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„an den einen Gott, den Vater ...“ von: Michael Wehrmeyer
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„..., den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde ..."
(Ex 3, 4-15 & Mt 6, 5-15)

Liebe Schwestern und Brüder! 

Stellen Sie sich vor, Sie bekämen jetzt ein leeres Blatt Papier von mir, dazu 2 farbige Stifte und den Auftrag: Malen Sie mit wenigen Linien ein Bild von Gott! Versuchen Sie, symbolisch darzustellen, wer Gott für Sie ist! Was würden Sie malen? Ich gebe zu, in der Kürze der Zeit sicher eine Überforderung, diesem Auftrag nach zu kommen. Vielleicht gehen Sie ihm zu Hause einmal in aller Ruhe nach. Mit diesem Einstieg jedenfalls habe ich den ersten des mittlerweile achtteiligen Glaubenskurses für Erwachsene in meinen beiden Gemeinden St. Josef und St. Nikolaus begonnen. Es ging um die Frage nach „Gott“. Neben einem weißen Blatt mit der Anmerkung des „Künstlers“, sein Bild von Gott sei so vielgestaltig, er könne es nicht darstellen, waren es vor allem folgende Bilder, die zu Papier gebracht wurden: Ein Schiff oder Boot, getragen vom Wasser. Eine überdimensionale Hand, darin geborgen eine menschliche Figur. Ein Wasser-tropfen, der sich auf ein zartes Pflänzchen ergoss. Natürlich spricht aus all diesen Bildern die Schwierigkeit, Gott genauer oder konkreter zu fassen. Das widerspräche ja auch dem immer noch gültigen Bilderverbot: Gott lässt sich in seiner Größe und Vielfalt nicht wirklich fassen! 

Dennoch ist diesen Bildern etwas ganz Wichtiges gemein: Sie sprechen von einer persönlichen Erfahrung mit Gott: Gott als der, der mich trägt, wie das Wasser ein Schiff oder Boot. Gott als der, der mein Leben trägt und mir Lebenskraft gibt wie der Regentropfen der Pflanze.

Keine abstrakte, sondern eine persönliche Erfahrung mit Gott steht auch am Beginn unserer gesamten Glaubensgeschichte, nicht so sehr die eines einzelnen sondern die eines ganzen Volkes. Seit es Menschen gibt, gibt es den Glauben an übernatürliche und göttliche Mächte, an Engel und Dämonen. Die Mächte der Natur, die gewaltige Größe des Himmels, die unberechenbaren Launen des Schicksals und auch die dunklen Abgründe der menschlichen Seele waren von Anfang an Tore, hinter denen die Menschen überirdische Mächte und Gewalten erahnen konnten. Angst und Glückserfahrungen trieben die Menschen dazu, diese Gewalten zu fürchten und zu verehren.
Aus diesem Hintergrund tritt etwa um 1200 vor Christi Geburt der Gott JAHWE heraus, der Gott des alten Testamentes. Er unterscheidet sich grundlegend von den Göttervorstellungen und dem Dämonenglauben der damaligen religiösen Umwelt. Dieser Gott ist aufs Engste verbunden mit der Person des MOSE und einer kleinen Gruppe von Hebräern, den Israeliten. Einzelne semitische Familien, Clans und Sippen, waren in den Jahrhunderten zuvor bereits in Ägypten eingewandert. Hunger und Not hatten sie in das fruchtbare Niltal getrieben. Sie gewannen zeitweilig großen Einfluss und Macht. Zur Zeit des Mose allerdings, zwischen 1300 und 1200 v. Chr., waren sie zu Sklaven herabgedrückt worden und mussten harte Fronarbeit leisten. 
Und hier kommt nun der Abschnitt aus dem Buch Exodus ins Spiel, den wir eben als Lesungstext gehört haben: Jahwe offenbart sich dem Mose inmitten der Wüste, im brennenden Dornbusch - so jedenfalls bebildert es die Bibel. Was damals „historisch“ genau geschah, bleibt sicher im Dunkeln. Dass aber etwas Entscheidendes geschah, zeigt sich im weiteren Verlauf der Ge-schichte. Im Namen und im ausdrücklichen Auftrag des Gottes JAHWE muss Mose die Flucht der Israeliten aus Ägypten organisieren, und er muss die hebräischen Sklaven davon überzeugen, dass auf diesen „Gott aus der Wüste“ unbedingt Verlass ist. Und offensichtlich ist ihm das gelungen. Die Israeliten schenken Gott Vertrauen und die Flucht aus der militärischen Überlegenheit Ägyptens gelingt. Der „Gott der Wüste“ zeigt sich als der, als der er sich dem Mose offenbart hat: Als der „ICH BIN DER, DER ICH FÜR EUCH DA SEIN WERDE“. Und er beweist diese Treue auch in der Zukunft: Dem Auszug aus Ägypten folgen Jahre der Wüstenwanderung, Kämpfe und Auseinandersetzungen. Teils friedlich, teils kriegerisch wird das verheißene Land, das heutige Palästina, in Besitz genommen. Israel ist zu dieser Zeit ein loser Stämmeverband, ein Volk ohne zentrale Regierung, ohne gemeinsame Verteidigungspolitik, ohne stehendes Heer. 

