„... der Himmel und Erde erschafft ...“
(Gen 1,1 – 2,4; Joh 1,1 – 5. 9 - 14)
Lesungen
1. Gen 1,1 – 2,4
1 1 Im Anfang brachte Gott Himmel und Erde hervor.
2 Die Erde aber war (noch) ungeordnet und unbewohnbar, und Finsternis war über dem Urgrund, und der Atemsturm Gottes tobte über das Wasser. 3 Gott sprach: Licht entstehe! Licht entstand. 4 Und Gott sah das Licht: dass es gut ist. Da trennte er das Licht von der Finsternis, genau in der Mitte, 5 das Licht aber rief er »Tag«, die Finsternis »Nacht«.
So wurde es Abend, wurde es Morgen: Ein Tag.
6 Gott sprach: Ein Gewölbe (ein Festes/„Firmament“) entstehe inmitten des Wassers, und dies sei eine Scheide mitten zwischen Wasser und Wasser! So geschah es: 7 Gott machte ein Gewölbe und trennte das Wasser in der Mitte, jenes unterhalb des Gewölbes von jenem oberhalb des Gewölbes, genau in der Mitte.
8 Das Gewölbe rief Gott »Himmel«.
So wurde es Abend, wurde es Morgen: Zweiter Tag.
9 Gott sprach: Das Wasser unterhalb des Himmels sammle sich an einem gemeinsamen Ort, das feste Land werde sichtbar! So geschah es: 10 Das feste Land rief Gott »Erde« und die Vereinigung der Wasser rief er »Meere«. Und Gott sah, dass dies gut ist. 11 Gott sprach: Die Erde bringe Pflanzen zur Nahrung hervor, die Samen ausstreuen nach ihrer Art und Ähnlichkeit, und Fruchtholz, das Frucht hervorbringt, worin sein Same ist nach seiner Art, auf der Erde! So geschah es: 12 Die Erde trieb Pflanzen zur Nahrung aus, die Samen ausstreuen nach ihrer Art und Ähnlichkeit, und Fruchtholz, das Frucht hervorbringt, worin sein Same ist nach seiner Art, auf der Erde. Und Gott sah, dass dies gut ist.
13 So wurde es Abend, wurde es Morgen: Dritter Tag.
14 Gott sprach: Lichter entstehen im Gewölbe des Himmels, die zur Erde leuchten, auf dass Tag und Nacht unterscheidbar werden, genau in der Mitte, und dass sie Zeichen für den besonderen Augenblick werden, genauso auch für Tage und Jahre, 15 und dass sie Lichter am Gewölbe des Himmels werden, um der Erde Licht zu geben. So geschah es: 16 Gott machte die zwei großen Lichter - das große Licht als Ursprung des Tags, das kleinere Licht als Ursprung der Nacht - und die Sterne. 17 Gott setzte sie ans Gewölbe des Himmels, um der Erde Licht zu geben, 18 um den Tag und die Nacht zu gründen, um zu trennen zwischen dem Licht und der Finsternis, genau in der Mitte. Und Gott sah, dass dies gut ist.
19 So wurde es Abend, wurde es Morgen: Vierter Tag.
20 Gott sprach: Das Wasser wimmle von einem Gewimmel lebender Wesen, Vögel fliegen über die Erde unter dem Gewölbe des Himmels! 21 Und Gott brachte die großen Ungetüme des Meeres hervor und alle Tiere quirligen Wesens, von denen das Wasser wimmelt, jedes nach seiner Art, und alle gefiederten Vögel, jeder nach seiner Art. Und Gott sah, dass dies gut ist. 22 Da segnete Gott sie mit den Worten: Gedeihet und werdet zahlreich und füllt die Wasser in den Meeren, und der Vogel mehre sich auf der Erde!
