„ Wir glauben - an Gott ...“
(Jona 3, 1 – 5. 10; Mk 1, 14 – 20; 1 Kor 13, 1 – 13)
Liebe Zuhörer,
es kommt vor, dass man gefragt wird - neugierig, ungläubig, ironisch, interessiert -: „Glaubst du an Gott??“
Wir kennen unsere Reaktion: Wir stutzen, schauen die fragende Person misstrauisch, vielleicht verunsichert an und murmeln ein „Glaubensbekenntnis“, das etwa so beginnen könnte: „Na ja, ich glaub’ schon . . . also . . . aber ...“
Und dann fühlen wir uns bemüßigt, Erklärungen und Klarstellungen zu formulieren.
„Wird morgen die Sonne scheinen?“ „Ich glaub’ schon.“ -
Beide Male „Glauben“.
Auf den ersten Blick handelt es sich um unterschiedliche Bedeutungsebenen. Aber nur auf den ersten Blick.
1. Behauptung:
Unsere persönlichen Glaubensaussagen über Gott bewegen sich auf dem Niveau von Stellungnahmen zum Wetterbericht. „Ich glaube ...“ drückt etwas Unsicheres aus, etwas, auf das ich mich nicht hundertprozentig festlegen will, denn das rationale Wissen fehlt. Was habe ich beim Glauben in der Hand - ganz real? - Nichts!
Das kann so nicht stehen bleiben, auch wenn die Wirklichkeit unserer Praxis so aussieht.
Denn - wie unglaublich wohltuend, wie erleichternd, wie Geborgenheit schaffend kann der einfache Zuspruch sein: „Ich glaube dir!“ - Ich glaube dir: Alles Vertrauen der Welt liegt darin! Und damit haben wir eine „Dimension der Tiefe“ (Paul Tillich) erreicht.
„Ich glaube“ ..., löst unterschiedliche Reaktionen aus:
„Ich glaube an Gott.“ - Na und, wen kümmert das?
„Ich glaube an das Gute im Menschen.“ - O je, ein hoffnungsloser Idealist!
„Ich glaube an die Macht des Geldes.“ - Klar, ein Realist.
„Ich glaube an außerirdische Wesen.“ - Warum nicht? Wir sind ja so tolerant. Und: Das Gegenteil ist nicht erwiesen!
2. Behauptung:
Wenn ich sage: „Ich glaube an Gott“ und ich mache mir nicht die „Dimension der Tiefe“ bewusst, dann kann ich genauso gut vom Wetter reden. Und so ist es, wenn ich heute eines der offiziellen alten Glaubensbekenntnisse aufsage.
Das sind Formeln, theologische Formeln, kann man sie heute noch gelten lassen?
Obwohl es drei große, kirchenamtlich anerkannte und vorgeschriebene Glaubensbekenntnisse gibt, fühlt sich eine Vielzahl von Menschen nahezu gedrängt, eigene Glaubensbekenntnisse zu formulieren. (Publik-Forum hat sie im Internet und in mehreren Büchlein veröffentlicht.)
Uns geläufig sind das apostolische und das nicaeno-constantinopolitanische Glaubensbekenntnis (das Credo), weil sie - außer in der Stadtgemeinde - in der katholischen Liturgie verwendet werden. Das athanasische Glaubensbekenntnis bringt zusätzlich eine perfekte Lehre der Dreifaltigkeit, die zu glauben ist! - das sind kaum nachvollziehbare Formeln, Worthülsen, da brennt es nicht in unseren Herzen. Ebenso verhält es sich mit der diesjährigen Passauer Weihnachtsbotschaft des dortigen Bischofs. Sie lautet: Der Glaube an die Jungfräulichkeit Mariens ist die Voraussetzung für den richtigen Glauben an Jesus Christus.
3. Behauptung:
Die uns bekannten „offiziellen“ Glaubensbekenntnisse sind theologische Formulierungen, Formeln, Definitionen - sie sind neu zu bewerten und zu gewichten. In früheren Zeiten haben Kirchengemeinschaften mit ihrer Hilfe sich definiert, Zusammenhalt geschaffen, Sicherheit geboten, sich abgegrenzt und nicht selten in ihrem Namen, wenn die Machtmittel vorhanden waren, den Glaubensgegnern die Schädel eingeschlagen. Denn man war auf der absolut richtigen Seite, der Gegner der vom absolut Bösen besessene Ketzer.
Ich will und kann die historischen Umstände nicht bewerten. Sicher ist:
4. Ein Glaubensbekenntnis wird zu einer Gotteslästerung, wenn es zur Legitimation von Kriegen, Unterdrückung oder Diskriminierung missbraucht wird. Das galt zu allen Zeiten und wird immer gelten.
