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Dein Reich komme ... von: Christian Gallasch
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Projekt  VATER UNSER:

Dein Reich komme  ...

Begrüßung

Ich begrüße Sie herzlich zu unserer Agape-Feier.

         In mehreren Hinsichten ist es ein hervorgehobener Sonntag heute:

Christkönigsfest feiert die katholische Kirche, Ewigkeitssonntag die evangelische; dazu ist es der letzte Sonntag im Kirchenjahr, wir nehmen Abschied von einem liturgischen Zyklus und beginnen am kommenden Sonntag einen neuen mit dem 1.Advent, der die Zeit der Erwartung einläutet. Dieser Moment des NICHT-MEHR und NOCH-NICHT kennzeichnet sehr plastisch die existenzielle Spannung, in der ein Christ sein ganzes Leben lang ganz selbstverständlich und notwendig steht: Einerseits die Erwartung, die Hoffnung, die Sehnsucht  -  andererseits die geschenkte Vollendung im Leib Christi; einerseits NOCH "im Jammertal", wie alte Lieder singen  -  andererseits SCHON erlöst, wie das heutige Evangelium spricht:  Wir sind immer "Nochs" und "Schons" zugleich.

         Der Begriff "Christkönig" mutet uns etwas antiquiert an. Wir kennen Königshäuser nur noch aus Märchenbüchern, aus den Klatschspalten der bunten Presse oder als skurrile Überbleibsel prähistorischer Verhältnisse in der Völkerkunde, etwa in Afrika. Das finden wir meist eher erheiternd, bestenfalls unfreiwillig komisch; für unser persönliches Leben erweist es sich nicht als von tragender Bedeutung. Die Verbeugung vor der gesellschaftlichen Stellung an sich ist uns ziemlich fremd geworden.

         Noch ein weiterer Aspekt hebt diesen Sonntag ein wenig hervor: Vor drei Jahren, kurz nach dem 11.September 2001, stand ich an dieser Stelle und versuchte, ein paar Gedanken zum Erntedankfest zu formulieren; angesichts der schaurigen Ernte, die die Welt damals erschüttert hat, war mir manches Wort im Hals stecken geblieben. Die folgenden Ereignisse sind uns allen sehr gegenwärtig, bis hin zu der offenkundigen Lüge, der Irak-Krieg sei beendet. Er ist nicht beendet und wird auch nicht so bald beendet sein. Und wenn doch irgendwann, so werden andere Kriege an seine Stelle treten. Der Iran und Nordkorea sind bereits vorsorglich im Visier. Solange Macht, Unterdrückung und Fundamentalismus jeglicher Couleur sich ungehemmt entfalten können, werden wir mit diesem endlosen Schrecken leben.

         Es gibt nach wie vor Menschen, die sich für Könige halten. Und die unverändert vom Reich des Bösen (bzw. Guten) reden. Und es gibt leider auch sehr viele Menschen, die diesen selbsternannten Königen zujubeln. Es ist schwierig geworden, Begriffe wie König oder Reich unbefangen zu verwenden.

         So war es für mich naheliegend, als Evangelium denselben Text wie vor drei Jahren zu wählen.

Lesungen:

1.      Sach  14, 7 - 11

Und es wird ein einziger Tag sein
      -   man wird ihn als seinen Tag erkennen!   -,
da wird nicht Tag sein und nicht Nacht,
aber es wird geschehen:
Zur Abendzeit wird dasein ein Licht.
Geschehen wird´s an jenem Tag:
Lebendige Wasser werden von Jerusalem her strömen,
eine Hälfte zum östlichen Meer, eine Hälfte zum westlichen Meer,
gleichermaßen im Sommer wie im Winter.
Und Er wird König werden über die Erde.
An jenem Tag wird Er sein der einzige,
und sein Name wird sein der einzige.
Und das ganze Land wird eine umfangene Ebene sein,
von Geba bis nach Rimmon im Süden.
Aber Jerusalem ragt hoch auf und wohnt an seinem Platz,
vom Benjamin-Tor bis zur Stelle des früheren Tors,
bis hin zum Eck-Tor,
und vom Chananel-Turm bis an des Königs Keltern.
Und sie werden darin wohnen;
Es gibt keinen Bann mehr,
denn in Sicherheit wohnt Jerusalem.

