„..., an den einen Herrn, Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, unseren Herrn ...“
(1 Thess 5, 1 – 6; Mt 25, 14 - 21)
Liebe Schwestern und Brüder !
Wir haben uns vorgenommen, den einen oder anderen Glaubensartikel des Glaubensbekenntnisses ins Gespräch zu bringen , ihn für uns verstehbar zu machen, den Versuch zu machen, wie wir das dort Gesagte in unser eigenes Glaubensleben einbringen können. Heute steht im Mittelpunkt das Bekenntnis: „Wir glauben an den einen Herrn, Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn“. Wir haben damit zugleich auch die Schritte, die wir zu gehen haben:
1. Jesus -
2. Christus -
3. Gottes eingeborenen Sohn
und letztens: unser Herr.
1. Das Stichwort „Jesus“
Dieser Name war in der Zeit, da Jesus lebte, ein beliebter und verhältnismäßig oft vorkommender Name. Jeschua im Hebräischen oder später die Form Jehoschua. Zu Deutsch: Jahwe ist Hilfe, er ist unsere Rettung. Der Name nimmt das auf, was Israel in seiner Geschichte erfahren hat: Gott führt zu Freiheit und Würde. Er schenkt uns seine Hilfe auf dem Weg. Wenn wir nach den geschichtlich fassbaren Daten fragen, stehen wir in folgender Schwierigkeit: Fast alles, was wir von Jesus wissen, kommt aus dem Neuen Testament, ist, wenn man so will, von Menschen geschrieben, die pro domo sprechen. Es ist halt ihr Interesse; zu diesem Jesus haben sie ein besonderes Verhältnis, es braucht uns darum nicht zu wundern, wenn wir in unseren heutigen Tagen in bestimmten Magazinen oder Illustrierten oder Fachzeitschriften immer wieder folgende Bemerkungen finden: „Von Jesus wissen wir fast gar nichts“. Die historischen Quellen außerhalb des Christentums berichten sehr wenig von ihm. Wir können in etwa sagen, dass er 6 oder 7 („vor Christus“) in der Regierungszeit Herodes I. (des Großen) geboren wurde. Alle, die das NT als historisch nicht zuverlässig ansehen, sagen: mehr wissen wir auch kaum von ihm. Vom öffentlichen Auftreten, das ist alles 'parteilich' geschrieben.
Für den, der Jesus und die Quellen ernster nimmt, der wird nicht bezweifeln, dass auch Historisches in den Evangelien festgehalten ist. Vor allen Dingen werden die Kindheitsgeschichten Jesu von vielen, die sich mit dem Leben Jesu beschäftigen, als theologisch-christologische Reflexion angesehen ohne jeglichen sicheren historischen Hintergrund. Dass er in Bethlehem geboren ist, wird von vielen in Frage gestellt. Sie meinen, das ist ein theologischer Ort, weil Lukas und Matthäus, die beide ja ein Kindheits-Evangelium haben, nicht an erster Stelle historische Ereignisse schildern wollen, sondern sie durchleuchten bereits die Anfänge Jesu von seinem ganzen Leben her. Und sie tragen in das Kindheits-Evangelium bereits die gesamte Botschaft des NT mit ein. Da sie Wert darauf legen, dass Jesus ein Sohn Davids ist - so die Argumentation -, ist es logisch, dass er in Bethlehem geboren ist. Da die anderen Evangelisten immer nur vom 'Mann aus Nazareth' sprechen, sagen viele: mit einiger Sicherheit kann man sagen, er ist in Nazareth geboren und dort hat er gelebt. Da scheiden sich natürlich die Geister. Wir müssen einfach zur Kenntnis nehmen: zweitausend Jahre Weihnachtsfest feiern hat unser Denken und Empfinden geprägt. Wir werden eine Revolution bei unseren Gläubigen erfahren, wenn man derartig „lieblos“, wie sie meinen, mit den Texten der Kindheits-Evangelien umgeht. Darum können wir nur festhalten: es gibt diese Sicht.
Historiker sagen: aus unserer Sicht müssen wir viele Fragezeichen setzen.