23 So wurde es Abend, wurde es Morgen: Fünfter Tag.
24 Gott sprach: (Auch) die Erde treibe lebende Wesen hervor, jedes nach seiner Art: Zahme Vierbeiner und Krabbelvolk und Wildtiere auf der Erde, jedes nach seiner Art. So geschah es: 25 Gott machte die wilden Tiere der Erde, jedes nach seiner Art, und die Haustiere, jedes nach seiner Art, und alle niederen Tiere, jedes nach seiner Art. Gott sah, dass dies gut ist. 26 Gott sprach: Bringen wir Mensch hervor nach unserem Bild, uns ähnlich. Sie sollen für die Fische des Meeres Verantwortung tragen, für die Vögel des Himmels und für die Haustiere, für die ganze Erde und für alles Getier, das auf der Erde läuft. 27 Und Gott brachte den Menschen hervor, zum Bild Gottes machte er ihn, männlich und weiblich machte er sie. 28 Gott segnete sie und sprach: Gedeihet und werdet zahlreich, erfüllt die Erde und hegt sie, euch zu Nutzen, tragt Verantwortung für die Fische des Meeres und die Vögel des Himmels und alles Vieh, für die ganze Erde und für alles Getier, das auf der Erde läuft. 29 Sprach Gott: Hier, nehmt meine Gabe: Fruchtbares Ackerland, das Samen sät, weit über die ganze Erde, und jedweden Baum, der Früchte trägt mit Samen zum Säen - euch zur Nahrung -; 30 auch allen Wildtieren der Erde, allen Vögeln des Himmels und jeglichem Getier, das auf der Erde läuft, allem also, was lebendiges Wesen hat, alle grüne Weide zur Nahrung. So geschah es. 31 Und Gott schaute alles an, was er hervorgebracht hatte, und siehe da: Dies ist sehr gut.
So wurde es Abend, wurde es Morgen: Der sechste Tag.
2 1 Vollendet waren der Himmel und die Erde und ihre ganze Pracht (Herrlichkeit). 2 Vollendet hatte Gott am siebten Tag das Werk, das er gemacht hatte, und am siebten Tag feierte er all seine Werke, die er gemacht hatte. 3 Und Gott segnete den siebten Tag und machte ihn zum heiligen Tag, denn da hat er all seine Werke gefeiert, die zu erschaffen ER, Gott, der Urgrund war. 4 Dies ist die Schrift vom Werden des Himmels und der Erde, wie sie erschaffen ist.
Übersetzung: Martin Luther / Martin Buber / Zürcher Bibel / Christian Gallasch
Ein gewaltiger Text, dieser „Schöpfungsbericht“, liebe Gemeinde,
daher möchte ich an dieser Stelle auch keine großen Worte machen, den Text nicht zerreden, nur ein paar kleine Hinweise geben, für Ihre Aufmerksamkeit.
Unser heutiger Kontext sind ja die Zeilen aus dem Glaubensbekenntnis: „(Wir glauben an Gott), in allem wirkmächtig, der Himmel und Erde erschafft, das Sichtbare und das Unsichtbare.“ Zwei Begriffe möchte ich herausgreifen: „Allmacht“ und „Erschaffer von Himmel und Erde“.
Allmacht
Das griechische pantokratwr (pantokrator) hat man ins Lateinische als „omnipotens“ herüber genommen, im Deutschen ist dann „allmächtig“ daraus geworden. Ein schönes Beispiel, wie schwierig das Übersetzen ist, und welche Verzerrungen da entstehen können. Die lateinische/ deutsche Fassung des Wortes klingt ein bisschen wie „Alleskönner“, wir reden von „Omnipotenzgehabe“ im Sinn einer Neurose. Das griechische Wort wäre aber viel treffender erfasst im Wort „Weltherrscher“: Die ganze Welt ist in seiner Hand, nichts ist ohne seine Kraft, er ist in Allem mächtig.