     

2.      Kol  1, 12 - 18 a

Voller Freude sagt Dank dem Vater, der euch für die Erbengemeinschaft  der Heiligen im Licht  tauglich gemacht hat.
Er hat uns befreit  aus der Herrschaft der Blindheit und hineingestellt  in das Reich des Sohns seiner behütenden Liebe,  in welchem wir die Erlösung haben: das Freisprechen von allen Fehlern.
Er ist das sichtbare Ebenbild des unsichtbaren Gottes, als erster geboren vor aller Schöpfung.
Denn in ihm wurde das ganze All erschaffen, 
in den Himmeln und auf der Erde,
das sichtbare und das unsichtbare  
-   seien es Dynastien oder Herrschaftssysteme,
Regierungen oder Diktaturen   - :
Alles ist durch ihn und auf ihn hin erschaffen.
Und er ist vor allem
und alles hat in ihm seine Ursache.
Und er ist das Haupt des Leibes:  der Gemeinde.

3.      Lk 12, 22 - 34

Da sagte Jesus zu seinen Jüngern:
(...)  Macht euch keine Sorgen um euer Leben,
was ihr wohl esst,
noch um euren Leib, was ihr wohl anzuziehen habt.
Denn das Leben ist viel mehr als Ernährung
und der Leib viel mehr als Kleidung.
Betrachtet die Raben:
Weder säen sie noch ernten sie,
sie besitzen keine Vorratskammer, keine Scheune,
und Gott ernährt sie doch!
Und wie viel höher steht ihr als die Vögel!
Wer von euch könnte   -  auch mit aller Mühe  -
seinem Lebensmaß auch nur eine Elle hinzufügen?!
Wenn ihr nun nicht einmal das Unbedeutendste vermögt,
was sorgt ihr euch dann um das Weitergehende?
Betrachtet die Lilien, wie sie weder spinnen noch weben:
Ich sage euch: Nicht einmal Salomo in all seiner Pracht
war so gekleidet wie eine von ihnen!
Wenn nun Gott die Saat, die heute auf dem Feld steht
und morgen im Backofen landet, so kleidet:
Um wie viel eher wird er euch kleiden   -   ihr Misstrauischen!
Also denkt nicht fortwährend darüber nach,
was ihr essen oder trinken sollt   -  
hängt dieses Thema nicht so hoch!
Um nichts anderes dreht sich doch Sinnen und Trachten
der Völker der Welt;
aber euer Vater weiß doch, dass ihr all dessen bedürft!
Viel mehr richte sich euer Begehren auf sein Reich:
und alles wird euch gewährt sein.
Keine Angst, du kleine Herde:
Denn euer Vater hat längst entschieden, euch sein Reich zu geben!
Verkauft, was ihr habt und gebt den Bedürftigen!
Macht euch stattdessen Geldbeutel, die nicht alt werden,
einen unerschöpflichen Schatz in den Himmeln,
wo kein Dieb in die Nähe kommt und den keine Motte vernichten kann.
        
Denn wo euer Schatz ist, dort wird auch euer Herz sein!

 

Auslegung

         Vor einiger Zeit las ich auf einem Familiengrabstein folgende Inschrift: "Hier warten wir auf den Jüngsten Tag". Meine erste Reaktion war: Dann wartet mal schön!
Das war zynisch, ich weiß.

         Erlauben Sie mir eine kleine Imaginationsübung (Sie müssen nicht, dürfen aber gern die Augen schließen):

         Stellen Sie sich einen Menschen vor, der stirbt in der Fülle der gelebten und erfahrenen Liebe; in dem Bewusstsein: alles hat so sein dürfen, wie es gekommen ist, und es war gut so und ist gut so; "und Gott sah, dass es gut war"; dieser Mensch öffnet sterbend die Hände und sagt: Dein Reich komme  ≈  sei willkommen, Du König meines Lebens! Und er stirbt mit einem Lächeln auf den Lippen. Und alle Anwesenden fühlen Schmerz und Trost zugleich. Licht, das uns anstößt früh am Morgen. Ein Herz, erneuert aus der Glut der Liebe, einer Liebe ohne Anfang und Ende, die alles trägt, komme, was kommt.