Der Glaubende sieht Jesus Christus eben nicht alleine als Historiker, sondern er verbindet mit den dort angegebenen Orten auch Glaubensgeschichte. Und es ist sicher so, wie man es auch bei jedem Besuch im Heiligen Land vom Führer oder Begleiter hört: Die Orte sind schon deswegen 'heilig', weil dort Jahrtausende gebetet haben. Man kann sagen, historisch mag das in Frage stehen, aber dass dort Millionen Menschen an der Stelle niedergekniet haben und Dankbarkeit im Gebet ausgedrückt haben für das Geschenk, das uns in Jesus geschenkt ist, ist für den glaubenden Menschen Sicherheit genug. Mehr braucht er nicht. Auf einen 'Historikerstreit' sich einzulassen, bringt uns im Glauben nicht weiter.
Nazareth liegt 30 km vom See Genezareth entfernt, auf halbem Wege zum Mittelmeer. Als ich dies vorbereitete, war mir das eigentlich neu, das so aufzunehmen: nur 6 km von Nazareth entfernt liegt die hellenistische Stadt Sephoris, eine Provinzstadt. Die bedeutende Stadt Nazareth war ein winziger Ort! Er wird niemals im AT erwähnt, zu minimal. Darum sagt ja auch Nathanael: „Kann aus Nazareth etwas Gutes kommen?“ Das ist ein Ort, der ist überhaupt nie erwähnt worden. Also ein winziger Ort, wahrscheinlich besetzt von ein paar Hirten und ein paar Handwerkern. 6 km entfernt ist ein Aufstand gewesen, 4 v.Chr., also Jesus war ungefähr drei Jahre alt, als wenige km von seinem Heimatort ein Putsch-Versuch gegen die römische Herrschaft gemacht wurde. Der uns namentlich wohlbekannte Statthalter Quintilius Varus, der mit seinen Truppen im Teutoburger Wald zu Tode gekommen ist, kämpfte damals gegen die jüdischen Widerstandskämpfer. Er hat die ganze Stadt Sephoris in Schutt und Asche gelegt. Und sicherlich hat Nazareth davon auch etwas mitgekriegt. Wir können uns nicht gut vorstellen, dass die Truppen Roms nicht auch die ganze Umgebung durchgekämmt haben. Also ist Jesus in einer sehr unruhigen Zeit groß geworden. Nazareth und die Umgebung Sephoris´ war ein 'Terroristen-Nest'. Die Römer haben dort ihre ganze militärische Macht eingesetzt. Herodes Agrippa, also ein unverdächtiger Zeuge, schreibt, wie es damals ausgesehen hat: Misshandlungen, Bestechungen, Gewalttaten, Ausplünderungen, Provokationen, Hinrichtungen ohne Gerichtsurteil, brutalste Grausamkeit waren an der Tagesordnung. Also, von dem idyllischen Nazareth, wie wir das oftmals so erzählen - nichts davon!
Jesus hat also in seiner Kindheit das erlebt, was viele heute in Palästina erleben unter den ganz neuer Umständen, die da sind. Also, eine ganz unsichere, bedrohte Kindheit hat er mitgemacht.
Warum er plötzlich mit 30 Jahren aufbricht und ein Wanderprediger wird, entnehmen wir aus der Hl.Schrift. Der Historiker kann keinen inneren Grund erkennen, warum er plötzlich eine Predigt-tätigkeit beginnt. Gesichert ist es jedenfalls, denn durch Tacitus und Sueton u.a. antike Zeugnisse wird festgehalten, dass es diesen Jesus gegeben hat, dass er aufgetreten ist und dass er letztlich der römischen Gewalt ausgeliefert wurde. Und der Messias-Titel, den man damals als Hoffnungs-Titel sah, den er selbst für sich abgelehnt hat, wurde ihm zum Verhängnis.
Stichwort „Jesus“, eine kurze Skizze von dem Menschen Jesus.