5. Ich gehe noch einmal zurück zu dem Satz: „Ich glaube an Gott.“
Welches Bekenntnis lege ich da eigentlich ab. Es ist symptomatisch, wenn wir ins Stottern geraten. Wenn wir auf die Frage: Glaubst du an Gott? Zwar mit Ja antworten, aber ganz schnell dieses Ja relativieren, mit Erklärungen versehen, höchst besorgt, nur nicht in die falsche Ecke gepackt zu werden.
Wenn wir hier nicht stehen bleiben, ist unsere Reaktion - auch wenn sie zunächst ziemlich erbärmlich zu sein scheint - gar nicht so verkehrt. Denn das Unbehagen, das sich hier ausdrückt, hängt mit der Unpersönlichkeit und Abstraktheit der Gottesvorstellung in den Glaubensbekenntnissen zusammen.
Wir hörten zwei Texte aus der Bibel, ich meine, da kommt etwas anderes zum Ausdruck:
Zunächst Jona - ein spezieller Fall.
Er geht schließlich nach Ninive, obwohl dieser Auftrag ihm regelrecht zuwider ist. Was verlangt dieser Gott da von ihm. Der Auftrag Gottes ist nicht nur in seinen Augen unsinnig (einen Schurkenstaat wie Ninive kann man nicht zur Umkehr bewegen) sondern er ist auch höchst gefährlich. Er will fliehen, „weit weg vom Herrn“ (1,3). Dass dies nicht glückt, wird in der uns allen bekannten dramatischen Geschichte vom großen Fisch erzählt, in dessen Bauch Jona einige Zeit verbringen muss.
Jona erlebt seinen Gott ursprünglich, direkt. Das ist ein Gott, der da ist, der sich mit Jona anlegt, der aber auch einen kritischen Dialog zulässt. Jona hält Gottes Gnade den Bewohnern Ninives gegenüber für absoluten Blödsinn und bringt das auch deutlich zum Ausdruck. Gott schickt nun keinen Boten, der ihm eine Glaubensformulierung vorlegt, die er frag- und bedingungslos zu akzeptieren hat. Nein, Gott sucht den Dialog, die Überzeugung. Jona stellt sich dem, direkt und unmittelbar in einem bestimmten Lebenszusammenhang. Das klappt nur, weil Jona bereit ist, hinzuhören und diesen Dialog aufnimmt.
Und bei Markus - die Berufung der ersten Jünger?
Wieso lassen Simon, Andreas, Jakobus und Johannes alles liegen und stehen und haben nur noch einen Gedanken: Jesus zu folgen? Sie haben nicht die Priester gefragt, nicht in einem Katechismus nachgeschaut. Sie sind von Jesus angesprochen worden, sie haben es gehört - das Wort Gottes - und sind ihm gefolgt. Ihr Bekenntnis zu Jesus, dem Messias, ist ein anderes als jedes amtliche Glaubensbekenntnis. Sie lernen von Jesus, müssen tiefe Enttäuschungen hinnehmen, verraten ihn, erleben die Gewissheit der Auferstehung. Das Leben mit Jesus, mit Gott ist tief mit ihrem Leben, mit ihrem Sein verwoben. Gottes Liebe durchdringt sie, das ist ihr Glaube und ihre Hoffnung.
6. Das hätte der Schlusssatz sein können.
Ich wage noch einen Schritt weiter: Wie ist das heute mit uns?
Ich glaube an Gott!!! Mit drei Ausrufezeichen und ohne Wenn und Aber und ohne erläuternde Kommentare.
Ich glaube an Gott!!!
Ich will das, ich bin davon überzeugt, weil Gott meinem menschlichen Dasein den Sinn gibt.
Wenn wir über Gott nachdenken, an welcher Stelle steht da die Jungfrauengeburt? Wenn wir mit Gott streiten und hadern, muss ich dabei den Dreifaltigen im Blick haben?
Vielleicht haben wir vor lauter Diskussionen, Stellungnahmen und Bekenntnissen Gottes leise Stimme überhört?
Glaubensbekenntnisse können Hilfen sein, Orientierungspunkte in einer und aus einer bestimmten Zeit.
Glaube, Hoffnung, Liebe, - wo kommen diese Begriffe im Credo vor?
Glaube - ja; Hoffnung, Liebe vielleicht.
Ich möchte heute hier formulieren:
Ich glaube an die Liebe, die Liebe Gottes, die Liebe, die Kriege verhindert, die Toleranz fördert und Menschen zusammen bringt und verbindet.
Das glaube ich und ich setze meine Hoffnung darin, das wir sagen können: Das glauben wir!