_ _ _ _ _ _

         Ich höre Sie sagen: Das ist ja sentimentaler Kitsch, spirituelle Lyrik, schlechtes Hollywood, das ist ganz an der Realität vorbei, unsere Erfahrungen mit Sterbenden sind anders: der Tod ist hässlich; im Tod sind wir alle hässlich; da herrschen Schmerz und Angst; die Fülle des Glücks gibt es erst nach dem Tod.  

         Das ist richtig und unrichtig zugleich (die Wahrheit ist  - wie immer -  nicht einfältig). Wir alle haben Angst vor dem Tod, deshalb leugnen wir ihn so konsequent. Oft kommt diese Angst aus dem Gefühl: Ich habe noch nicht gelebt  -  wieso soll ich schon jetzt sterben? Unzählige Psycho-Wochenenden bieten dieses Thema an: "Mein ungelebtes Leben". Was wir suchen, wünschen, ersehnen, und was wir haben, leben, erleben: Das ist meist zweierlei. So jedenfalls kommt es uns vor. Wir fühlen uns als Noch-Nichte ..., als Unerfüllte, als Bedürftige.

         Horchen wir in unsere heutigen Texte hinein:

         Der erste Text, entstanden um 500 v.Chr., also ungefähr eine Generation nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft, wird Sacharja zugeschrieben (die neuere Forschung allerdings bestätigt dies nur für die erste Hälfte der Texte). Sacharja entwirft eine Reihe von Visionen, in denen er dem geschundenen Volk Israel Heilung und Wiederherstellung verheißt. Heilung könne geschehen, wenn alle die Lehren aus der eigenen Geschichte ziehen und sich besinnen auf die Mosaischen Tugenden der Barmherzigkeit und Güte, statt in dumpfer Regeltreue das Fasten und andere Gebote überzuerfüllen.

         Dies ist die Verheißung eines messianischen Reiches voller Frieden, voller lebendigen Wassers, ohne Eis und Frost; "es wird dann keine Händler mehr geben im Haus des Herrn"  -   so heißt es im letzten Vers des Gesamttextes. (Die Geschichte von der Vertreibung der Händler aus dem Tempel durch Jesus ist eine unmissverständliche Anspielung auf diesen Satz.)

         Das Ganze ist  - wie der Jesaja-Text, den wir vor einer Woche hörten -  ein eminent politischer Text: Die messianische Heilserwartung des jüdischen Volkes war sehr konkret, sehr gegenständlich, sehr diesseitig. Das ist aber nur die eine Seite. Die andere ist eine ebenso klare theologische Position. Wir sehen das an der großartigen Poesie der Sacharja-Texte und an der metaphernreichen Sprache: Wenn er schreibt, dass der Ölberg von Jerusalem sich in zwei Teile spalten werde, oder wie die lebendigen Wasser von Jerusalem östlich und westlich fließen werden   -   das ist nur noch bedingt diesseitig; und nur noch bedingt einer textkritischen Exegese zugänglich: Hier ist das subjektive Zuhören gefragt, hier haben wir es mit Literatur zu tun, einer Poesie, die sich weder von den Grundfragen der menschlichen Existenz entfernt hat, noch von der konkreten gesellschaftspolitischen Situation. Ich wünschte, wir hätten heute einen solch sprachkräftigen Propheten, der sich in dieser Weise zu Wort meldete!

         Auf einen besonderen Umstand in unserem ersten Text möchte ich Sie aufmerksam machen: Sacharja bündelt seine Vision räumlich und zeitlich. Es ist ein Tag, an dem das geschieht, der Tag des Herrn, und es ist ein Ort, Jerusalem. Schon dieser Umstand zeigt, dass wir es mit einem metaphorischen Sprechen zu tun haben, denn der Herr "wird König werden über die Erde", nicht nur über ein paar Quadratkilometer Israel. Dieser Tag ist jeder Tag, den Gott werden lässt, dieses Jerusalem ist jedes Fleckchen dieser unserer Erde.

