herr, erbarme dich!

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