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Hat Karl Rahner etwas mit der Politik im Sinn? von: Dr. Bernd Jochen Hilberath
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Dr. Bernd Jochen Hilberath 
Direktor des Instituts für ökumenische Forschung der Universität Tübingen
Am 26.11.2002 im Festssal der Bremischen Bürgerschaft

Hat Karl Rahner etwas mit der Politik im Sinn?

Das Thema meines Vortrags habe ich bewußt in Frageform gekleidet. Dies ist mehr als eine rhetorische Figur, die dazu dient, daß, was von vorne herein jeder weiß, ein wenig spannender zu machen. Nein, in diesem Fall handelt es sich tatsächlich um eine Frage, die in der Interpretation des Rahnerschen Werkes eine große Rolle spielte und spielt. Dies gilt zumindest dann, wenn wir nicht bloß fragen, ob Karl Rahner nebenbei auch an Politik gedacht habe, sondern wenn wir fragen, ob das gesellschaftlich-politische Handeln des Menschen für Rahner als ein wesentlicher Vollzug des christlichen Engagements in den Blick kam. Johann Baptist Metz, neben Karl Lehmann und Herbert Vorgrimmler, der bekannteste der Schüler, engsten Mitarbeiter und Freund Karl Rahners, pflegte den Unterschied zwischen seinem theologischen Ansatz und dem seines Lehrers zu charakterisieren, indem er das Märchen vom Hasen und vom Igel anwandte. Für Rahner fiel dieser Vergleich gar nicht schmeichelhaft aus, denn Metz verteilte dies Personen und Positionen so: während sich die Vertreter der politischen Theologie, als deren Vater sich Johann Baptist Metz bezeichnen kann, in den Ackerfurchen des Lebens, vor allem des gesellschaftlich-politischen Lebens, abmühten, waren die Vertreter der transzendentalen Theologie, als deren Vater sich Karl Rahner bezeichnen kann, immer schon da. Metz stellte also gegenüber: daß narrativ-praktische Christentum und das transzendental-idealistische Christentum. Was ist damit gemeint? Narrativ-pragmatisch ist ein Christentum, das seine Botschaft wesentlich in Erzählungen weitergibt, welche Praxis erklären und zu neuer Praxis anstiften. Ein transzendental-idealistisches Christentum ist demgegenüber ein Christentum, das sich vor allem mit den Ideen beschäftigt und die Praxis als bloßen Anwendungsfall betrachtet. Transzendental ist nun die theologische Reflexion Karl Rahners auf dieses idealistische Christentum. Transzendental meint die Reflexion auf die Bedingung der Möglichkeit für. Rahner stellt also Überlegungen an darüber, was denn die Bedingung der Möglichkeit für Christsein heute ist. Er erzählt aber, - würde der Vorwurf platt angewendet lauten -, er habe keine Geschichten und hat primär und fundamental nichts mit der Praxis im Sinn. Auf das Problem des politischen Engagements der Christen angewendet, würde dies bedeuten: Karl Rahner interessiert sich lediglich für die Bedingung der Möglichkeit des politischen Handelns der Christen, nicht aber für dieses Handeln selbst. Wenn dies so wäre, wäre Karl Rahner keine große Ausnahme, sondern einer in einer Wolke von Zeugen dieser Art. Ich möchte nun nicht der Frage nachgehen, wie praktisch die neue politische Theologie Metzscher Prägung selbst wird. Ich möchte aber ganz entschieden der Charakterisierung Karl Rahners als eines apolitischen Christen und eines Theologen, für den das Politische nur eine untergeordnete Rolle spielte, widersprechen. Diesen meinen Widerspruch kann ich durch die folgenden Argumente untermauern: 1. Altersweisheit bzw. Altersstarrsinn? Es ist bekannt, daß Karl Rahner mit zunehmendem Alter gesellschaftspolitisch und kirchenpolitisch radikaler wurde. `Jetzt wird er alt, lautete der Kommentar bei nicht wenigen, als Rahner