2. Das Stichwort „Christus“
Das ist nicht sein Nachname. Heute meinen ja manche, so wie einer „Adalbert Keilus“ heißt, heißt der „Jesus Christus“. Das ist natürlich nicht der Fall. Das ist kein Nachname, sondern es ist ein Name, der sich aus der jüdischen Tradition herleitet: aramäisch Messiah, griechisch Christos, lateinisch Christus übernommen, auf deutsch „der Gesalbte“. Damit ist zunächst der König gemeint. Er ist der Gesalbte des Herrn. Nach dem Untergang des Königtums blieb den Menschen im Judentum die Erinnerung an den 'Idealkönig' - und das ist David. Man erhoffte sich eine neue messianische Zeit, also das Kommen eines neuen Königs. Da die römische Besatzung, wie ich vorhin geschildert habe, eine so unheimliche Last auf das ganze Land legte (so wie man es sich psychologisch bei den Palästinensern gut vorstellen kann): Die Sehnsucht nach einem starken Menschen, der fähig ist, von dem Joch zu befreien und eine neue Zeit herbeizuführen. Und wenn da ein Funke nur da war, meinte man, die Idealperson sei gefunden.
Jesus Christus hat aber diesen Titel für sich abgelehnt, trotzdem haben ihn die Menschen ihm angehängt. Jesus enttäuschte die Messias-Hoffnungen. Das Markus-Evangelium (das wir jetzt nächstens beginnen) baut so auf, dass man nur von Kreuz und Auferstehung her begreifen kann, was dieser Titel CHRISTUS sein soll und bedeutet. Er (Markus) hat das Mittel des Schweigegebotes: Immer dann, wenn auftauchte „das ist der Messias“, hat Jesus gesagt, sie sollen schweigen, und erst nach seinem KREUZ kann man begreifen, was damit gemeint ist: Wie Jesus den MESSIAS-Wunsch erfüllt.
Dieser Doppel-Name Jesus Christus, wie er sich dann eingebürgert hat, hat doch etwas Bedenkliches in sich. Es ist nämlich so gekommen im Laufe der Geschichte - wenn Sie einmal an die Mosaiken denken in den romanischen Basiliken (das Schauen zu CHRISTUS, dem Erhöhten, dem Pantokrator), wenn Sie an viele Ikonen denken - : Man im Laufe der christlichen Frömmigkeitsbewegung den JESUS, den historischen Jesus, seine schmerzliche Geschichte, das Gehen durch Palästina und Galiläa beinahe vergessen. Die Gloriole, das Aufschauen zu IHM war ihnen wichtiger. Wir leben in einer Zeit, wo wir das wieder korrigieren. Wir bemühen, uns, den Juden Jesus wieder zu entdecken. Und nicht ganz freiwillig tun wir das. Die Geschichte, die uns eine unglückliche Situation mit dem jüdischen Volk gebracht hat, verlangt heute eine Aufar- beitung im Dialog mit dem Judentum. Und da ist der Anknüpfungspunkt: „der Mann aus Nazareth“, der Jude Jesus. Denn das trennt uns eben von den Juden: dass wir ihn den CHRISTUS nennen. Das ist nicht Denken der Juden, sonst wären sie ja Christen geworden.
Da sind wir jetzt dankbar, dass manch ein jüdischer Autor uns den jüdischen Hintergrund dieses Menschen Jesus unter Menschen seiner Zeit deutlich macht. Er wird wieder geerdet, wenn man so sagen will. Er wird von dem Gloriolenschein wieder hereingeholt in unser konkretes Leben. Das ist sicher eine positive Bewegung, die uns heute geschenkt ist.
3. Gottes eingeborener Sohn
In Israel wurde der König 'Gottes Sohn' genannt. Immer in der Vesper am Sonntag beten wir: „Er sprach zu mir, mein Sohn bist du, heute habe ich dich gezeugt“. Und zwar wird das eben in Richtung auf den König gesagt. Das Wort vom "Sohn Gottes" hat also zunächst in der Hl. Schrift diesen Schwerpunkt. Und er wird auch der „erstgeborene Sohn Gottes“ genannt. Im Ps 89, V.28 können wir lesen: (nachdem im 25.Vers gesagt wird: „Ich habe David, meinen Knecht gefunden und ihn mit meinem heiligen öl gesalbt“ [er ist also der Gesalbte des Herrn, der Christus, das ist David!]), und dann heißt es wenige Zeilen später im V. 28: „Ich mache ihn (nämlich David) zum erstgeborenenen Sohn, zum höchsten unter den Herrschern der Erde“. Also spüren wir, welch eine tiefe Verwurzelung dieser Titel in der Geschichte Israels hat. Und es spricht aus diesem Titel ein ungeheures Selbstbewusstsein und Erwählungsbewusstsein des Volkes Israel, des „Alten Bundes“. In späterer Zeit wird in Ex. 4,22 das ganze Bundesvolk 'Sohn Gottes' genannt: Dann sagt nämlich Mose zum Pharao: „So spricht der Herr: Israel ist mein erstgeborener Sohn“. Also: ganz Israel wird zum Sohn, zum erstgeborenen Sohn Gottes. Und noch eine Stufe weiter, im Buch der Weisheit, wird in 2,18 gesagt: „Ist der Gerechte wirklich Sohn Gottes, dann nimmt sich Gott seiner an und entreißt ihn der Hand seiner Gegner“.
