Liebe Schwestern und Brüder in Christus !
Bevor wir die einzelnen Artikel oder Sätze des Glaubensbekenntnisses nach und nach meditieren und öffnen, müssen wir dem Ganzen eine Überlegung vorausschicken: Warum eigentlich Glaubensbekenntnisse? Warum reicht es nicht, dass wir aus der Hl. Schrift Texte lesen und daraus unseren Glauben nähren?
Wie kommt es, dass Menschen - nicht erst der Kirche, sondern schon im Alten Testament - das Bedürfnis hatten, eine Kurzfassung ihrer wichtigen Glaubenserfahrungen uns bis heute mitzugeben?
Sie wissen: den Juden ist die Paschah-Nacht die entscheidende Nacht ihres Glaubens, und wenn sie Paschah feiern, ist im Ritus, im Familienritus enthalten, dass das jüngste Mitglied der Familie aufsteht und dem Vater, dem Leiter der Familienfeier, die Frage stellt, was denn diese Nacht bedeute. Dann erzählt der Vorsteher der Familienfeier, was in jener Nacht geschehen ist.
Wir haben heute einen Text aus dem Buch Deuteronomium, dem 5.Buch Mose, gehört: Ein anderer Anlass, wenn das Erntedankfest gefeiert wird, dann soll man die Gaben vor das Angesicht Gottes bringen, dann soll man den Text sprechen, den wir heute gehört haben: In wenigen Sätzen eine Skizze des Heilsgeschehens.
Während nun das Glaubensbekenntnis in der Pluralform gesprochen wird, wechselt der Text plötzlich, indem der die Gaben Bringende sagt: „Und siehe, nun bringe Ich hier die ersten Erträge von den Früchten". Er will damit dokumentieren: Mein Kommen ist nicht das Erste, sondern vorausgeht das befreiende Handeln Gottes.
Er, unser Gott, hat mit starker Hand und mächtigem Arm uns aus dem Sklavenhaus Ägypten herausgeführt. Dies muss in ewiger Erinnerung bleiben. Und weil Gott sich so gezeigt hat, der befreiende Gott, muss das in meine Lebenspraxis übergehen. Darum der entscheidende Schlusssatz: „Wenn du all die Gaben vor das Angesicht Gottes gestellt hast, dann verteile an die Armen, die Witwen und Waisen, was Gott dir an reichen Gaben geschenkt hat". Es muss also der Glaube, die Orthodoxie, übergehen in die „Ortho-Praxis". Ich muss also auch so handeln, wie Gott gehandelt hat.
Der Sinn also des Glaubensbekenntnisses ist, dass ich im Angesicht Gottes, in wichtigen Stunden, in der Paschahnacht, oder beim Schenken der ersten Gaben der Ernte, mir bewusst bin: Ich stehe in einem großen Zusammenhang des Schenkens und Gebens.
Gott ist der Schenkende, der Gebende, und nun werde ich, indem ich das feierlich bekenne, selbst zu einem Schenkenden und Gebenden.
Gott hat mit starker Hand uns damals herausgeführt, als wir elende Sklaven waren. Nun muss ich einen Blick haben für den Menschen, der in Not und Elend ist.
Wenn wir jetzt, vom Alten Testament kommend, ins Neue hineinschauen, dann stellen wir fest, dass längst bevor ein Glaubensbekenntnis in dem Sinn formuliert worden ist, wie wir es heute im Gottesdienst sprechen, bereits erste, kurze, knappe Bekenntnissätze unter den Christen üblich wurden. Auch der Christ, der sich anschickte, durch Katechumenen-Unterricht hineinzuwachsen in den Glauben, brauchte „Kurzformulierungen".
Paulus schreibt im Römerbrief (10, 9):
„Wenn du mit deinem Mund bekennst, Jesus ist der Herr, und in deinem Herzen glaubst, Gott hat ihn von den Toten auferweckt, so wirst du gerettet werden" - also eine Kurzformulierung dessen, was dem Christen, was den ersten Christen, was Paulus wichtig war, was sie in ihrem Gedächtnis speichern: Jesus Christus ist der Herr, der uns aus dem Tod rettet.