im Vorblick auf die gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland sein Taschenbuch `Strukturwandel der Kirche als Aufgabe und Chance’ vorlegte. Einiger seiner Anhänger, die inzwischen in ein höheres kirchliches Amt gewechselt waren, empfanden die eine oder andere Äußerung Rahners als Sand im Getriebe ihrer eigenen Verantwortlichkeit. Was für die einen Altersweisheit darstellte, war für die anderen eher Altersstarrsinn. Rahner selbst wurde einmal gefragt, ob es denn stimme, daß er immer linker geworden sei. Rahners Antwort: `Ich habe meine Linie immer durchgehalten, die anderen haben ihren Standort gewechselt. Wer immer weiter nach rechts tendiert , so heißt das im Klartext, der empfindet auch die Mitte als zu links. Was Karl Rahner mit zunehmendem Alter gespürt hat, war die Ungeduld eines Christen, Ordensmann und Theologen, der einige Früchte an den Bäumen sehen wollte, die er mit aufgepflanzt, begossen und beschnitten hatte. Daher erklärt sich Rahners Engagement für die Basis Ökumene oder für die Basisgemeinden in Lateinamerika. Es ist richtig, daß Rahner mit zunehmendem Alter mit größerer Aufmerksamkeit die Entwicklung der neuen politischen Theologie seines Schülers Johann Baptist Metz verfolgt hat und daß ihn grundsätzlich die Beziehung des Menschen zu anderen Menschen von größerer systematisch-theologischer Bedeutung wurde. Und damit komme ich zu meinen weiteren Argumenten! 2. Das Leben hat Vorrang 1976 legte Rahner ein dickes Buch vor, das den Titel trägt `Grundkurs des Glaubens. Einführung in den Begriff des Christentums’. 
Wie alle dicken Bücher Rahners, war auch dieses - es gibt eine einzige Ausnahme - kein am Stück geschriebenes Buch, sondern ein aus dem Leben erwachsenes Werk. Nur am Anfang seiner wissenschaftlichen Laufbahn hat Karl Rahner eine größere Monographie vorgelegt. 
Seitdem ließ er sich in Vorträgen, Referaten, Exerzitien, Gutachten stets in den Dienst nehmen. Die dabei entstandenen Bücher sind kleiner, nämlich in Taschenbuchformat und große, nämlich als Schriften zur Theologie, Sammlungen von Aufsätzen zu fast allen Themen der Theologie. In unserem Zusammenhang ist wichtig, daß der Grundkurs des Glaubens aus dem Leben erwachsen ist und eine erste Reflexion auf das darstellen will, was im Leben des Christen geschieht. Die Einführung in den Begriff des Christentums ist also bei aller Anstrengung des Begriffs und der Sprache keine abgehobene Spekulation, sondern der Versuch, transparent zu machen, was an Überzeugungen und Optionen im christlichen Glaubensvollzug impliziert ist. Charakteristisch für den methodischen Ansatz dieses Grundkurses ist die These von der `Priorität des gelebten Daseinsvollzugs vor der Reflexion darauf’ (S. 287). 3. Glaube der die Erde liebt So ist ein Taschenbuch erschienen, das unter dieser Überschrift und der Unterüberschrift `Christliche Besinnung im Alltag der Welt’ Aufsätze Rahners versammelt, erstmals erschienen 1966. Dies war übrigens das erste Jahr nach dem II. Vatikanischen Konzil, an welchem Rahner als Berater teilgenommen hat. Gegen Ende des Konzils erklärte Rahner in einem Interview, daß die entscheidenden Fragen, die sich der Kirche, dem Christentum in unserer Gesellschaft heute stellen, erst noch zur Sprache gebracht werden müssen. Er meinte damit, daß das Konzil sich viel mit der Kirche selbst beschäftigt hat. Als Frage stünde aber jetzt die Frage nach Gott an, die auch sehr bald in der Theologie ausbrach und mit der `Gott ist tot Theologie’ für eine erste Erschütterung der üblichen Schultheologie sorgte. Rahner zeigte immer wieder eine große Sensibilität, mit der er auch schon auf