Also zusammenfassend: Sohn Gottes ist ein Wort, das aus der alttestamentlichen Geschichte kommt, aus der Jesus ja ganz gelebt hat; und die Urgemeinde und die ersten Christen haben sich diesen ganzen Titel nicht aus den Fingern gesogen, sondern sie haben das übernommen aus den Schriftstellen, die ich eben vorgelesen habe.
Und nun bezeichnet Markus im ersten Satz seines Evangeliums, wo er sagt, weshalb er das Evangelium schreibt, das ist sozusagen die Überschrift: Anfang des Evangeliums von Jesus Christus (da kommen auch wieder die eben genannten Worte), dem Sohne Gottes. Er greift also das in der Tradition vorgegebene Wort auf und bezeichnet damit zunächst einmal: in der Reihe der Gerechten steht Jesus so, dass er auch diesen Ehrentitel Sohn Gottes empfängt. Und es ist das ganze Markus-Evangelium so auf gebaut, dass der Titel Sohn Gottes der Leitfaden durch das Evangelium ist. Bei der Taufe Jesu sagt die Stimme vom Himmel: „Das ist mein geliebter Sohn“ („agapetos“). Bei der Verklärung Jesu genau derselbe Satz: „Das ist mein geliebter Sohn“. Und dann am Ende sagt der Hauptmann unter dem Kreuz: „Wahrhaftig, das ist der Sohn Gottes.
Also, der Kommentar nach dem Markus-Evangelium, wie dieses Wort Sohn Gottes aufzufassen ist, ist der Gekreuzigte. Unter dem Kreuz wird alles, was wir von Jesus sagen, überhaupt erst ins richtige Licht gesetzt. Wenn nun er bezeichnet wird als der „geliebte Sohn Gottes“, ist das eine Kombination von zwei Schriftstellen: In PS 2,7 heißt es, dass er der Sohn Gottes ist, und bei Jesaja: „an ihm habe ich mein Wohlgefallen“. Das kommt aus den Gottesknechtsliedern: „Das ist mein Knecht, an dem ich mein Wohlgefallen habe“.
Und Lukas sagt in seiner Kindheitsgeschichte: „Dieser wird Sohn Gottes heißen“. Im Johannes-Prolog wird dann das Wort Sohn Gottes in den Schoß Gottes hinein verlegt mit Hilfe der Logos-Meditation.
Woher das Wort logos kommt, darüber streiten sich die Gelehrten: Entweder ist es vom jüdischen Philosophen Philon v.Alexandrien oder aus den Weisheits-Büchern des AT, wo die Weisheit [˜ sophia] göttliche Qualität bekommt. Heute neigt man mehr dazu, dass Johannes das aus der Weisheitsliteratur genommen hat. Jedenfalls möchte er sagen: Dieser Jesus Christus verdient den Titel Sohn Gottes, weil er am Herzen des Vaters liegt (so sagt er). Er ist also nicht nur erst Sohn Gottes durch seine Geburt, sondern er ist (nun kommt das Wort:) präexi-stent: Vor seiner Geburt ist er schon beim Vater, so wie die Weisheit in den Weisheitsbüchern als vor aller Schöpfung dargestellt wird.
Von dorther kommt also hinein die Gedankenwelt, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist!
Und die Griechen stellen die Frage nach dem Wesen des Sohnes Gottes. Nicht mehr so die Frage: wie hat er gelebt, dieser Jesus Christus? Wir stellen also fest: Diese philosophische Frage bewegt die Menschen immer: Wie ist das zu verstehen mit diesem Sohn Gottes?