An einer anderen Stelle, im ersten Korintherbrief (8,6), heißt es:
„So haben wir doch nur einen Gott, den Vater. Von ihm stammt alles, und wir leben auf ihn hin. Und einer ist der Herr, Jesus Christus. Durch ihn ist alles und wir sind durch ihn."
Das ist bereits eine weitere Stufe: Es wird der Schöpfergott erwähnt und das Geschehen mit und in Christus mit ihm verbunden. Da kommen schon die ersten Stufen des Glaubensbekenntnisses, wie es später ausführlich formuliert worden ist. Und noch ein Stück weiter im ersten Korintherbrief (12, 4-6) heißt es: „Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist. Es gibt verschiedene Dienste, aber nur den einen Herrn. Es gibt verschiedene Kräfte, die wirken, aber nur den einen Gott.
Da ist also bereits die trinitarische Formel »GEIST - HERR - GOTT ˜ der eine Gott«.
Wir sehen also, dass schon früh in der Christenheit so etwas gewachsen ist wie die Vorstufen des Glaubensbekenntnisses. Sie sind also, wie wir sie heute im Text haben durch Jahrhunderte hindurch, durch Reflexion der Christen über ihren Glauben, gewachsen.
Wir haben heute zwei Glaubensbekenntnisse, die alternativ in den Gottesdiensten Verwendung finden: Das sog. „Apostolische Glaubensbekenntnis", das natürlich nicht von den Aposteln kommt: Es ist eine irrige Vorstellung zu meinen, diese ausgereifte Stufe des Bekennens wäre bereits bei den Aposteln so ausformuliert worden. Was ich von Paulus vorgelesen habe, stammt aus der Zeit 50/60 n.Chr.. Das Apostolische Glaubensbekenntnis hat Jahrhunderte gebraucht. Man sagt, dass erst im 8.Jahrhundert der Text vorliegt, wie wir ihn in unserem Glaubensbekenntnis sprechen.
Dieser Text hat eine große Kostbarkeit in sich, denn er wird von allen christlichen Kirchen akzeptiert, die in der Ökumene zusammen sind. Darum darf man über diesen Text nicht hinweggehen. Er ist mit dem Vater Unser fast der einzige Text, den wir alle gleich haben - bis auf den einen Punkt, wo es um die Kirche geht. Da haben die katholischen Christen die Formulierung, dass sie „an die katholische Kirche" glauben, und die evangelischen Christen hören bei „katholisch" das Konfessionalistische mit und haben Formulierungen wie die „allgemein-christliche Kirche" oder so etwas.
Darum ringen wir ja heute noch. Das Kirchenbild trennt uns ja letztlich noch.
Aber wir sollen einen solchen kostbaren Text nicht zu gering achten. Er gibt uns die Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen.
Das „Nizäno-konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis" ist der länger ausgeführte Text, der in verschiedenen Konzilien nach und nach Form gefunden hat. 325 n.Chr. auf dem Konzil von Nizäa, hat man in der damaligen Zeit eine Antwort gesucht: Wer ist uns denn Jesus Christus? Wie steht er zum Vater im Himmel? Ist er nur Gott ähnlich oder ist er Gott gleich? Diese Frage hat damals die Christenheit schwer beschäftigt - bis zu Handgreiflichkeiten hin hat man gerungen um diese Frage: Wer ist uns dieser Jesus Christus?
Und da kommt es eben zu der Formulierung, die wir im Großen Glaubensbekenntnis, wie wir sagen, so in dem Text haben: „Jesus Christus, aus dem Wesen des Vaters, Gott aus Gott, Licht aus Licht, wirklicher Gott, gezeugt, nicht geschaffen, wesenseins mit dem Vater".