die schwachen Signale in seinem Umfeld achtete, während die Institution Kirche häufig noch nicht einmal die starken Signale wahrnahm. Das heißt, Rahner spürte, worauf es im Leben wie im Glauben - denn das war für ihn eine Einheit - ankam. `Glaube, der die Erde liebt’, steht programmatisch für die Orientierung Karl Rahners an der Menschwerdung Gottes. Rahner forciert das in einer Weise, die ihm die Kritik prominenter Kollegen eingetragen hat. Diese warfen ihm vor, daß in seiner Theologie für das Kreuz kein Platz sei. Weniger verbissen als mancher seiner Kritiker, souverän und bescheiden zugleich formulierte Karl Rahner im letzten seiner öffentlichen Vorträge dazu folgendes: `Ich meine, daß es einem christlichen Theologen nicht verboten sei, das Thema der Sündigkeit des Menschen und der Vergebung der Schuld aus reiner Gnade gegenüber dem Thema der radikalen Selbstmitteilung Gottes in einem gewissen Sinn etwas sekundärer zu empfinden.. .meine ich doch aus durchaus christlicher Sicht und nicht von einem eingebildeten Humanismus her ... Und so sah ich hier, wenn auch ein wenig ängstlich, eingestanden, daß in meiner Theologie in einer sicher problematischen Weise das Thema der Sünde und der Sündenvergebung gegenüber der Selbstmitteilung Gottes ein wenig im Hintergrund steht. Aber wenn man so zugesteht, daß man nicht alle denkbaren Erfahrungen eines christlichen Menschen in seiner eigenen begrenzten Subjektivität gleichmäßig realisieren kann, dann kann man doch den, der einem dies ankreidet, fragen, ob er in seiner doch auch unweigerlich subjektiven Theologie nicht auch Defizite in Kauf nehmen müsse, um das, worauf es ihm ankommt, deutlich genug aussagen zu können’. (Erfahrungen eines katholischen Theologen, III S. 113) Daß Gott Mensch geworden ist, daß er nicht nur eine allgemeine Menschennatur, sondern ein konkretes menschliches Schicksal angenommen hat, dies ist die Perspektive, der Konstruktionspunkt der Rahnerschen Theologie. In dieser Perspektive können auch Leid und Kreuz durchaus gesehen werden, es bleibt aber die Sichtweise von dem immer schon siegreichen Gnadenwillen Gottes her, der will, daß alle Menschen gerettet werden, und dies in Jesus Christus in einmaliger unüberbietbarer Weise so dokumentiert hat, daß unverrückbar und nicht wieder zurücknehmbar sein ja zu allen Menschen in der Welt steht. Wenn Gott sich aber den Menschen als Gott offenbaren, sich selbst mitteilen will, dann ist der Mensch das unüberbietbar höchste Seiende, indem Gott sich selbst zur Sprache bringen kann. So ist der Mensch nicht nur eine notwendige Hülle um quasi in einer Verkleidung, wie durch eine Maske, sich den Menschen zuzusprechen, sondern der adäquate Ausdruck für den menschenfreundlichen Gott. Damit ist zugleich für den Menschen in der Nachfolge Jesu und im Zugehen auf diesen menschenfreundlichen Gott der Maßstab gegeben: So wie Gott sich nicht gescheut hat, ein konkretes menschliches Schicksal zu leben, so besteht Glaube als Nachfolge in der ganz konkreten Hinwendung zum menschlichen Leben. Dies beginnt schon mit der Annahme seiner selbst, die aber zugleich Hand in Hand geht mit der Hinwendung zum nächsten. 

Dies führt mich zum nächsten Argument: 4. Die Hinwendung zu den Phänomenen In dem einzigen an einem Stück geschriebenen philosophischen Frühwerk Karl Rahners geht es um das Thema `Geist in Welt’. Dies ist das philosophische Programm, das zugleich aus spirituellen Wurzeln genährt wird. Damit der Mensch Mensch sein kann, damit der menschliche Geist sich selbst und in Wirklichkeit erkennen kann, muß er sich der Welt, den Phänomenen, dem was ihm erscheint zuwenden. 