Erschaffer
Auch hier ist das griechische poiein (poiein) sehr vieldeutig. Die schlichteste Übertragung wäre „machen“, aber bereits im Lehnwort „Poesie“ spüren wir eine andere Dimension. „Erschaffen“, „schuf“ und ähnliche Begriffe sind dann auch im Deutschen reserviert für ganz spezielle Weisen des „Machens“: Der Künstler schuf ein Werk, sagen wir. Wir sagen nicht: Der Maurer schuf ein Haus, oder: der Biologe erschuf eine neue Maissorte.
Beim Künstler aber denken wir an ein „aus-sich-Hervorbringen“, an etwas Neues, nie Dagewesenes, Einzigartiges, Unnachahmliches.
Gemeint ist aber hier: Gott ist der, ohne den nichts ist, alles lebt aus ihm, sein Lebensatem durchflutet alles, was ist. Manchmal beten wir im Hochgebet: „Durch ihn und mit ihm und in ihm ...“ - das genau ist es, aber man braucht oft viele Worte, um ein Geheimnis zu umschreiben, das man nicht einfach so sagen kann wie „Wasser ist zum Waschen da...“.
Nun zum Genesis-Text
Die Erde war ein „Tohuwabohu“. Dies ist ein für diesen Zweck erfundenes und nahezu unübersetzbares hebräisches Sprachspiel. Martin Buber dichtet: „Irrsal und Wirrsal“. Gemeint ist eine bedrohliche und lebensfeindliche Welt.
Gott sprach: Licht entstehe! In diesem Augenblick entsteht auch Zeit: Die Teilung von Licht und Finsternis erzeugt Zeit. Eine alte Hausinschrift in Augsburg sagt: „Die Zeit teilt, eilt, heilt“. Corneille sagt: „Die Zeit ist eine große Meisterin: Sie ordnet alles.“
Noch gibt es nur diesen einen Tag; deshalb heißt es dann „ein Tag“, nicht „erster Tag“, wie es die meisten Übersetzungen bringen. „Heute“ können wir nicht zählen, erst morgen werden wir anfangen zu zählen.
Gott sah das Licht als „gut“ an. In der Septuaginta steht an dieser Stelle (und allen weiteren) „kaloV“ (kalós). Das heißt nicht einfach „gut“. Zuerst heißt es mal „schön“, aber das deutsche „schön“ ist heute sehr eng geworden und meint mehr und mehr die hübsche Oberfläche, Ästhetik, Design. Im heutigen Griechenland wird man von Nachbarn mit den Worten begrüßt: „kal¢ hmera! ti kanete? kala?“ (kal´ himéra! ti kánete? kalá?), „Guten Tag! Wie geht es euch? Gut?“ Im Deutschen würden wir nie sagen „Mir geht es schön!“ Aber genau diese Art von „gut“ ist hier gemeint: Gott findet seine Schöpfung schön, rund, vortrefflich, ansehnlich - einfach gelungen. Heute war absolut mein Tag, würde er heute gesagt haben. Sagt er heute.
Und so fährt er fort, Himmel und Erde bewohnbar zu machen, einen Tag nach dem anderen, und alles gelingt vortrefflich.
Dann macht er Mensch - ohne Artikel -, d.h. nicht einen, nicht einige, nicht soundsoviele, nicht alle, sondern er macht das Prinzip Mensch, also gewissermaßen die Menschheit. Und die macht er zweigeschlechtlich, als sein Abbild ...
Und dann kommen diese gefürchteten Worte, die wir nur kennen als „macht euch die Erde untertan“ und „herrscht über“ dies und das. Keine Epoche seit der Aufklärung, die nicht müde wurde, diesen göttlichen Segen als anmaßend, hegemonial, imperialistisch misszuverstehen. (Und die real existierende Kirche hat nicht selten ihre eigene Verfasstheit mit diesen Zeilen zu rechtfertigen versucht, wie man der Ordnung halber hinzufügen muss.)