Da hat man all die Stichworte drin, die damals in der Diskussion waren. Wir werden ja noch eigens darüber zu reden haben, heute soll ja nichts anderes gesagt werden, als dass wir zunächst einmal wissen müssen: Glaubensbekenntnisse sind immer gewachsen im Gespräch mit der jeweils damals lebenden Gemeinde. Sie spiegeln die Problemlage von damals wieder.
Im konstantinopolitanischen Konzil hat man noch einen weiteren Schritt vollzogen: In Jesus Christus ist der unter uns gegenwärtig, der zugleich auch ganz Mensch gewesen ist. Es kippte in der damaligen Zeit zwischen zwei Extremen hin und her:
- die eine Gruppe hat Christus so erhöht, dass sie ihn nur noch in der göttlichen Gloriole sah,
- eine andere Gruppe hat gesagt: „Er ist Mensch wie wir alle".
Und das nun miteinander zusammenzubringen, das ist die sog. „Zwei-Naturen-Lehre", die in diesen beiden Konzilien und in Chalzedon verhandelt wurde, dem 3.Konzil, das dann 451 n.Chr. noch einmal diese christologischen Lehren zusammenfasste.
So finden wir in unserem Glaubensbekenntnis die eigenartige Tatsache, dass viel reflektiert wird über das Wesen Jesu Christi, und dass eigentlich vom Tun Jesu Christi nicht die Rede ist. Wir vermissen heute, dass in einem Glaubensbekenntnis, so ähnlich wie wir das im Alten Testament gesehen haben, das Heilshandeln (Gottes) in unser Bekennen hinein kommt. Wir wünschten uns heute stärker, dass man das heilende Tun Jesu mit einbringt in das Glaubensbekenntnis. Aber die damalige Zeit dachte statisch: Vom Platonismus her hat man die „Idee" dessen ins Blickfeld genommen, was Gott uns in Jesus Christus geschenkt hat. Das ist ein anderer Denkansatz und viele Schwierigkeiten, die wir heute im unmittelbaren Hören unseres Glaubensbekenntnisses haben, kommen daher, dass wir nicht mehr statisch denken sondern dynamisch. Und das finden wir im Buch Deuteronomium vorbildlich ausgedrückt.
Wir müssen also sicher darauf achten, dass unser Glaube nicht nur ein Aufsagen eines Glaubensbekenntnisses ist, das einmal Christen in ihrer damaligen Situation als befreienden Text empfunden haben. Da war das ausgedrückt, was sie geglaubt und gehofft haben.
Und das sehen Sie auch, wenn Sie Ikonen anschauen, östliche Ikonen, da ist genau das Nizäno-konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis für immer ins Bild gebracht: Das ist genau das Denken dieses Großen Glaubensbekenntnisses. Es ist auch in Griechisch abgefasst im Urtext, kommt ganz aus dem Denken der östlichen Theologie. Das ist heute eine große Schwierigkeit der Ökumene: Weil nämlich die westliche Christenheit dynamisch denkt, haben wir große Schwierigkeiten mit dem Denken der Orthodoxie, die eigentlich stehen geblieben ist im damaligen Denken und uns darum vorwirft, dass wir mehr auf Aktionismus eingestellt sind.
Die Heilige Liturgie, wie sie im Osten gefeiert wird, ist ein Eintauchen in die Herrlichkeit Gottes. Das wird ganz statisch empfunden, Und wer einmal eine orientalische Liturgie mitgefeiert hat, der wird das ahnen, verstehen, dass diese Menschen anders auf das Christus-Geheimnis schauen als wir. .