         Was auf den ersten Blick so aussieht wie ein gigantischer Zentralismus (Jerusalem als Welthauptstadt), löst sich bei Sacharja unmerklich auf: Schafft eins, zwei, drei, ganz viele Jerusalems! Im Schlussvers heißt es: "Alle Töpfe im ganzen Land werden heilig sein" (14,21)  -   nicht nur die Opfertöpfe im Tempel ...

         Unsere Barmherzigkeit und Güte also sind letztlich die Anzeichen für die Anwesenheit des Reiches Gottes.

         Paulus geht in seinem Kolosserbrief einen Schritt weiter: "Er hat uns befreit aus der Herrschaft der Blindheit und hineingestellt in das Reich des Sohns seiner behütenden Liebe", haben wir gerade gehört. Beachten Sie die Zeitform dieser Aussage: Ist es bei Sacharja noch das prophetische Futurum I, so haben wir hier das Perfekt I, also die abgeschlossene Handlung im Jetzt. Im ersten Text die Verheißung, im zweiten die Feststellung: Wir stehen bereits inmitten des Reiches der Liebe!

         Dabei ist der Paulustext mitnichten unhistorisch: Im Gegenteil, er spannt einen Bogen vom Anfang der Zeiten bis hinein in den jetzigen Augenblick: "Alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen, er ist vor allem und alles hat in ihm seine Ursache. Und er ist das Haupt des Leibes: der Gemeinde". Was bei Sacharja noch Metapher war, wird hier zur gegenwärtigen Wirklichkeit: Das abendliche Licht leuchtet uns, das lebendige Wasser strömt, es gibt keinen Bann mehr, wir sind nicht mehr blind.

         Im Griechischen haben wir nur ein Wort für "dunkel" und "blind"; theologisch gesprochen: wenn es finster ist, liegt es daran, dass wir nichts sehen. Nicht umgekehrt. In der Johanneischen Theologie ist das geradezu ein Zentral-Schlüssel, ohne den keine Verständnistür sich öffnet. Genau so ist der Eingangssatz der zweiten Lesung zu verstehen: "Voller Freude sagt Dank dem Vater, der euch für die Erbengemeinschaft der Heiligen im Licht tauglich gemacht hat". Wir stehen in der Genealogie derer, die sehen dürfen; wir sind ausgestattet mit der Möglichkeit zu sehen. Die Voraussetzung dazu ist: Wir brauchen nur zu hören, wie Paulus an anderer Stelle schreibt: Der Glaube kommt vom Hören (Röm 10,17). Natürlich ist da nicht ein intaktes Trommelfell gemeint, sondern das Zuhören, Hinhören auf das lebendige Wort Gottes.

         Zu keinem anderen Zweck ist dieses Wort menschlich geworden, hat sich untrennbar in diese Erde eingepflanzt, hat es sich dem Menschlichen unterworfen bis in die letzte Konsequenz hinein, den Tod. Und ist jetzt da als "Haupt des Leibes": Hier in der Gemeinde. Da ist wohl ein "Dank voller Freude" mehr als angemessen!

         Noch einmal anders gesagt: Wäre Gott nicht Mensch geworden, dann wäre das Wort der bedingungslosen Liebe niemals in die Hörbarkeit gelangt. Das ist der Grund, warum wir nur aus der Gnade heraus glauben können: Wenn niemand zu uns spricht, können wir auch nichts hören. Gott hat gesprochen und spricht, es ist an uns, zuzuhören. Und dann geht das Licht an.

         Von Sacharja zu Paulus ist es ein elementarer Schritt: Vom Futurum I zum Perfekt I, von der Vision zur unumstößlichen Realität, vom Noch-nicht zum Schon. Dabei hat sich politisch so erregend viel nicht getan in diesen 500 Jahren. Die frühen Christen lebten nicht unbedingt in einem Land voller Milch und Honig.