Um diese Zeilen angemessen zu verorten, müssen wir uns in archaische Zeiten zurückversetzen, nicht in einem historischen, sondern in einem theologischen Sinn. Der gute König war eben kein Unterjocher und Peiniger, der seine Pyramiden oder Paläste auf den Knochen der Geknechteten errichtete. Der gute König war ein Heger und Pfleger, einer, der Verantwortung übernahm für die ihm Anvertrauten. Später wird er einmal „der gute Hirte“ genannt werden. Genau dieser gute König ist hier gemeint, wenn Gott den Menschen „über“ die Schöpfung stellt.
Und im Schluss feiert Gott sein Werk, er macht Feierabend, und zwar voller Genuss und Freude, denn alles ist vollendet gelungen.
1. Joh 1,1 – 5. 9 - 14
1 Im Anfang war das Wort, und das Wort war auf Gott hin, und Gott (selbst) war das Wort. 2 Dies war im Anfang auf Gott hin. 3 Alles ist durch das Wort hervorgebracht, und nicht ein Gewordenes ist ohne das Wort geworden. 4 In ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. 5 Das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht begriffen.
[...]
9 Das Wort war das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet: seither ist es in der Welt. 10 In der Welt war es, und die Welt wurde durch es hervorgebracht, die Welt aber erkannte es nicht. 11 Das Wort kam in sein Eigenes, die Seinen aber nahmen es nicht an.
12 Allen aber, die es annahmen, gab er die Freiheit, Kinder Gottes zu werden: Denen, die an seinen Namen glauben, 13 die weder aus der Blutsverwandtschaft noch aus dem Verlangen des Leibes noch aus dem Wollen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.
14 Und das Wort wurde Leib und wohnte mitten unter uns, und wir schauten (staunend) seine Herrlichkeit: eine Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater her, voller Gnade und Wahrheit.
Übersetzung: Martin Luther / Zürcher Bibel / Einheizübersetzung / Christian Gallasch
Noch so ein gewaltiger Text.
Johannes kannte selbstredend den Genesis-Text.
Und er wählte in voller Absicht die selben Anfangsworte: „IM ANFANG“. Wieso „im“?, fragen wir, das heißt doch „am Anfang“. Nein, die Autoren der alten Priesterschrift und der Evangelist Johannes schrieben ausdrücklich „im Anfang“.
Die Bibel macht keine naturwissenschaftliche Aussage über die Entstehung der Welt. Kein Urknall, kein Urschleim, keine atmenden schwarzen Löcher, kein vieldimensionales Universum, keine Parallel-Welten. Erst recht nicht ein selbstvergessener Baumarkts-Freak, der irgendwann aus Langeweile mal eben Himmel und Erde zu basteln anfängt.
Darüber wird keine Aussage gemacht. Wohl aber über den, der in dieser Welt je schon immer anwesend, gründend, mächtig ist. Dies wissend, benennt Johannes den Urgrund allen Seins, jeden Anfangs, als „Wort“.
In jedem Anfang ist das WORT.
„Alles ist durch das Wort hervorgebracht“, sagt er.
Da erinnern wir uns natürlich daran, dass in der Genesis Gott die Welt sprechend, also mit Worten hervorbrachte: „Gott sprach: es werde...“. Wir haben es also wiederum mit einem theologischen Sachverhalt zu tun, anders gesagt: Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um Gottes Verhältnis zu uns, unser Verhältnis zu Gott. Um nichts sonst.
Johannes greift noch weitere Motive der Schöpfungserzählung auf: z.B. das Thema „Licht – Finsternis“ (überhaupt ja sein Lieblingsthema) oder: „Menschen, aus Gott geboren“.
Und dann jener archaische Kernsatz dieses sog. Prologs: „Das Wort wurde Leib“. Wir hören ganz still einen Augenblick zurück. Ist da nicht ein Echo? Etwa so: »Und Gott sprach: Das Wort werde Leib! Und das Wort ward Leib.« Nein?