Paulus hat im Epheserbrief den uns bekannten Hymnus eingetragen: Er kam von oben, stieg bis zum Kreuz herab und wurde wieder hineingeholt in die Herrlichkeit Gottes. Man merkt also, dass die Urchristenheit mit der Frage umgeht, wie können wir das Wort Sohn Gottes noch tiefer durchleuchten und verstehen? Und das taten sie auf die damals übliche Weise, wie man eben damals fragte. Und das fassen wir heute in die Worte: Ist er homo-usios (omoousioV) oder homoi-usios (omoiousioV)? Ist er Gott gleich oder ist er nur Gott ähnlich? Diese Frage hat die Urchristenheit Jahrhunderte lang beschäftigt. Und so kommt das Konzil von Chalzedon 451 n.Chr. (nachdem schon vorher das Konzil von Nizäa [325 n.Chr.] sich der Frage annahm: „Wie können wir das zusammen bringen: Er kommt von Gott und ist Mensch gewesen? Wie ist das zu verstehen und zu kapieren?“) auf die Formulierung, dass Er in seiner Person zwei Naturen vereinigt, „unvermischt, unverwandelt, ungetrennt und ungesondert“, sagt das Konzil. Die göttliche Natur und die menschliche Natur zusammengehalten in der einen Person Jesus.
Das ist die zeitbedingte Antwort der damaliger Zeit. Damals beruhigte sich nach und nach die Christenheit. Das ist gar nicht anders möglich. Immer versuchen die Menschen, Antworten von der Zeit her zu finden. Bei uns setzen die Fragen anders ein. Uns ist heute bewusst, dass es in dieser Formulierung Einseitigkeiten gibt, Blickverengungen.
* Das Wort Person ist schillernd, nicht eindeutig geklärt, was das ist. Zunächst mal fragt man sich, woher kommt eigentlich das Wort Person? Vermutlich und wahrscheinlich aus dem Etruskischen „persun“ und bedeutet Maske; der Jäger verkleidete sich, legte eine Maske an, um eine Beute zu machen. Wer heute noch nach Afrika fährt und eine Trauerfeierlichkeit mit macht, der sieht, wie die Maske eine ungeheure Rolle spielt in der Verarbeitung der Trauer. Die Maske identifiziert den Träger mit einem anderen Wesen. Der Maskenträger spielt nicht eine Rolle, sondern er verwandelt sich in sie. Nicht zutreffend ist, das Wort Persona von (lt.) per-sonare abzuleiten, d.h. durch-tönen. Im Griechischen ist persona übersetzt mit prosopon (proswpon), das was man seiner Person gegenüber sieht: Maske, Gesicht, den anderen erkenne ich an seinem Gesicht. Heute versteht man unter Person ein Individuum, ein selbständiges Subjekt, also etwas ganz anderes als Chalzedon. Daher kommt die Schwierigkeit: Wir gehen mit einem Vokabular um, das man damals anders verstand, als wir es heute von unserem Denken aufnehmen.
* Das Wort Natur: Was ist Natur? Das Lateinische leitet sich her von nasci ˜ geboren werden; im Griechischen physis (jusiV) ˜ Geburt. Das legt nahe, dieses Wort so zu verstehen, dass alles erst im Entstehen ist, im Werden, Wachsen. Heute verstehen wir ....
(Bandwechsel)
... Menschen hinterm Ofen herausholen, indem man mit diesen Worten operiert. Das scheint uns alles sehr fremd, sehr konstruiert, und man kann heute gut verstehen: In der Begegnung mit den altorientalischen Christen, denen man Jahrhunderte lang vorgeworfen hat, dass sie Häretiker sind, erkennen wir heute: Sie haben damals die Formulierungen nicht verstanden! Sie sprachen nicht Griechisch und sie konnten in ihre orientalische Sprache das nicht übersetzen was damals in griechisch-philosophischer Weise ausgedrückt wurde. Und heute erkennt man: Sie meinen eigentlich dasselbe mit einem anderen Vokabular. Das ist es also in etwa, kurz skizziert.
