Peter Knauer SJ
Was die öffentliche Prüfung aushalten kann:
Glaube, Vernunft und Wissenschaft -
ein Plädoyer gegen ihre Karikaturen
Martin Walser schrieb kürzlich, die Gefahren, die der Menschheit drohten, gäbe es nicht, „wenn Liebe uns mehr läge als alles andere“. Nach seiner Auffassung ist insbesondere die christliche Religion ein Haupthindernis für die Entfaltung der Liebesfähigkeit. Ein Gott, der eifersüchtig zuerst Unterwerfung verlangt, mache böse und fördere nicht die Liebe, sondern das Konkurrenzprinzip.
Für andere bedeutet Religion einen Freibrief für Unlogik. Sigmund Freud hielt sie für eine Kollektivneurose, einen in sich sinnlosen Umweg, der aber manchen Menschen ihre persönliche Neurose erspart. Religion war für ihn eine Weise, die Wirklichkeit zu verdrängen. Heute gilt Glauben vielen als ein Bereich rein subjektiver Überzeugungen beliebiger Art, die man jedem lassen kann, solange er nicht andere damit behelligt.
Dass vom Christentum solche Bilder entstehen konnten, mag zu einem hohen Anteil den Kirchen selbst anzulasten sein. Auch viele einzelne Christen gehen erstaunlich gedankenlos mit ihrem Glauben um. Der Grundinhalt des christlichen Glaubens wird oft in dem Sinn als „Geheimnis“ ausgegeben, dass er letztlich unverständlich sei. Anstatt den Glauben zu erläutern, begnügt man sich mit moralischen Appellen. Manche Amtsträger erwecken den Eindruck, keine kritische Prüfung ihrer Aussagen ertragen zu können.
Welches ist im Unterschied zu den genannten Karikaturen das Selbstverständnis des christlichen Glaubens? Die christliche Botschaft behauptet, „Wort Gottes“ zu sein. Sie nimmt für sich in Anspruch, Menschen aus der Knechtschaft unter der Angst um sich selbst, die in ihrer Verwundbarkeit und Todesverfallenheit begründet ist, zu befreien und zu erlösen. Eine erste Frage ist hier, wer denn Gott sein soll. Nach der christlichen Botschaft fällt Gott nicht unter unsere Begriffe. Wie kann sie dann überhaupt von ihm reden (und ihm gar zuschreiben, dass er selber spre-che)? Sie antwortet: Von Gott kann nur so wirklich die Rede sein, dass man sich selbst und die ganze Welt - einschließlich ihrer Entwicklung und Geschichte - als geschaffen versteht. In allem, worin sich die Welt vom Nichts unterscheidet, ist sie solcher Art, dass sie ohne Gott nicht wäre. Gott ist als der zu verstehen, „ohne den nichts anderes sein kann“. „Aus dem Nichts“, also total geschaffen sein heißt: Könnten wir unser Geschaffensein beseitigen, bliebe nichts von uns übrig.
Man begreift so von Gott immer nur das von ihm Verschiedene, das auf ihn verweist. Man weiß also nicht erst, wer Gott ist, um dann zu sagen, dass er die Welt erschaffen habe; vielmehr kann man Gott nur von der Geschöpflichkeit der Welt her überhaupt erkennen. Nach der christlichen Botschaft ist die Geschöpflichkeit der Welt mit dem Sein der Welt identisch, das Gegenstand der Vernunft ist. Sie muss deshalb mit der Vernunft an der Welt abgelesen werden können. Könnte die Geschöpflichkeit der Welt widerlegt werden, wäre damit auch der Glaube erledigt.
Der Glaube selbst beginnt erst, wo es um Gottes Wort geht. Als Glaubenswahrheit verkündet die christliche Botschaft, dass Gott der Welt mit einer Liebe zugewandt ist, die nicht an der Welt ihr Maß hat, sondern die ewige Liebe des Vaters zum Sohn, nämlich Gottes zu Gott ist. Christen glauben, dass sie selbst und die ganze Welt in diese Liebe aufgenommen und in ihr geborgen sind. Weil Gott nicht potenziell „allmächtig“, sondern aktuell „in allem mächtig“ ist, kann keine Macht der Welt, nicht einmal der Tod, von der Gemeinschaft mit ihm trennen. Man muss also nicht mehr aus der Angst um sich selbst leben, die sonst die Wurzel alles Bösen ist. Aus solchem Glauben geht liebevolles Handeln hervor.