         Aber was Sacharja noch sehr poetisch verdeckt angedacht hatte, ist nun Wirklichkeit: Das Neue Jerusalem mit all seinem unerschöpflichen Leben kann sich überall ereignen, in Ephesos, in Korinth, in Philippi, in Saloniki, in Jerusalem, sogar in Rom. Und natürlich auch in Bremen. Überall, wo Gemeinde ist, ist Jerusalem, ist Reich Gottes.

         Damit steht die Botschaft des Neuen Bundes in unmittelbarer Folge des Alten Bundes mit Noah: "Und Gott segnete Noah und seine Söhne und sprach: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde". Wir erinnern uns, dass mit dem Turmbau zu Babel das Volk genau diesem Auftrag zuwiderzuhandeln begann, indem es ein zentralistisches Regime zu gründen versuchte. Wir wissen, wie das ausging: Gott zerstreute das Volk in alle Winde, denn: dezentral ist das Reich Gottes und überall auf der Welt sind Barmherzigkeit und Güte möglich. So gesehen, ist ein Vatikanstaat irgendwie ein Widerspruch in sich ...

         Aber die elementare Angst ist Wegbegleiter der Menschen seit   -   ja, eigentlich seit immer schon. Und damit komme ich zur dritten Lesung. Wir haben Angst um unser Dasein, um Essen, Kleidung, Wohnung. Bei Vielen ist es eine Angst auf hohem Niveau; aber Angst ist Angst, ob in Schwachhausen, in Tenever oder im Sudan. Und da kommt nun Lukas und lässt Jesus sprechen: "Macht euch keine Sorgen um euer Leben, was ihr wohl esst, noch um euren Leib, was ihr wohl anzuziehen habt". Der hat leicht reden, möchte man sagen.

         Und er fährt fort: "Denn das Leben ist viel mehr als Ernährung und der Leib viel mehr als Kleidung". So gesehen, können wir dem nicht widersprechen. Die Feinheiten beginnen  - wie so oft -  bei der Übersetzung dieser Texte. Dort, wo ich  - mit Luther und der Einheitsübersetzung -  die Worte "Leben" und "Leib" verwendet habe, stehen im Griechischen (psyche) und (soma), an anderen Orten mit Seele und Körper übersetzt. Das ist wirklich ein Problem: Im Griechischen gibt es eine ganze Reihe von Wörtern, die man mit Leben übersetzen kann. Selbst das Wort (haima) ≈ Blut wird in diesem Sinn verwendet. In unserem Kontext ist die Fassung "Leib und Leben" wohl ganz passend, zumal beide Wörter auch im Deutschen etymologisch aus der selben Wurzel stammen.

         Genau da aber entsteht auch der Reiz des Textes: Leben im materiell körperlichen Sinn und Leben im christlichen Sinn sind offenbar weder identisch noch scharf getrennt. Hier beginnt unser Hören und Sehen.

         Lukas lässt Jesus sagen: Hängt die materielle Seite des Lebens nicht so hoch! Die griechische Vokabel dafür [] wird in der Medizin für Blähung benutzt. Also: Bläht die Bedeutung der materiellen Seite nicht unangemessen auf! Das fortwährende Kreisen der seelischen und geistigen Konzentration auf diese Themen trennt euch eher von dem, worum es im Letzten geht. Nicht, dass die materielle Befindlichkeit völlig belanglos wäre, aber das exklusive Besessensein von diesen Sorgen führt von Gott weg. "Alles Sinnen und Trachten der Völker der Welt" dreht sich just darum (Lukas meint die nicht-christlichen Bevölkerungsanteile), und  - so Lukas -  das machen wir nicht mit! Denn "euer Vater weiß doch, dass ihr all dessen bedürft!"

         Das Eigentliche, das wirklich Beruhigende aber hat Gott uns längst gegeben: Sein Reich. Das ist ein Schatz, wo kein Dieb in die Nähe kommen kann, keine Motte nagt und kein Finanzminister zugreifen kann.