Und Rahner meint das nicht in dem Sinn, daß nach dieser Zuwendung die Phänomene die Welt, die Materie als geringes oder gar schlechtes vergessen werden könnte und der menschliche Geist sich quasi als reiner Geist einer höheren Sphäre erfreute. Nein, der menschliche Geist ist bleibend ein verleiblichter Geist, ein in dieser Welt eingesengter Geist, der nur er selbst sein kann wenn er seine weltliche Existenz gestaltet. Im Unterschied zu manchen Religionen und mystischen Formen damals wie heute, die dem menschlichen Geist einreden wolle er müsse sich aus der Materie aus dem Endlichen befreien und aufschwingen in das Alleine, beharrt der christliche Glaube aufgrund der eben gezeichneten inkarnatorischen Struktur darauf, daß diese Welt eine gute Schöpfung Gottes ist. Es gibt nicht Erlösung aus der Welt aus der Leiblichkeit, sondern nur Erlösung in dieser Welt und in dieser Leiblichkeit. Es geht nicht darum die Vollendung des Menschen zu erhoffen nach dem Ende aller Geschichte, sondern darum die Vollendung des Menschen zu erhoffen als Vollendung der Geschichte, sowohl der einzelnen Biographie wie der Menschheitsgeschichte. Wenn der menschliche Geist nur der Hinwendung zur Wirklichkeit den umgibt der selbst sein kann, so muß sich auch der christliche Glaube in diese Struktur einzeichnen. Das führt mich zum nächsten Punkt: 5. Der Mensch ist Mensch, indem er sich an den anderen wegschenkt In seinem berühmten Aufsatz zur Theologie der Menschwerdung, der wie Kardinal Lehmann in der jüngst erschienenen Biographie sagt auch für ihn ein ganz entscheidender Punkt war zum Schüler Rahners zu werden, steht u. a. der folgende Satz: `Die Menschwerdung Gottes ist daher der einmalig höchste Fall des Wesensvollzugs der menschlichen Wirklichkeit, der darin besteht, daß der Mensch - ist, indem er sich weggibt’ (Schriften IV/142). Spätestens hier ist klar, daß die Hinwendung zu den Phänomenen, zur Wirklichkeit, zum Leben, nicht nur ein Trick ist, ein Umweg für den Menschen um er selbst zu werden. Nein, das ich selbst werden geschieht indem ich beim anderen bin. Es scheint, daß in unseren Tagen immer mehr Menschen die Angst haben, daß sie zu kurz kommen, wenn sie sich dem anderen zuwenden. Dies gilt übrigens nicht nur für Menschen außerhalb der Kirche, sondern durchaus auch sogar für führende Männer in dieser unserer Kirche. Man kann dies leicht an dem Kommunikations- und Gemeinschaftsverhalten, an ihrer Communicatio und ihrer Communio ablesen. In Fortführung des Rahnerschen Ansatzes möchte ich sagen, daß hier über die Menschwerdung Gottes hinaus, die wir mit Jesus Christus verbinden, deutlich werden kann, was wir mit dem heiligen heilenden Geist meinen. Im Hl. Geist schreitet nämlich Gott über sich selbst hinaus auf die Welt hin, erschafft er sie, erlöst und erneuert und vollendet er sie, ohne Angst zu haben er selbst nicht mehr Gott sein zu können. Was damit an Lebensrelevanz gemeint ist kommt im vierten Hochgebet unserer katholischen Liturgie zum Ausdruck, wo es heißt: `Damit wir nicht mehr uns selber leben, sondern ihn, der für uns gestorben und auferstanden ist, hat er als erste Gabe vor dir Vater für alle die glauben den Hl. Geist gesandt’. Damit wir nicht mehr uns selber leben, sondern ihm, heißt, ihm in den Brüdern und Schwestern. Unter Rückgriff auf Spitzenaussagen