Aber dieser Text ist der einzige Text, der uns bis heute auch mit der Orthodoxie verbindet. Nur dieser Text kann uns im ökumenischen Gespräch zwischen uns und der Orthodoxie weiterhelfen. - Als dann die Lateiner aus dem Griechischen die Glaubensbekenntnisse ins Lateinische übersetzten, gebrauchten sie das Wort Symbolon oder Symbolum fidei, also „Glaubens-Symbol". Da fragt man sich, was das bedeuten soll! Da steckt das griechische Wort „symbalein" (sumbalein) drin, und ich finde das eigentlich einen recht hilfreichen Gedanken. Die Menschen, die dieses Wort damals gebrauchten, hatten die Vorstellung, modern ausgedrückt: Wenn ich Licht anmache, betätige ich einen Schalter und bewirke, dass der Lichtstrom hineingehen kann, damit uns hier Licht geschenkt wird. Das Vorstellungsbild ist, wenn jemand getauft wird, dann fängt bei ihm nicht die Heilsgeschichte an, sondern indem er das Symbolum fidei ausspricht, schaltet er sich in die Heilsgeschichte der Vorväter im Glauben ein.
Dies ist das Bild, dass keiner von uns sozusagen seinen Glauben subjektiv neu erfindet und projektiert, sondern wir müssen immer unseren eigenen Glauben in den größeren Zusammenhang einbringen, der schon formuliert wurde in früheren Zeiten
Und darum wird bei entscheidenden kirchlichen Gottesdiensten - in der Osternacht; wenn einer zum Priester geweiht wird; bei der Erstkommunion; bei der Firmung - das Glaubensbekenntnis oft in der Frageform benützt, wo wir dann antworten: Ich glaube/wir glauben - ich schalte mich wieder ein mit meinem Glauben in den Glauben, den unsere Vorväter und Vormütter formuliert haben. Und darum können wir an diesen Texten nicht vorbei gehen.
Wir haben da dieselbe Aufgabe, wie wir sie auch bei der Schrifterklärung haben:
Die Hl. Schrift ist vor Jahrtausenden entstanden, in einer uns ganz fremden Welt. Wir haben aber das zu übersetzen, was damals gesagt wurde in Gottes Anfrage an uns heute. Und dasselbe müssen wir mit den alten Bekenntnistexten tun. Darum finde ich es sehr vernünftig, dass wir das einmal versuchen: Ein ganzes Jahr lang mit den Formulierungen, die einmal das Herzblut unserer Vorfahren gekostet haben.
Es sind ja viele gestorben sogar, Märtyrer gibt es, die wegen dieser formulierten Sätze in den Tod gegangen sind. Viele Kirchenspaltungen kommen ja daher, weil man überzeugt war: Das ist unser Glaube - zu dem stehen wir.
Und da müssen wir die Geduld haben abzuklopfen, was damals die Menschen bewegte, und: Wie kann uns das heute bewegen? Welche Akzente müssen wir noch dazu wählen?
Und am Ende werden wir wahrscheinlich auch mal den Versuch machen (manche haben es schon getan), so ein Glaubensbekenntnis zu formulieren nach unserem Empfinden. Wo wir die Elemente mit hineinholen von dem, was wir ererbt haben, was uns die traditio, die Tradition im Glauben mitgegeben hat. Wir müssen sie fortschreiben in unsere Zeit hinein. Und das ist immer die Aufgabe der christlichen Gemeinde: Dass sie nicht nur abstaubt, was gewesen ist, sondern lebendig macht.
Das ist ein sehr spannender Prozess, ein uns fordernder Prozess. Und diese Spannung aushalten, was alles in der Christenheit schon einmal möglich war und was Menschen bewegt hat; da wird man sein eigenes Denken auch ein bisschen relativieren. Es kommt immer darauf an, dass wir staunend davor stehen, wie Gott immer neue Sprachen wählt - Sprachen: schon allein vom Hebräischen zum Griechischen, dann zum Lateinischen und nun in unsere deutsche Sprache. Alle diese Übersetzungsprozesse sind gottgewollt. Der Geist Gottes braucht Sprache auch. Darum wollen wir uns freuen auf eine Zeit des Miteinanders. Sprache zu suchen, um unserem Glauben neu Ausdruck zu geben, indem wir nicht wegsetzen, was gewesen ist, sondern es neu aufstrahlen lassen, so dass wir uns freuen, in diesem Glauben beheimatet zu sein.
Amen