Es ist mehr als offensichtlich, dass Johannes hier den Genesis-Faden aufnimmt, um gewissermaßen einen weiteren Schöpfungsbericht zu schreiben. Oder: die Genesis neu zu schreiben für die Ohren seiner Zeit. Denn beide Texte erzählen nichts Verschiedenes. Sie erzählen davon, wie innig, untrennbar und bedingungslos Gott in seiner Schöpfung ist, als guter König, als Licht in den Herzen der Menschen, als Befreier, als Wort zwischen/ inmitten von uns.
Und in guter Prophetentradition klagt Johannes auch über die Blindheit der Menschen, die nicht begreifen wollen, welche Herrlichkeit, welche grenzenlose Liebe sich vor ihnen auftut.
Aber die Gnade des Spätgeborenen ermöglicht Johannes auch, auf einen elementaren Umstand besonders deutlich hinzuweisen: Die Freiheit, Kinder Gottes zu werden, gehört denen, die an seinen Namen glauben. M.a.W.: alles, was wir hier gelesen und gehört haben, findet ausschließlich im Glauben statt.
Das „Licht in der Finsternis“ ist das Licht der glaubenden Liebe; auch die Genesis spricht nicht von der „Sonne“, sondern vom „großen Licht“. Und das Verwerfen eines naturwissenschaftlichen Diskurses finden wir auch bei Johannes wieder: die Ebene der Blutsverwandtschaft etwa interessiert nicht angesichts der überwältigenden Herrlichkeit der Liebe Gottes.
Das ist die Wahrheit, die den Christen interessiert.
Wenn ich sage, dies sei ein weiterer Schöpfungsbericht (es gibt ja mehrere - aus einem davon, Ps 104, werden wir nachher noch hören), ergibt sich die Frage, was nun eigentlich mit „Schöpfung“ gemeint sei.
Die Vorstellung, die mir als Kind beigebracht wurde, lautete: Da sitzt einer in einem grenzenlosen Meer aus Nichts und eines Tages kommt es ihm - völlig spontan und grundlos - in den Sinn, aus diesem Nichts ein Etwas zu machen, also beispielsweise Himmel und Erde. Bei einem solchen - für sich schon leicht absonderlichen - Vorgang bleibt dieser Schöpfer seiner Schöpfung äußerlich und fremd, denn er darf ja seinen Platz als Ewiger, Vollkommener usw. nicht verlassen. Diese weit verbreitete Vorstellung führte immer aufs Neue zu der Frage „Wo bist Du, Gott“, wenn nämlich die Dinge gerade mal nicht wie gewünscht liefen. Man erfährt Gottes geschichtliche Abwesenheit, wie Juri Gagarin weiland im All Gott nicht vor die Kamera bekam. Wir neigen dazu, mit dem selben Blick und ebenso vergeblich wie der Kosmonaut nach Gott zu fahnden. Wir fahnden stets an den Orten des Grauens nach seinem Trost und sind enttäuscht oder verärgert, dass nicht seine strafende Hand aus den Wolken fährt um - je nach Blickrichtung - Saddam Hussein, George Bush, Jassir Arafat oder Ariel Sharon zu töten - nein: nicht zu töten, aber irgendwie aus dem Verkehr zu ziehen, zu neutralisieren, und so uns zu schützen.
Ist es wirklich das, was Gott, der Vater und Schöpfer, sein soll? Eine schnelle NATO-Eingreiftruppe? Eine himmlische GSG 9? Der ultimative Security-Service?
Wir haben eine kleine Brücke über diesen reißenden Fragestrom: Paulus´ Brief an die Philipper. Wir kennen diesen Passus: „Er [...] entäußerte sich selbst [...], indem er den Menschen zum Verwechseln ähnlich wurde ...“(Phil 2,7). Das ist es! Verstehen wir klar, was diese altehrwürdige Chiffre „entäußern“ eigentlich bedeutet? Wir hören sie ja nur noch in der Kirche, zur verbalen Floskel geronnen. Das griechische Wort „kenow“ (kenóo) heißt einfach „leeren, leer machen“, also: ein Nichts dort machen, wo vorher etwas war. Hier ist noch das Reflexivpronomen „sich selbst“ angefügt. Also: Er entleerte sich selbst, nichtete sich selbst, um Menschengestalt anzunehmen.