der Bibel spricht Karl Rahner quasi programmatisch von der Einheit von Gottes- und Nächstenliebe. Damit will er keineswegs sagen daß Gott nichts anderes ist, als das was wir lieben, wenn wir den Nächsten lieben. Er wehrt sich aber vor allem dagegen, daß einer sagen könne, mit seiner Nächstenliebe sei es ja ganz in Ordnung, nur mit seiner Gottesliebe hapere es etwas. Wenn es mit der Nächstenliebe hapert hapert es auch mit der Gottesliebe und wenn es mit der Gottesliebe hapert hapert es auch mit der Nächstenliebe. Der französische Philosoph Gabriel Marcel hat formuliert: Ich liebe dich sagen, heißt sagen, du sollst nicht sterben. Das heißt, menschliche Liebe schöpft aus einer Verheißung, die sie selbst letztlich nicht einlösen kann. Deshalb braucht sie den tragenden Grund der Liebe Gottes zum Menschen. Wenn die Menschen Gott lieben so ersetzen sie aber nicht die Nächstenliebe und umgehen sie nicht und degradieren sie sie nicht zum Uneigentlichen. Vielmehr wenden sie sich im Horizont der darin erfahrenen Verheißung endgültigen Sinns auf den von dem her diese Verheißung kommt und der allein sie erfüllen kann. Ich habe einmal in einem Familiengottesdienst mit Wollfäden die sie verbindenden Beziehungen darstellen lassen. Dann fragte ich: Wie kommt denn Gott vor in diesen unseren Beziehungen? Es dauerte eine Weile, bis die Beteiligten mit meiner Hilfe sich darauf verständigten, daß dieses Netzwerk von Wollfäden noch einmal von einem ganz dicken Wollfaden unterfangen und getragen wird. 

Dies ist der Faden der alles trägt, dies ist der Knoten, an dem unser menschliches Netzwerk aufgehängt ist. 6. Der Fromme von morgen wird ein Mystiker sein Sehr oft ist in den letzten Jahren der Satz Karl Rahners formuliert worden, daß der Fromme von morgen ein Mystiker sein wird oder nicht mehr sein wird. Genauer hingeschaut, hat Rahner formuliert: daß der Christ von morgen ein Mystiker sein wird, d. h. einer der etwas erfahren hat. Rahner ist in keinster Weise ein elitärer Theologe oder elitärer frommer Mensch. Er will ein ganz normaler nüchterner Mensch im Alltag dieser Welt sein und er beschreibt das Wesentliche des Christentums auch in diesen Zusammenhängen. 
Es geht also nicht darum in einer falsch verstandenen Mystik sich aus der Welt zu katapultieren oder auch nur in doch leicht abgehobenen Formen den Glauben zu leben, sondern in dieser Welt Glaubenserfahrung zu machen. Darin werden wir ihm aber vermutlich alle zustimmen, daß heutzutage nur noch ein Glaube überzeugt der auf Erfahrungen beruht und vielleicht selbst zu Erfahrungen anstiften kann. Nun könnte es aber scheinen, daß das zuletzt Gesagte alles auch Wirklichkeit sein kann und sich abspielen kann im Leben ohne daß die gesellschaftliche und politische Dimension in den Blick kommt. In der Tat ist von dem Konstruktionspunkt der Rahnerschen Theologie her mit dem bisher Gesagten auch das Entscheidende über die politische Dimension des Christentums schon mit gesagt. Der menschliche Geist muß sich den Phänomenen zuwenden, der Glaube des Christen ist ein Glaube der die Erde liebt, Gottesliebe und Nächstenliebe bilden eine Einheit: All dies sind theologische Grundaussagen der Weltzuwendung Gottes aus der die notwendige Weltzuwendung des Menschen folgt. Fragen wir dennoch abschließend noch einmal dezidiert nach einer expliziten politischen Dimension des christlichen Engagements! 