Das Wort eingeboren hat genau so eine Schwierigkeit. Ein Eingeborener - darunter verstehen wir einen Menschen, der in einem bestimmten Land oder in einer bestimmten Stadt zu Hause ist. Wahrscheinlich ist das Wort eingeboren hergeleitet aus zwei Stellen des Johannes-Evangeliums:
„Wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater. (monogénes [monogenhV] = einzig)
„So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab“ (wieder das Wort monogenes )
Dann haben wir im AT viele Stellen, dass Gott sein Volk als sein geliebtes (agapetos) Volk anredet. Es will also ein Liebesverhältnis ausdrücken zwischen Eltern und Kindern, zwischen Gott und seinem Volk. In der griech. Mythologie wird die Göttin Athene mit dem Attribut „monogénes“ ausgezeichnet und man meint damit die Einzigartige. Wahrscheinlich ist mit dem eingeborenen Sohn Gottes gemeint der Einzigartige geliebte Sohn des Vaters im Himmel. Das ist etwa die Eindeutschung von heute; der Sohn Gottes schlechthin, weil er die letzte, die tiefste verbindliche Liebe Gottes in sich trägt.
4. Das letzte Stichwort „Unser Herr“,
kurz gedeutet und übersetzt aus dem Griechischen Kyrios (kurioV), dem Jahwe-Titel. Die Septuaginta übersetzt ins Griechische regelmäßig Jahwe mit Kyrios. Gemeint ist in der griechischen Zeit: Der Sklavenhalter. Das Wort Kyrios wird in der Alltagssprache für den Chef eines Hauses gebraucht; oder für den König, weil ihm das Volk unterworfen ist; auch der gesetzliche Vormund wird Kyrios genannt. Heute würden wir sagen, man tituliert einen König 'seine Majestät'. Und weil die Götter die Macht über die Menschen haben, sind sie die Kyrioi, die Herren.
Seit alter Zeit besteht der urchristliche Gebetsruf 'maran atha', das ist aramäisch und heißt „Du Herr komm!“. Das ist das erste Stoßgebet, was schon Paulus im 1.Korintherbrief der Gemeinde in den Mund legt, sie solle rufen „marana tha“.
Mar ist der Herr, ana ist unser, tha ist gekommen. In den Sprachen damals hat man das alles mitgehört; Vergangenheit – Gegenwart - Zukunft. So ist das Wort Herr zu uns gekommen; auch mit dem haben wir heute Schwierigkeiten, weil wir uns mehr als Brüder und Schwestern sehen und Jesus Christus als unsern Bruder bezeichnen. Wir müssen also viele dieser aus der Geschichte kommenden Worte abklopfen auf ihre Geschichte hin. Wir haben den Auftrag, sie sozusagen leuchtend zu machen für uns. Meine Hilfestellung wäre: Wenn ich sage: „An den einen Herrn“, dann würde ich sagen: das ist der, der bedeutsam für mein Leben ist. Unter den vielen Herren, den Gewaltherren, die wir kennen lernen, ist es der, der die Fußwaschung als Zeichen gewählt hat, dass er in seinem Herr-Sein als Dener aller verstanden werden möchte. Jesus - der Name ist Sendung: Er sagt uns: Gott ist Rettung und Heil. Das möchte Jesus leben, in seinem ganzen Tun. Als Heilender, auf die Menschen Zugehender.
Er ist der Christus, er ist der, der uns das wahre Königtum vorlebt, nämlich dass in ihm alle Autorität Gottes sozusagen schaubar wird, wie Gott mit den Menschen umgeht. Und darum dürfen wir uns Söhne und Töchter Gottes nennen, so sagt Paulus es in dem Text.
Wir sind Gesalbte durch die Firmung. Wir haben Anteil an der Würde der Königs-Priesterschaft Gottes, wie uns die Schrift sagt. (Petrusbrief). Und Gottes eingeborener Sohn - er ist das Geschenk Gottes für uns.
In dem Wort soll der Ausdruck uns gegeben werden: Größeres kann Gott uns nicht geben als sich selbst in diesem Jesus von Nazareth.
So wollen wir die Worte unseres Glaubensbekenntnisses von dem Empfinden unserer Zeit nicht auslöschen, weil sie eine große Geschichte haben, weil sie in ihrem Text bis in die Wurzeln des AT hineinreichen. In ihm klingt eine ganze Sinfonie auf. Da können wir auch nicht einfach sagen: Wir lassen nur die Töne unserer Zeit zu, sondern - wie bei einer Harfe - wir lassen alles aufklingen und die Töne müssen so von uns angenommen werden dass unser Herz ins Schwingen kommt.
Amen