Wie kann man um Gottes Zuwendung zur Welt wissen, wenn sie nicht an der Welt ablesbar ist? Die christliche Botschaft beruft sich auf Jesus von Nazareth. Eine alles zusammen fassende Kurzformel des christlichen Glaubens könnte lauten: An Jesus als den Sohn Gottes glauben bedeutet, aufgrund seines menschlichen Wortes sich und die ganze Welt in die ewige Liebe des Vaters zu ihm hineingenommen zu wissen. Der Sohn Gottes ist Mensch geworden, um uns durch sein menschliches Wort als dem Wort Gottes dieser Liebe gewiss zu machen. Jesu Botschaft befreite seine Anhänger aus der Macht der Angst auch vor den Herrschenden. Um zu verhindern, dass er für seine Botschaft weitere Anhänger fände (Mt 27, 18; Joh 11, 48), wurde er hingerichtet.
Kirche wird konstituiert als die fortdauernde Weitergabe seines Wortes. Zum Glauben kommen bedeutet, die Illusion aufzugeben, dass man letztlich auf sich allein gestellt sei und der Tod das letzte Wort habe. Der traditionelle christliche Satz „Außerhalb der Kirche kein Heil“ will nicht andere Menschen vom Heil ausschließen. Es besagt, dass es kein anderes Heil gibt, als das von der Kirche verkündete, aber dass dieses Heil der ganzen Welt gilt (2 Kor 5,19). Es besteht darin, in einer ewigen Liebe geborgen zu sein, die nicht von Vorleistungen oder sonstigen Bedingungen abhängig ist. Wie verhält sich ein solcher Glaube zur Vernunft? Der Glaube kann sich nur auf Gottes Selbstmitteilung beziehen. Gegenstand der Vernunft ist alles von Gott Verschiedene, die ganze Welt, einschließlich ihres Geschaffenseins. Der Begriff „Vernunft“ wird hier umfassend als verantwortlicher Umgang mit der Wirklichkeit verstanden. Glaube und Vernunft unterscheiden sich nicht nur in der Erkenntnisweise, sondern im Gegenstand; sie sind aber gerade so miteinander in Beziehung zu setzen. Denn im Glauben geht es darum, dass gerade die Welt, die der Vernunft zugänglich ist, zugleich die von Gott geliebte Welt ist; weil aber letzteres nicht an der Welt ablesbar ist, wird es nur im Glauben erkannt.
Daraus ergeben sich zwei Grundkriterien in Bezug auf den Glauben:
Erstens: Nichts kann geglaubt werden, was sich auf Vernunft zurückführen lässt. Ohne dieses erste Kriterium wäre der Glaube nicht Glaube. Die christliche Botschaft versteht Glauben als das Erfülltsein vom Heiligen Geist, als das nun offenbare Aufgenommensein in die Liebe, die nach der christlichen Botschaft in Gott von Ewigkeit her zwischen dem Vater und dem Sohn besteht und «Heiliger Geist» genannt wird. Statt dessen etwas zu glauben, was man mit bloßer Vernunft als wahr erkennen könnte, wäre Aberglaube. Die so genannte „Glaubensgeheimnisse“ sind nicht un-verständliche Aussagen, sondern entfalten das eine Grundgeheimnis, das in der Gemeinschaft mit Gott besteht. Man kann sie nicht an der Welt ablesen, sondern muss sie zu aller Wirklichkeitserfahrung in einem von anderen Menschen weitergegebenen Wort hinzugesagt bekommen und kann sie als wahr nur im Glauben selbst erkennen.
Zweitens: Es kann jedoch auch nichts geglaubt werden, was einer ihre Autonomie wahrenden Vernunft widerspricht. Ohne dieses zweite Kriterium könnte der christliche Glaube nicht vor der Vernunft verantwortet werden. Vernunfteinwände gegen den Glauben müssen sich dem Feld der Vernunft durch Argumente der autonomen Vernunft beantworten lassen. Autonomie der Vernunft bedeutet nicht, dass die Vernunft sich willkürlich selber ihre Gesetze gibt.
Vielmehr kommt ihr eine Eigengesetzlichkeit zu, die auch durch den Glauben nicht außer Kraft gesetzt werden kann. Die Vernunft darf keine logischen Widersprüche zulassen. Nicht der Glaube bestimmt also, was vernünftig ist, sondern dies ist von der Vernunft selbst zu bestimmen. Falls jemand in seiner Ablehnung des Glaubens unter Berufung auf Vernunft gegen deren eigene Gesetze verstößt, muss mit Vernunftgründen dagegen argumentiert werden.
Unvernünftige Behauptungen sind als widersprüchlich oder zumindest unbegründet zu erweisen. Für den Glauben hat die kritische Vernunft nicht Stützfunktion, sondern dient als Filter gegen Unvernunft und Aberglauben. Sie ist für den Glauben unentbehrlich.
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Wie soll die Existenz des Leidens mit den Annahme eines guten Gottes vereinbar sein? Aber bereits die Tatsache, dass Jesus gekreuzigt, wurde, schließt von vornherein aus, Gottes Liebe am eigenen Wohlbefinden messen zu wollen. Vielmehr besteht die Gemeinschaft mit Gott in der Weise, dass nicht einmal der Tod mehr die Macht hat, von ihm zu trennen (vgl. Röm 8,31-39). Anstatt eine Erklärung für das Leid zu bieten, ermöglicht der Glaube, anders als in Verzweiflung mit dem Leid umzugehen.