7. Theologie muß `immer auch>politische Theologie> sein’ So formuliert es Rahner in einem seiner Aufsatzbände. In einem Interview spricht er wie andere Theologen seiner Generation auch von dem Zusammenhang von Mystik und Politik. In einem 1978 gegebenen Interview stellt Rahner klar, daß politische Theologie nicht bedeute, `daß der Theologe ganz bestimmte gesellschaftpolitische Lehren und Tendenzen vertritt oder gar selber Tagespolitik macht, sondern das bedeutet einmal nur - einfach und grob gesagt -, daß in der Theologie ... immer der gesellschaftspolitische Hintergrund des Lebens der Menschen berücksichtigt werden muß, und weiterhin, daß man Antriebe für die Theologie auch aus den gesellschaftlichen Bedürfnissen erhält und sich dann umgekehrt fragen muß, welche gesellschaftlichen Konsequenzen sich aus der christlichen Botschaft und aus der katholischen Dogmatik ergeben’ (Karl Rahner im Gespräch, Band 2, S. 42). Das eben angesprochene Verhältnis von Mystik und Politik erläutert Rahner dann so: `daß die Nachfolge Jesu eine mystische und gesellschaftliche Komponente habe, klingt zunächst einmal merkwürdig und überraschend, ist aber im Grunde genommen selbstverständlich. Letztlich bedeutet das ja nichts anderes, als daß die Nachfolge Jesu das große eine und doppelte Gebot der Nächstenliebe und der Gottesliebe in der Kraft seines Geistes erfüllen muß’. (ebd.) Und nachdem Rahner diesem Gespräch die mystische Komponente des Christseins erläutert hat, beschreibt er die gesellschaftliche Komponente so: `Wir haben gerade bisher so getan, als ob es eine mystische Erfahrung Gottes gäbe, die sich rein in der innersten, individuellsten Innerlichkeit des Menschen abspielt, dort, wo der Mensch eben nicht nur Teil und Moment einer Gesellschaft ist, dort, wo er ein je einmaliger, für sich Verantwortlicher allein ist. Das braucht nun hintendrein nicht zurückgenommen zu werden; es gibt eine einsame Mystik des Menschen, in der, wie Ignatius sagt, daß Geschöpf und der Schöpfer unmittelbar verkehren. Welcher Mensch ist zu so etwas fähig? Wenn man diese Frage genauer beantworten will, wird man sagen müssen: zu dieser innersten mystischen Erfahrung Gottes ist letztlich doch nur der Mensch fähig, der den Nächsten liebt. ... Die Erfahrung der absoluten Würde des anderen Menschen und die absolute Respektierung des anderen Menschen in seiner je einmaligen Würde sind im Grunde genommen Voraussetzungen und Folgerungen für unser Verhältnis zu Gott; nicht nur Folgerungen - das ist ja im christlichen Bewußtsein selbstverständlich, weil es ja davon überzeugt ist, daß, wer Gott liebt, eben auch den Nächsten lieben muß und die Nächstenliebe eine Pflicht, eine Folgerung unseres Verhältnisses zu Gott ist -, sondern wir müssen auch sagen: diese Nächstenliebe ist gleichzeitig eine Voraussetzung unseres Verhältnisses zu Gott’. (44f.) Und dann formuliert Rahner unter der Überschrift `Der Durchbruch zum Nächsten bedeutet einen Durchbruch zu Gott’ folgende Sätze: `Mit anderen Worten: diese schon in der Nächstenliebe gegebene Selbstlosigkeit, der Durchbruch aus dem Gefängnis des Egoismus, bedeutet nicht bloß einen Durchbruch zum Nächsten, sondern auch schon, wenn auch noch unausgesprochen und unreflektiert, einen Durchbruch zu Gott. 