Und dennoch: In Stunden der Not und Gefahr sind sie da, die charismatischen Feldherren, die gerechten Richter, die klugen Führer. Einfache Bauern und Hirten schlagen Berufsheere in die Flucht. Für die Israeliten war klar: All diese Ereignisse sind nicht zu erklären mit Glück oder Zufall, dass geht nicht allein auf das Konto ihrer Geschicklichkeit. 
Was sie sind und haben verdanken sie JAHWE. Er hat seine Macht in ihrer ganz konkreten Geschichte bewiesen. Er ist es, der alles bewirkt hat und in allem wirkt. Er ist der in allem WIRKMÄCHTIGE, der ALLMÄCHTIGE. 

Am Anfang unserer Glaubensgeschichte, liebe Schwestern und Brüder, steht eine persönliche Erfahrung, die Erfahrung eines ganzen Volkes. Nicht abstrakt ist das Bekenntnis zu Gott, sondern erlebt, in der eigenen Geschichte fundiert. Ausgehend von dieser geschichtlichen Erfahrung, von der Erfahrung des Exodus, macht sich dann die folgende Überzeugung breit: Ein Gott, der sich in unserer ganz konkreten Geschichte als der in allem wirkmächtige, als allmächtig erwiesen hat, muss die Geschicke seines Volkes auch im Vorfeld begleitet haben. So werden die Erfahrungen des Volkes Israel auch auf die Vorgeschichte bezogen, auf die Geschichte der Erzväter Abraham, Isaak und Jakob, ja sogar auf die Entstehung allen Lebens, auf die Schöpfung. Der Glaube an die Allmacht Gottes und der Schöpfungsglauben, der Glaube an Gott als den Schöpfer des Himmels und der Erde, den Erschaffer alles Sichtbaren und Unsichtbaren, gehören untrennbar zusammen. Er ist die äußerste Ausweitung der Geschichte Gottes mit seinem Volk. 
Schon von allem Anfang erweist Gott sein JAHWE-Sein. Er erweist sich als DER, DER FÜR DIE MENSCHEN DA IST. Die grundlegenden Aussagen des christlichen Schöpfungsglaubens finden sich schon auf den ersten Seiten des AT, und zwar in zwei Schöpfungsberichten: dem Sieben-Tage-Werk und der Paradies-Erzählung. Sie gehen zwar auf unterschiedliche Verfasser zurück, stimmen aber im Glauben an Gott, den Schöpfer, völlig überein. Gerade der erste Schöp-fungsbericht denkt den Allmachtsgedanken, den Gedanken, dass Gott alle Macht hat, konsequent durch: Er spricht von einer „Schöpfung aus dem Nichts“. Damit ist nicht gemeint, das Nichts sei der Stoff, aus dem die Welt gemacht ist. Vielmehr wird das Fehlen jeder stofflichen Voraussetzung behauptet. Positiv ist damit ausgesprochen, dass Gott allein und ausschließlich der Grund der Welt ist, dass diese völlig von ihm abhängt und in allem, was sie ist, Anteil hat an Gottes Sein. 
Und noch etwas betont der erste Schöpfungsbericht: Dass die Schöpfung von allem Anfang an auf Vollendung ausgerichtet ist. Er bringt es bildlich dadurch zum Ausdruck, dass er Gott am 7. Tag, nachdem er sein Werk vollbracht hat, ruhen läßt. Damit ist natürlich nicht gesagt, dass Gott von seiner Arbeit müde geworden sei; vielmehr ist gesagt: Das Ziel der Schöpfung ist der Sabbat, die Verherrlichung Gottes. Deshalb schreibt Paulus im Römerbrief, die ganze Schöp-fung warte sehnsüchtig und unter Geburtswehen auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes, das heißt: auf die Herrlichkeit des vollendeten Reiches Gottes. Die erste Schöpfung ist also auf den „neuen Himmel und die neue Erde“ hin geordnet. Sie findet ihre Vollendung, wenn einmal Gott - so sagt es der 1. Korintherbrief - „alles in allem“ sein wird. So ist die Schöpfung keine starre Wirklichkeit, sondern ein GESCHEHEN, das nicht abgeschlossen, sondern offen ist für die Zukunft, die Gott selbst für die Menschen ist. Vom Anfang bis zum Ende erweist er seine Allmacht. Vom Anfang bis zum Ende erweist er sein JAHWE-Sein, zeigt er, dass er ein GOTT-FÜR-DIE-MENSCHEN ist. Unüberbietbar aber hat er es gezeigt in Jesus Christus, seinem Sohn. In ihm bekommt Gottes Zuwendung Hand und Fuß, in ihm offenbart sich - greifbarer ist es nie geschehen und wird es nie geschehen bis zum Ende der Welt - , wer Gott wirklich ist: der gute VATER, uns Menschen zugewandt, in Sorge um uns, in jeder Sekunde unseres Lebens DER, DER-FÜR-UNS-DA-IST. 


Liebe Schwestern, liebe Brüder! 
Aus der Gotteserfahrung eines verschwindend kleinen Volkes offenbarte sich eine alle Wirklich-keit und Zeit und Ewigkeit umspannende Geschichte, die ihre Bestätigung fand im neuen Bund mit Jesus Christus: DIE GESCHICHTE GOTTES MIT UNS MENSCHEN. 
Zu ihr bekennen wir uns wenn wir sprechen: ICH GLAUBE AN GOTT, DEN VATER, DEN ALLMÄCHTIGEN, DEN SCHÖPFER DES HIMMELS UND DER ERDE.

Amen
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