         Sacharja hatte formuliert: "In Sicherheit wohnt Jerusalem". Damit sind wir wieder am Beginn unserer Überlegungen. Die Sicherheit, die in Jerusalem wohnt und die uns Paulus und Lukas als real gegenwärtig zusprechen: Was ist das für eine Qualität?

         Wir beten: "Dein Reich komme!". Warum sollten wir um etwas bitten, was uns längst gegeben ist? Da haben wir wieder die spannungsreiche Dynamik des Noch und Schon, die jedem Gebet innewohnt  -  und grundsätzlich der Existenz jedes Christen innewohnt. "Nun sei uns willkommen", dichtet Huub Oosterhuis in einem Weihnachtslied; in einer Zeile heißt es: "Geht an jene Straßen, und ihr werdet ihn finden da!" Das genau ist der Punkt: Geht an jene Straßen! Wenn wir an die Straßen gehen, also an die Orte, zu denen wir gerufen sind, werden wir ihn finden. Und zwar jederzeit und an jedem Ort. Jerusalem ist überall. Und Jerusalem ist jederzeit. Nicht woanders und nicht erst morgen, oder gar erst, wenn unser Körper aufgebahrt ist.

         Das ist ja das eigentliche Skandalon der christlichen Botschaft:Das radikale Jetzt, in dem Erlösung stattfindet. Wenn nicht jetzt, dann nie! Gottes Liebe ist unwiderruflich, in jedem Augenblick und an jedem Ort der Welt. "Wer wollte uns trennen von der Liebe Christi?", fragt Paulus im Römerbrief (Röm 8,35). Niemand natürlich. Alles andere wäre unserer Aufmerksamkeit auch nicht wert. Wellness und esoterischen Trost gibt es feil, gegen tüchtiges Honorar, vorübergehend. Die übergroße Liebe Gottes aber ist bedingungslos und ohne Ende. Das ist der Unterschied. Auch zu allen Religionen.

         Das Warten auf den "Jüngsten Tag", mit dem ich meine Gedanken begann, erweist sich so als ein tiefes Missverständnis der christlichen Botschaft. Es ist allerdings breit verankert im kirchlichen Leben der letzten Jahrhunderte. Jesus aber hat nicht so sterben müssen, um uns zu erlösen. Das war keine Bedingung! Sein dramatischer Tod ist uns aber zur Botschaft geworden, die wir sonst vielleicht nicht so aufmerksam hätten hören können: Nicht der Tod als solcher führt zur Erlösung, sondern sogar im Tod hat die Angst keine Herrschaft über uns, nicht einmal im Todsind wir verlassen, sogar im Tod sind und bleiben wir geliebt, Geliebte Gottes, genau so sehr wie im Leben.

         Der Volksmund kennt den schönen Ausdruck "Sankt-Nimmerleins-Tag". Genau auf den wollte uns manche alte Predigt vertrösten. Und genau dagegen schreiben mit heftigem Engagement die Autoren des Neuen Testaments an, und im Licht dieser auch die des Alten Testaments. Die ganze Heilige Schrift  - vom Schöpfungsbericht bis hin zur Johannes-Offenbarung -  läuft auf diesen einen Punkt hin: Wir sind bedingungslos und ohne jegliche zeitliche oder räumliche Einschränkung aufgehoben in der Liebe Gottes.

         Sagen Sie das mal Ihrem morgendlichen Spiegelbild. An dem Grad unserer Glaubwürdigkeit in dieser Situation können wir in etwa ermessen, wie ernst wir es mit der christlichen Botschaft meinen. Wir könnten auch mal probieren, morgens nach dem Erwachen als erstes zu sagen: "Dein Reich komme". Eigentlich nicht so absurd, denn es ist ja schon da. Unser Zögern angesichts solcher Übungen bezeichnet präzise unser Problem: Unser Misstrauen, wie Jesus es im Lukas-Text nennt.

         Die Fülle des Daseins, das "ewige" Leben, das Reich Gottes gibt es auch vor dem Tod.

Die Erlösung ist unabhängig vom Tod.

Der spielt einfach keine Rolle mehr  ....  (vgl. 1 Kor 15,55).

So soll es sein.

 

 

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