Man bricht gewissermaßen aus der Enge seiner eigenen Existenz heraus, man kommt in die Weite, die kein Ende mehr hat, und bewegt sich, ob man das nun reflektiert oder nicht, schon auf Gott hin’. (45) Und was jetzt wieder so unpolitisch oder jedenfalls nebenpolitisch klingt, spitzt Rahner in der Perspektive unserer Fragestellung heute Abend so zu: `Nun, wenn so die Nächstenliebe Voraussetzung und Folge der Gottesliebe ist ...., dann darf man bei diesem Satz nicht denken, es handele sich nur um eine private, rein subjektive Beziehung des einen Menschen zu dem anderen. Liebe in einem christlichen Sinn hat natürlich eine absolut personale Dimension, eine Dimension der Intimität, also auch des Herzens und des Gefühls; aber Nächstenliebe im christlichen Sinne hat durchaus eine eigentümliche gesellschaftliche und gesellschaftspolitische Dimension. Der Mensch muß nicht nur, wenn er den Nächsten wahrhaft lieben will, ihm gewissermaßen die Intimität seines Herzens, wenigstens bis zu einem gewissen Grad, entgegen bringen. 
Er ist verpflichtet, aus dieser Nächstenliebe heraus alles zu tun, was er tun kann, damit die gesellschaftspolitischen Strukturen seiner Gesellschaft so sind, daß sie der Freiheit und der Entfaltung des Nächsten dienen, daß sie ihn nicht versklaven, nicht ausnützen, ihm gegenüber nicht zu Ungerechtigkeiten führen. Wenn wir also sagen, die Nächstenliebe sei Voraussetzung und Folge der Gottesliebe, dann ist diese Nächstenliebe auch mit ihrem gesellschaftspolitischen Auftrag gemeint. (46) Karl Rahner hat sich weniger in gesellschafts-politischen und ethischen Diskursen engagiert. Sein Beitrag zur Veränderung der Gesellschaft lag in der Ansprache an den Menschen und an die Verantwortlichen in den Kirchen. So ließ er sich gerne zu den zornigen alten Männer rechnen, die mit wachsendem Alter an Weisheit und eben nicht an Starrsinn zunahmen. Er übte nicht Kritik um der Kritik Willen, sondern Kritik vom `Wesensverständnis der Kirche her’ (vgl. Karl Rahner im Gespräch Band 2, 262ff). Im Vorwort zu einem kleinen Sammelband zur Befreiungstheologie plädiert Rahner für den notwendigen Dialog zwischen dieser in Lateinamerika im Wesentlichen entstandenen Theologie und der unter unseren gesellschaftlichen Bedingungen entwickelten Theologie. Unter anderem schreibt er: `Auch darum ist ein Dialog zwischen uns und einer Theologie von Nöten, die von der Erfahrung der Unfreiheit und Ungerechtigkeit her das Ganze des christlichen Glaubens neu zu durchdenken sucht und so die Praxis des christlichen Lebens nicht nur als Anwendungsbereich christlicher Prinzipien, sondern auch als ursprünglichen Topos der Erkenntnis des Glaubens selbst zu verstehen sucht. Damit scheint mir auch schon das (oder ein) Grundproblem berührt zu sein, das in einem solchen noch durchzuführenden Dialog diskutiert werden muß. Die Theologie der Befreiung will ja nicht nur einen Teil dessen abdecken, was eine christliche Theologie ist und bleibend sein muß, ... sie will neu ... des christlichen Glaubens durchdenken. Sie betrachtet dabei in einer neuen, aber bedenkenswerten Theorie des Verhältnisses zwischen Theorie und Praxis die konkreten gesellschaftlichen Erfahrungen nicht als Gegenstand, der vor das in sich unberührte Forum der Theorie (und so des christlichen Glaubens) zitiert wird, sondern als Ort, an dem ursprünglich zur Gegebenheit kommt oder kommen kann, was Christentum eigentlich ist.’ (S. 7) Damit schließt sich der Kreis, insofern wir wieder bei der Priorität des gelebten Daseinsvollzugs vor der Reflexion darauf angekommen sind und inzwischen gelernt haben, daß die politische Dimension an diesem Vollzug unverzichtbar ist.

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