Das klingt zunächst wie eine Umkehrung des Schöpfungshandelns: M.Luther übersetzte das Tohuwabohu mit „wüst und leer“ - Gott macht Ordnung und Fülle daraus. Hier aber nun wird eine Leere, wo vorher etwas war. Bei genauerer Betrachtung aber können wir sehen, dass in beiden Texten die selbe Dynamik abläuft. Gottes Vollkommenheit duldet nicht, dass es etwas außerhalb seiner gibt; wenn er also Welt „hervorbringt, erschafft“, in ihr ist, entkleidet er sich seiner ewigen, unbewegten Göttlichkeit und wird Welt, wird Geschichte. Und das Ganze, ohne mit dem „Gott sein“ aufzuhören.
Natürlich ist das ein Paradox. Aber es wird jetzt deutlich, dass die Genesis auch eine Erzählung von der „Selbst-Entleerung“, der Selbstentäußerung Gottes ist. Auch die Erschaffung des Menschen geschieht in ausdrücklicher Ähnlichkeit zu Gott, gerade so wie die Anverwandlung des Wortes Gottes in die Menschengestalt Jesus. Diese beiden Schöpfungserzählungen finden wir aufs schönste zusammengefasst in der berühmten Johannesbrief-Stelle: „Darin ist die Liebe Gottes in uns erschienen, dass Gott seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben“(1 Joh 4,9).
Johannes, der große Mystiker und Theologe, hat diese Dynamik pointiert herausgearbeitet: Gott als Schöpfer und die Menschwerdung seines Sohns sind der selbe immer währende Vorgang der liebenden Selbstentleerung Gottes: Gott gibt sich radikal in die Welt, gibt sich vorbehaltlos in die Hände der Menschen (bis hin zum Tod, wie wir ja wissen). Das ist die Realisierung der göttlichen Liebe und zugleich deren Botschaft. In Jesus sind Botschaft und Bote eins. Jesus ist das Wort Gottes.
Gott ist also schon immer Geschichte, denn er ist, wie wir hörten, im Anfang, in jedem Anfang, enthalten. Eine radikalere Hingabe ist nicht denkbar. Und einmal mehr verstehen wir, dass dies theologische Aussagen sind. Es wird nicht von Gott als einem alten kauzigen Töpfer geredet, sondern als einem Synonym für die jedes menschliche Maß sprengende, bedingungslose Liebe, die wir nicht aus uns allein hervorbringen können, sondern nur in Teilhabe an diesem großen göttlichen Atem, der uns belebt. Und das ist nur im Glauben möglich - die Welt schweigt hierzu, prinzipiell und ohne Ausnahme.
Das ist die „wirkmächtige Ohnmacht“ Gottes, wenn er sich der Welt und den Menschen ganz überantwortet und in seinem Tod wiederum selbst zur Botschaft wird: Zur Botschaft, dass man Liebe nicht kreuzigen und töten kann, dass Liebe Licht und Leben hervorbringt inmitten der größten Finsternis, inmitten der unmenschlichsten Umgebung, inmitten von Tod und Verzweiflung. So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er ganz und gar Welt- und Menschen-Geschichte geworden ist und sie zugleich überwindet.