Als sehr schwierig gilt ferner die Lehre von der Dreifaltigkeit Gottes, vor allem im aktuellen Dialog mit nicht christlichen Religionen. Es geht auch in dieser Lehre darum, dass Gottes Liebe zur Welt nicht an der Welt ihr Maß haben kann. Sie kann nur als ewige Liebe Gottes zu Gott, des Vaters zum Sohn, verkündet und verstanden werden, in welche die Schöpfung aufgenommen ist. Die christliche Botschaft spricht von Vater, Sohn und Heiligem Geist als drei untereinander verschiedene vermittelten Weisen der Selbstpräsenz der einen Wirklichkeit Gottes. Diese drei Beziehungen der einen göttlichen Wirklichkeit auf sich selbst sind voneinander verschieden, ohne dadurch ihre Identität mit der einen göttlichen Wirklichkeit zu verlieren. Aber kann der geschaffene Mensch Jesus zugleich Gott sein? Jesus ist vom ersten Augenblick seiner menschlichen Existenz an in die Selbstpräsenz Gottes aufgenommen, die wir den Sohn, die zweite göttliche Person, nennen. Gottsein und Menschsein werden nicht miteinander vermischt, sondern bleiben voneinander verschieden. Sie sind aber auch nicht getrennt voneinander. Sie sind durch die Beziehung einer Selbstpräsenz Gottes, welche die zweite Person ausmacht, in Jesus miteinander verbunden.
Wie soll man daraufhin den Glaubenssatz von der Geburt Jesu aus der Jungfrau Maria verstehen? Der Prolog des Johannesevangeliums sagt von allen Gläubigen, dass sie „nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind“ (Joh 1, 13). Dies ist keine Aussage naturwissenschaftlicher Art. Nur aufgrund von Jesu Gottessohnschaft kann man endgültig sinnvoll von „Gottes Wort“ sprechen: Jesu menschliches Wort ist Träger göttlicher Wahrheit. Zu glauben, dass er auch angesichts des Todes der Sohn Gottes war und ist, ist gleichbedeutend mit dem Glauben an seine Auferstehung.
Wenn der christliche Glaube überhaupt verantwortbar ist, muss er auch wissenschaftlich verantwortet werden können. Dies ist Aufgabe der Theologie. Sie verdankt ihre Wissenschaftlichkeit der Auseinandersetzung mit andern Wissenschaften. Ihnen hat sie auf deren eigenem Feld auf Einwände zu antworten. Zum Beispiel hat sie zu zeigen, dass die Evolution in keinerlei Gegensatz dazu steht, dass Gott als der zu verstehen ist, ohne den nichts ist. Um mit anderen Wissenschaften im Gespräch sein zu können, ist Theologie daran interessiert, an der Universität vertreten zu sein. Gegenstand der Theologie als Wissenschaft ist nicht Gott; denn er fällt nicht unter die Begriffe.
Ihr Gegenstand ist die christliche Botschaft mit ihrer Behauptung, „Wort Gottes“ zu sein. Historisch sucht Theologie genau zu erfassen, was die Botschaft ursprünglich (Exegese der Heiligen Schrift) und in der Geschichte ihrer Auslegung (Kirchengeschichte) sagt.
Systematisch geht es um die Frage, wie das so Festgestellte glaubensgemäß verstanden (Dogmatik) und weitergegeben werden kann (Praktische Theologie/Pastoral).
Theologie unterscheidet sich von Religionswissenschaft. Sie wird nicht nur aus Interesse an der Religion, sondern in ihrem ureigensten Interesse ausgeübt: um der Glaubensverkündigung zu dienen. Dies widerspricht nicht ihrem Charakter als Wissenschaft, wie es auch nicht gegen die Wissenschaftlichkeit des Medizinstudiums verstößt, wenn man nicht nur aus Interesse am Menschen, sondern in seinem eigenen Interesse studiert. Das Interesse, in dem Theologie ausgeübt wird, darf nur nicht an die Stelle von Argumenten treten oder gar die Auseinandersetzung mit Einwänden verhindern. Dann würde sie dem Glauben eine Bärendienst erweisen. Wirklicher christlicher Glaube ist weit davon entfernt, die Vernunft gängeln oder behindern zu wollen. Zwar ist der christliche Glaube einfach und hat keine Bildungsvoraussetzungen; aber ihm ist daran gelegen, Bildung zu fördern. Wohin immer die christliche Botschaft kommt, dort werden auch Schulen für allgemeine Bildung eröffnet. (....)
Frankfurter Rundschau Dienstag, 3. August 1999, Nr. 177 , Seite 19
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