Mit diesem winzigen Ausblick auf das österliche Geheimnis erkennen wir wiederum eine weitere Schöpfungserzählung: Die Geschichte von der Auferstehung. Auch hier ist wieder etwas leer, diesmal das Grab Jesu. Die Erzählung bündelt sich aufs schönste in der Emmaus-Legende, in der die zwei Jünger beim Brechen des Brotes die Glaubenswahrheit entdecken: Die „wunderbare Leiblichkeit“, wie einmal ein Theologe formulierte. Hier wird Gott leiblicher Mensch: Im Brechen des Brotes, im Teilen des Weins, im Wort, das wir einander weitersagen, im Wort, das dann zur liebenden Tat wird und unsere Herzen mit Feuer erfüllt. „Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu werfen, und was will ich anderes, als dass es brenne!“(Lk 12,49)
Wir können schlechthin nie aus der Liebe Gottes herausfallen, nichts und niemand kann uns von ihr trennen. Das - und nicht weniger - dürfen wir im Glauben sagen. Das kann man in niemanden hineinreden. Das geht nur als Einladung, als Einladung zum gemeinsamen Mahl zum Beispiel. (Die Inquisition hat versucht, es in die Menschen hineinzuprügeln und hineinzubrennen, und hat gerade so die Liebe verraten, vernichtet.)
Es könnte der Eindruck entstehen, ich redete hier einer strikten Trennung zwischen „Welt“ und „Reich Gottes“ das Wort, anders gesagt: zwischen Glaube und Alltagspolitik. Das Gegenteil ist der Fall. Gottes Geschichte beginnt nicht erst mit der Menschwerdung in Jesus von Nazareth. Das „Neue Testament“ ist eher ein „neu formuliertes“ Testament: Der immerwährende Bund Gottes mit den Menschen, ein Bund, der in allem Anfang unwiderrufbar geschlossen ist.
Und der 11.September 2001? könnte einer fragen, oder: die Kriege, die Katastrophen, der alltägliche Horror im Bundestag, der Sadismus der Fernsehproduzenten, usw.usw.? Uns fallen mühelos hunderte von Klagen und Fragen ein.
Die Antwort ist immer die selbe: Alles ist immer schon aus der Liebe und auf die Liebe hin geschaffen. Wir befinden uns unaufhörlich in Gottes bergender Hand. „In ihm leben wir, bewegen wir uns, sind wir“, wie Paulus in Athen predigt (Apg 17,28).
Das bedeutet ja eben nicht, dass es keinen Schmerz mehr gäbe, keinen Tod, kein Leiden. Auch Jesus hatte möglicherweise Pubertätsakne, Migräne oder Verdauungsbeschwerden. Um diese Art von Leiden geht es überhaupt nicht. Auch den leiblichen Tod ist Jesus gestorben - wie alle Menschen. Aber die Liebe ist stärker als diese Art Tod, dieser Tod hat keinen Stachel mehr (1 Kor 15,55), „die Machtlosigkeit Gottes ist stärker als die Menschen“(1 Kor 1,25). Das Leben in Gott tritt nicht an gegen das Leben in dieser Welt mit all seiner Verfasstheit, sondern um es zu erlösen, d.h. zum Leuchten zu bringen. „Und Gott schaute alles an, was er hervorgebracht hatte, und siehe da: Dies ist sehr gut!“ (Gen 1,31)
Der Glaubende - und wir reden ja über das Glaubensbekenntnis - überschreitet eine Schwelle, eine existenzielle Schwelle: Vom distanzierten, intellektuellen, unberührten „Sprechen über Gott und die Welt“ zum be- und ergriffenen Selbst-zur-Botschaft-werden, in der gewollten Ähnlichkeit zu Jesus Christus, unserem „ersten Bruder“. Bei diesem „Schwellengang“ gibt es zwangsläufig Schwellenangst, die uns immer dann befällt, wenn es darauf ankommt, wenn wir JA oder NEIN sagen sollen, wenn wir radikal mit unserer Existenz gefragt sind - in Wort und Tat.
Da beginnt das glaubende Christsein, anders gesagt: da beginnt das Mensch-Sein. Denn der Christ definiert sich als jemand, der der Liebe Gottes seine Antwort nicht verweigert, sondern sich ebenfalls „entleert“, sich der Geschichte und den Menschen hingibt, so gut er es eben kann. Dann erfüllt sich die Geschichte Gottes, die eine Geschichte aus der Leere ist. Dann wird Erde zum Himmel, dann entsteht das „neue Jerusalem“, dann wird das Leid zum Lied!
So soll es sein!